Falsch Abgebogen

Markus Lieblingsbild
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Inzwischen ist der Farbton bei uns allgemein freigegeben, aber damals, als ich am Steuer saß, um mir dadurch die Teilnahme an Aikidō-Lehrgängen (okay, ja, und das Studium) zu finanzieren, war »hellelfenbein« der gesetzlich vorgeschriebene Farbton eines Taxis. Neben Struktur und Lebensrhythmus der Kleinstadt, in deren dörflicher Umgebung ich aufgewachsen war, lernte ich dabei hin und wieder auch einige spannende Menschen kennen, denn neben den eher langweiligen Routinefahrten kam man mit einigen von ihnen insbesondere bei längeren Fahrten ganz gut ins Gespräch. Einmal hatte ich beispielsweise meinen früheren Kunstlehrer gefahren. Der fand unsere Unterhaltung wohl auch ganz spannend, denn er erschien in der nächsten Woche auf der Matte, um sich dieses Aikidō mal genauer anzuschauen, das ich vielleicht leicht begeistert erwähnt hatte.

Bei einer anderen Tour hätte ich mich sehr gern unterhalten, es kam aber leider nicht dazu. Eine japanische Mutter mit drei Kindern zwischen geschätzt sechs und zehn Jahren stieg zu mir in den Wagen. Die Mutter konnte sich auf Englisch leidlich verständigen, wusste allerdings die Adresse nicht, zu der sie gefahren werden wollte. Die Kinder sprachen nur Japanisch, aber kannten immerhin den Weg. So kamen von ihnen mehr oder weniger rechtzeitig Ansagen, in welche Straßen wir jeweils abbiegen sollten, die die Mutter mir dann übersetzte. Zweimal mussten wir auch kurz anhalten, da sich das Nachwuchs-Trio nicht sofort einig war, wie es weitergehen sollte.

Gute Aikidōka und gute Taxifahrer:innen haben übrigens durchaus etwas gemeinsam. Sie gelangen effizient ans Ziel, weil sie insbesondere wissen, welche Wege in einer bestimmten Situation nicht erfolgversprechend sind, und diese daher intuitiv meiden, gar nicht erst probieren. Die Grundlage für diese negative Expertise sind zumeist langjährig angesammelte und verdichtete Erfahrungswerte vieler erfolgloser Versuche. Man weiß zum Beispiel einfach irgendwann, dass die Müllabfuhr die Hauptverkehrsader der Innenstadt gerade blockiert, und fährt statt in den Stau direkt den kleinen Schlenker zum Hintereingang des Bahnhofs, um diesen rechtzeitig zu erreichen. Analog spüren Aikidōka, die schon an vielen Techniken und Uke verzweifelten, dass ein bestimmter technischer Ansatz Uke nicht hinab auf die Matte bringen wird, und schwenken ebenfalls elegant um. Die negative Expertise ist also das Wissen darüber, wie etwas nicht beschaffen ist oder nicht funktioniert, sowie – und das ist besonders für Lehrende relevant – darüber, warum nicht.

Gute Aikidōka sind ja nicht notwendigerweise auch gute Aikidō-Lehrende. Ein hervorragendes Beherrschen der Techniken geht nicht zwingend einher damit, die komplexen körperlichen und abstrakten Konzepte dieser Kampfkunst auch gut zu vermitteln und eine persönliche Beziehung zu den Lernenden aufzubauen, um nicht nur (Aikidō-)technisches Wissen, sondern auch die Begeisterung dafür transportieren zu können.

Zu den entscheidenden Unterschieden zwischen guten Aikidōka und guten Aikidō-Lehrenden gehört die Fähigkeit, nicht nur Fehler zu erkennen, sondern auch deren Ursachen, sowie das Wissen, wie man diese Ursachen konstruktiv angeht, um die Fehler abzustellen. Desgleichen gilt für Schul- und Hochschullehrende: Fachliches Wissen ist fraglos sehr wichtig, qualifiziert allein aber allenfalls formal zur Lehrperson; zusätzlich ist zumindest noch fachdidaktisches Wissen erforderlich. Ebenfalls zu den Eigenschaften guter Aikidō-Lehrender gehört die Fähigkeit, innerhalb der Lerngruppe eine Atmosphäre herstellen und pflegen zu können, die es den Lernenden ermöglicht, Fehler offen anzunehmen und aus ihnen zu lernen, ohne beispielsweise eine Bloßstellung befürchten zu müssen.

Der Umgang miteinander bei der Fehlersuche und bei identifizierten Fehlern, die Fehlerkultur im Dōjō, ist eben ein wichtiger Aspekt für das persönliche Lernerlebnis und darüber hinaus für das soziale Gefüge. Wird arrogant auf mich herabgesehen, weil ich auch beim zweihundertsiebenundfünfzigsten Shihō-nage noch irgendwas mit den Beinen falsch mache? Wird mit spitzer Zunge oder gar leichter Schadenfreude geäußert, dass das ja schon wieder nichts war? Oder wird mir freundlich und konstruktiv Feedback gegeben, so dass ich meine Fehler erkennen, verstehen und in Ruhe weiter daran arbeiten kann?

Um mit einem Fehler umzugehen, muss man ihn nicht nur als solchen erkennen, sondern ihn insbesondere auch annehmen. Das fällt nicht allen gleichermaßen leicht. Wenn »Fehler machen« mit der eigenen Selbstwahrnehmung kollidiert, kann es auch mal passieren, dass man gegenüber denjenigen, die die eigenen Fehler aufzeigen, einen Groll entwickelt. Falls es nicht deutlich werden sollte: Gut ist das nicht.

Aikidō-Lehrende sind dabei immer Vorbild, ob man dies nun will oder nicht. Der Umgang mit eigenen Fehlern – und man kann sich drauf verlassen, dass man in jeder Hinsicht (technisch, menschlich, ...) welche machen wird – wird bewusst und unbewusst rezipiert und färbt auf die ganze Gruppe durch. Das kann für alle Seiten eine Herausforderung sein.
Einige Lehrende wollen sich eigene Fehler nicht eingestehen, die nächsten überspielen sie mehr oder minder geschickt, andere erkennen sie womöglich gar nicht erst. Und die Schüler:innen wollen eigentlich gar nicht, dass die eigene Lehrerin oder der eigene Lehrer Fehler macht oder Macken hat. Besonders im Budō werden diese gern idolisierend verklärt wahrgenommen. Manchmal redet man sich selbst dann auch Dinge schön, die von außen betrachtet vielleicht gar nicht so schön sind. Hilfreich ist das jedoch für niemanden.
Manche Lehrende leiten aus ihrer vermeintlichen Machtposition ab, dass die Schüler:innen sie und ihre Entscheidungen nicht hinterfragen sollen. Sie halten das für Loyalität und Vertrauen. Das Gegenteil ist der Fall. Niemand mit klarem Verstand folgt irgendwem, ohne zu hinterfragen. So wie eine gute Aikidō-Lehrkraft die Bewegungskausalität jeder Technik erläutern kann, sollte sie daher auch in der Lage sein, nicht-technische Abläufe im Dōjō mit den entsprechenden Hintergründen zu unterfüttern. Aus solcher Transparenz und einem Verstehen der Motive entsteht eine deutlich belastbarere Verbindung. Nicht immer wird man da einer Meinung sein, vielleicht wird man auch getrennte Wege gehen müssen, aber so zumindest die Beweggründe und Ursachen gegenseitig verstehen. Ein transparenter und konstruktiver Umgang mit den Fehlern auf der Matte bildet so eine wichtige Grundlage für einen offenen und fairen Umgang miteinander. Dann kann man nach Konflikten vielleicht irgendwann auch wieder aufeinander zugehen. Zumindest eher, als wenn jemand intransparent für die anderen agiert hat, um eigenen Interessen Vorschub zu leisten, oder gar versucht hat, jemandem zu schaden, wenn man nicht erreicht hat, was man wollte.

In Zeiten sich stetig verkleinernder Aikidō-Gemeinschaften ist der Aspekt eines konstruktiven menschlichen Miteinanders auf Augenhöhe jedenfalls bestimmt nicht zu unterschätzen. Es hilft, dafür eine gesunde Fehlerkultur zu etablieren, damit alle davon ausgehen können, dass niemand absichtlich den Blinker in die falsche Richtung setzt.

Auf dem letzten Abschnitt unserer Taxifahrt mussten wir kurz vor dem Ziel in einen lauschigen kleinen Waldweg einbiegen, der nicht gut zu erkennen war. »Migi, migi, migi!« brüllte plötzlich lautstark die Rückbank. »Wakarimasu,« quittierte ich die Anweisung, ohne die Übersetzung der Mutter abzuwarten, setzte den Blinker und bog rechts ab.

Die letzten 300 Meter bis zu dem alten Resthof war es mucksmäuschenstill im Fahrgastraum. Vier Augenpaare nebst offenen Mündern starrten mich an. Sie hatten wohl mit vielem gerech- net, aber nicht damit, ausgerechnet in einem Mischwald in Norddeutschland von einem Fahrer chauffiert zu werden, der bei der Acht-Stunden-Fassung von Shōgun aufmerksam aufgepasst hatte und nun leicht stolz über diesen Lernerfolg vor sich hin lächelte.





Markus Hansen lebt und unterrichtet Aikido in Schleswig-Holstein. Unter kolumne@aiki.do freut er sich über Feedback.
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