Nobuyuki Watanabe Sensei.


In unserem Gespräch zu Bonn.

Watanabe Shihan begann 1953 bei Morihei Ueshiba – Osensei - mit dem Aikido-Training. 1958 wurde er offiziell Mitglied im Hombu-Dojo.  Sein Förderer und Lieblingslehrer im Hombu Dojo war Kisaburo Osawa. Osawa Sensei hat damals auch als Direktor des Aikikai die Geschicke des Hombu-Dojos maßgeblich mitbestimmt. Aus dieser Zeit stammen sehr viele grundlegende Einstellungen und Prinzipien, die Watanabe Shihans Aikido tief geprägt haben. Nach dem Tod von Osensei wurde das Hombu-Aikido, vornehmlich unter der Federführung des 1. Doshu, Kisshomaru Ueshiba, stark strukturiert und systematisiert. Ein wesentliches Motiv in Watanabe Shihans Aikido-Arbeit ist der Versuch, möglichst viel vom ursprünglichen „wilderen“ Aikido zu erhalten. Das betrifft vor allem das „Ki“, das zu seinem Bedauern mit dem Ausscheiden von Koichi Tohei Sensei aus dem Training verschwunden zu sein scheint, aber auch andere technische Aspekte wie z.B., dass es neben Hanmi noch andere, seiner Ansicht nach bessere Arten des Stehens gibt.

Osawa Sensei war es auch, der ihn endgültig auf seinen eigenen Weg geschickt hat, indem er ihm geradewegs verboten hat, in sein Training zu kommen, damit er endlich sein eigenes Aikido entwickelt. Dieses „eigene Aikido“ ist es auch, was er seinen hochgraduierten Schülern abverlangt, „Es gibt keinen Watanabe-Stil!“, so seine Worte. Man kann diese Formenvielfalt seines Aikido sehr gut an vielen Videos, die man z.B. bei Youtube finden kann, nachverfolgen.

Es gab eine Zeit, in der Watanabe Shihan die meisten Trainingseinheiten im Honbu Dojo gab – dies war Freitagmorgens, Samstagnachmittags, Samstagabends und Sonntagvormittags, insgesamt 6 Stunden. Er sagte dazu, dass am Wochenende oft weder Osensei noch der 1. Doshu und auch kein anderer Shihan anwesend waren. Er wurde dazu bestimmt, auf das Honbu Dojo aufzupassen und dieses zu bewachen. In früheren Jahren war es durchaus üblich, dass Budo-ka aus anderen Schulen, kamen, um die jeweilige Schule zu testen, und ggf. „dojo yaburi“ („Dojo zerfetzen“) zu betreiben. Hier hat er sich den Ruf eines „Rambo“ („Rocker“) erworben, weil er mit solchen Leuten ggf. kurzen Prozess machte.

1984 machte sich dann eine kleine Gruppe von Aikidoka, nachdem Andreas Hendrich 1982 sozusagen als Vorhut dort war, unter der Leitung von Giorgio Sapia, ihrem damaligen Lehrer, nach Tokio ins Honbu Dojo auf, um dort das „richtige“ Aikido zu erleben. Dabei waren auch damals schon Klaus Hagedorn, Michael Ibers, Martin Gruber und Thomas Witty, die auch heute noch mit Watanabe Shihan trainieren. Sie bilden auch zusammen mit Andreas Hendrich das von Watanabe Shihan eingesetzte Prüfungsgremium des Kenbukai e.V.

Obwohl Watanabe Shihan den meisten bis dahin unbekannt war, ist der Funke gleich übergesprungen und so kam es, dass er 1986 zum ersten Mal zusammen mit Sawada Sensei nach München zu einem Lehrgang ins Dojo von Giorgio Sapia kam. Dazu musste er sich allerdings privat Urlaub nehmen, da er aufgrund der damaligen Strukturen nicht als offizieller Vertreter des Hombu-Dojo auftreten durfte. Das hat sich im Verlauf der Jahre stark entspannt, inzwischen kommt er regelmäßig nach Deutschland und jetzt, unterstützt von den Freuden und Freiheiten des Offiziellen Ruhestandes, sind weitere auch internationale Reisen zu Dojos seiner Schüler geplant, beispielsweise in die Ukraine, nach Russland oder Griechenland.


 


 


 


Neben uns steht ein wunderbarer Flügel, Thomas (Prof. Thomas Christaller, Organisator des Lehrganges mit Watanabe Sensei) möchtest Du uns nicht zur Einstimmung etwas vorspielen?

Thomas: Er [Watanabe Sensei] mag schon mein Trommeln nicht.


Gudrun: Japaner die kein Taiko-Trommeln mögen, gibt es das?

Watanabe: Wer Kampfkunst ausübt benötigt ein Gefühl für Musik und Farben. Die Farben sind etwas Natürliches, die Pflanzen und die Blätter der Bäume geben uns mit ihren Farben Leben. Das Spiel der wechselnden Farben im Wind zeigt uns das Leben. Hier auf diesem Berg in Bonn sind wir in der Natur einbettet. So werden wir immer wieder daran erinnert, dass wir ein Teil dieser Sphäre sind. 

Man kann ja auch Farben für Körper einsetzen, um so „entkörpert“ neue „Bilder“ zu kreieren, die es uns erlauben, Bewegungen farblich ohne Körper zu visualisieren. 

Je nachdem, welche Farben der Andere trägt, gleicht man dies auch dem Raum an, sowie den Abstand zu ihm, sodass man, zum Beispiel, nicht geblendet wird.

Dies kennt man ja auch von Rudolf Steiner und seiner Eurythmie.

Rudolf Steiner kenne ich nicht. Aikido findet für mich nicht nur in einem Dojo statt, die ganze Welt ist für mich Aikido. Tagtäglich in der Familie oder in der Firma, findet ein sich permanent veränderndes Aikido statt. Dojo heißt ja Ort des Weges. Ich setze aber lieber, statt des DO das Wort Michi [ist die japanische (Kun-)Lesung des Zeichens“¹ (DÔ „Weg“) - aus Wikipedia]  ein. Dieses bedeutet „unbekannter Weg“ – also Basho Michi, der Ort des unbekannten oder kleinen Weges wo man übt.

Wenn Sie Fragen haben, dann fragen Sie mich bitte.

Thomas: Horst hat eine informelle Art des Interviews – es ist kein Tak, Tak, Tak, sondern ein Gespräch, dies ist bereits das Interview.


Für Osensei war es ja auch ein unbekannter Weg, er war auch auf der Suche – also auch michi?

Es war immer etwas Neues, weil er immer wieder Veränderungen vornahm – jeden Tag entschuldigte er sich dafür. Immer wieder kam ein: „Entschuldigung, das was ich gestern zeigte, da irrte ich mich…“. So waren die Schüler immer leicht verschnupft, weil Osensei ihnen scheinbar „Falsches gezeigt“ hatte. Was er dann aber zeigte, sah genauso aus wie am Vortag – in seinem Kopf aber hatte sich das wohl verändert und seine Zustimmung erfahren. In den ersten Jahren war auch ich sehr irritiert.

Wenn ich das höre, dann belustigt es mich, dass es viele Gruppen und Vereine gibt, die ihre Aikido-Richtung „Traditionelles Aikido“ benennen. Osensei war auf der Suche, ja er veränderte permanent sein Aikido. Es gab aber nie etwas wie eine feste Gewohnheit, oder einem Ritus, was eine Tradition hätte sein könnte…

… es gibt nichts Festes, Bestehendes im Aikido – es ist immer wieder neu. Aikido ist das eigene Selbst. Dieses Selbst ist immer in Bewegung, in jedem Moment erneuert es sich. Osensei sagte: „Aikido ist das eigene Selbst, man ist es eben Selbst“.

Man sagt ja auch, wenn 100 Aikidoka existieren, dann gibt es mindestens 101 verschiedene Aikidoarten oder –Formen.

Alle sind unterschiedlich – alle machen es anders – jeder Baum ist anders als der Andere, nur jeder Aikidoka will der Beste sein. Das ist eher ein Problem. (lacht)

Wenn ich ein Training gebe, dann schaue ich immer welche Blumen im Dojo stehen. Ich schaue mir die Linie, den Wuchs der Blumen an – wenn diese in einer Spirale hoch gewachsen ist, dann füge ich dies in das Training ein. Der Wuchs der Pflanze, oder das Gefühl desjenigen, der diese Blume aussuchte, die er vor den Kamiza stellte, sollte mir etwas sagen, mir damit ein Zeichen geben…
Ist das als Bestrafung gedacht, für den, der die Blume aussuchte?

(Alle brechen in lautes Gelächter aus) Also, wenn die Blumen nicht so schön sind, dann spiele ich mit ihnen schon einige Streiche. Sonst aber versuche ich die schönen Linien der Blumen mit in die Bewegung zu übernehmen.

Warum haben Sie mit Aikido begonnen, wissen sie das noch?

Als ich Osensei das erste Mal sah, da stand eine wunderschöne Silhouette im Raum, da stand ein Samurai ohne sichtbare Waffen. Diese Ausstrahlung, der Raum war gefüllt. Wie er da stand reichte für mich aus, um mit Aikido zu beginnen.

Thomas weist daraufhin, dass möglicherweise interessant sei, wie es zu der Begegnung kam.
 
Ein Bekannter schleppte mich mit in das Honbu Dojo, ich wollte da nicht hin – ich hatte keinerlei Bezug dazu. Ich weigerte mich, ich praktizierte bis dahin Sumo und Judo. Aber mein Freund redete immer wieder auf mich ein, schließlich zog und er stupste mich regelrecht in das Dojo, ich solle mir das unbedingt anschauen. Ja und da stand er Osensei – ein Samurai.

Im welchen Jahr war das?

Ich war 23 Jahre alt, also war das 1953.

[Nach erneuter Rückfrage wird von Watanabe-san bestätigt: N. Watanabe hat 1953 mit Aikido im Honbu Dojo begonnen. Zuerst hat er 5 Jahre ohne Anmeldung dort trainiert und sich dann, 1958 im Aikikai registrieren lassen].

(„Man sieht“, wie die Gedanken durch Watanabe Sensei kreisen, die Mimik arbeitet unablässig…) nach einer Weile sagt er: „Osensei sagte, der Mittelpunkt ist der Bauchnabel – dazu hatte er einen Spruch: Der Mittelpunkt ist der Schwerpunkt und der Schwerpunkt ist der Mittelpunkt, aber es gibt keinen Mittelpunkt. So saß ich mit offenem Mund glotzend da und verstand nichts. Um diesen Mittelpunkt zu suchen, deshalb bewegt man sich. Osensei hat nie gestoppt, nie stillgestanden, er bewegte sich immer in der unendlichen Acht.

Man musste aufpassen, um ihm nicht zu nahe zu kommen, es war gefährlich“ (Watanabe Sensei führt eine Hüpf- und leichte Schulterbewegung sowie die Atmung vor). (Er wiederholt die Atmung immer wieder.) Deshalb war es unheimlich gefährlich sich einer seiner Seiten zu nähern. Die Energie strahlte, sie drehte sich permanent.

Ist das Bild, das Sie von  einem Samurai hatten, erfüllt worden?

Es war ein wunderbarer Anblick, dazu die Energie die sich immer drehte. Er [Osensei] führte seine Hand immer am Herzen, in Herzhöhe, nie in Höhe des Bauchnabels. Die Hand war immer oben. Dies ist eine sehr starke Linie, die stärkste Energie-Linie.

Stärker als von seikatendem? 

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