Durchlüften

Markus Lieblingsfoto
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Ein kleines Grüppchen Mittzwanziger kommt mir fröhlich entgegen, als ich mich frisch geduscht nach dem letzten Training in Richtung Gemeinschaftsraum begebe. „Na Kinder, wollt ihr schon ins Bett?“ So spät ist es doch eigentlich noch gar nicht.
„Nee, aber da hinten …“ Das Augenrollen in dieser kurzen Pause ist deutlich zu hören. „Also,“ fasst sich eine ein Herz „da erzählen die Opas schon wieder vom Krieg. Das hält man nicht so gut aus.“ Im Kopf gehe ich durch, wer auf diesem Lehrgang alles dabei ist und gemeint sein könnte. Schwierig. Auch unsere absoluten Vintage-Aikidōka sind eigentlich alle nach 1945 geboren.
Ich werde freundlich belächelt. Kein richtiger Krieg sei gemeint, das Ganze sei eine Metapher. Aber es würden zum siebenhundertsten Mal Geschichten aus der Aikidō-Steinzeit (auch das eine Metapher, wurde mir versichert) zum Besten gegeben. Wer sich in den 1970ern mit wem gestritten hätte, wer deshalb mit wem nicht mehr in einem Verband sein könne, und warum man deshalb ja dem oder der auf keinen Fall mehr trauen dürfe.
„Schon so viel Wein?“ erkundige ich mich. „Nicht nur. Eigentlich wollten wir Karten spielen. Die hatten uns dann gefragt, warum wir uns nicht mehr im Verband engagieren und wir haben vorsichtig anklingen lassen, dass man die Strukturen mal aktualisieren müsste. Naja. Und dann ging es los. Inhaltlich hat da keiner wirklich was zu gesagt. Nur, welche Alten dann alle sauer wären, weil sie dann weniger Einfluss hätten. Die haben wild durcheinander geredet und wir haben nicht alles verstanden. Aber irgendwer, den wir nicht kennen, hat ein paar Jahre vor unserer Geburt wohl schon mal etwas Ähnliches vorgeschlagen und das gab großen Streit und irgendwer wurde dann rausgeschmissen und der hat dann einfach was eigenes gemacht und das war aber wohl auch irgendwie nicht richtig.“
„So geht das jedes Mal. Die maulen uns an, wir würden nur konsumieren und uns nicht einbringen. Aber wenn man sich mal bereit erklärt, was zu übernehmen, dann reden die uns die ganze Zeit rein, wissen alles besser und lassen uns nichts selbst machen. Und dazu dauernd diese Uralt-Geschichten, warum irgendwas nicht geht. Immer wieder.“
In fast allen Aikidō-Gruppierungen, die ich auf dem Schirm habe, sind die Zahlen der Aktiven rückläufig, zum Teil deutlich. Die Alten sterben langsam weg und richtig Nachwuchs ist nicht in Sicht. Kinder- und Jugendgruppen zähle ich hier nicht mit, denn nur die wenigsten aus dieser Klientel bleiben als Erwachsene dabei. Auch hier sind allerdings deutliche Rückgänge zu verzeichnen. Die leidenschaftliche Anziehungskraft, die Aikidō-Vereine in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts blühen und gedeihen ließ, hat unsere Lieblingsdisziplin irgendwo auf dem Weg verloren.
Das hat sicher vielfältige Gründe. Die jüngeren Generationen haben beispielsweise ein ganz anderes Empfinden dafür, was sie auf sich nehmen wollen, um subjektive Erfolgserlebnisse zu verbuchen. Eine tiefgründige Bewegungskunst, bei der es nichts zu gewinnen gibt, sieht sich dabei in herber Konkurrenz mit unzähligen anderen Angeboten, die bei viel weniger Aufwand zumindest vordergründig zunächst deutlich spannender sind.
Bekommt man junge Aikidōka dazu, frei zu reden, dann hört man – verbandsübergreifend – aber eben auch immer wieder, dass da seit Jahrzehnten der gleiche Haufen alter Säcke über alles entscheidet und jegliche Anläufe von Jüngeren, Strukturen zu reformieren, abbügelt, sobald jemand wittert, der eigene Einfluss könne ins Wanken geraten. Nur: Jüngere, die man nicht auch mal selbst gestalten lässt, gehen irgendwann einfach.
Vielleicht hat das Ganze tatsächlich mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Nicht nur in Japan hat dieser zu einem deutlichen Umbruch im Aikidō geführt, weg von der Koryū-artigen 古流 Struktur, mit der Morihei loslegte, hin zu der – damals – moderneren Organisationsform des Aikikai, die Kisshomaru auf die Beine stellte. Auch inhaltlich gab er dem Aikidō neue Impulse, warf dabei viele alte Zöpfe über Bord. Quantitativ gesehen war er damit durchaus erfolgreich, der „Strukturvertrieb für Dan-Grade“, wie es eine Freundin aus einer Aikikai-Organisation mal nannte, sicherte immerhin viele Jahre das Einkommen des Dōshū und seiner Familie sowie so mancher einflussreicher Lehrer der ersten Generation.
Schauen wir mal genauer hin: Schon Morihei war insbesondere erfolgreich, nachdem er sich von Sokaku Takedas Daitō-ryū losgestrampelt hatte. Kisshomarus Aikikai war insbesondere erfolgreich, nachdem er sich von den Vorstellungen seines Vaters gelöst und seine eigenen umgesetzt hatte. In den letzten Jahrzehnten hingegen wurden sogenannte Traditionen vor allem konserviert, so dass wir die Jahre der Stagnation nun deutlich hinter uns haben und uns auf der Talfahrt befinden.
Das Modell, sich von einer etablierten Institution zu lösen und eine eigene aufzuziehen, haben seitdem so einige übernommen. Gozo Shiodas Yoshinkan, Koichi Toheis Ki-no-kenkyukai, Kenji Shimizus Tendokan sind nur ein paar prominente Beispiele. Sie alle haben sich ihre eigenen Bereiche erschaffen und diese waren eine Weile ebenfalls recht erfolgreich – alles rein quantitativ betrachtet, versteht sich. Das Fass einer qualitativen Betrachtung ist mangels allgemeingültiger Gütekriterien ja nicht annähernd sinnvoll zu öffnen.
Erfolg haben also diejenigen Strukturen gehabt, die sich durch ihre Gründung eben nicht konservativ verhielten, sondern eine größere Veränderung gewagt haben. Bei der Gründung, wohlgemerkt. Danach war man hingegen in vielen (nicht allen) Fällen sehr darauf bedacht, sich abzugrenzen und die eigene Schar der Jünger:innen um sich zu mehren. Die Erfahrungen aus manchen Aikidō-Richtungen klingen nicht zufällig wie die sogenannter Sekten, in denen statt Entfaltungsfreiheit persönliche Abhängigkeit vom Oberhaupt erzeugt wird, das darüber seine eigene wirtschaftliche Abhängigkeit absichert.
Und hier liegt auch einer der Hunde dieser Aikidō-Krise begraben: Für nicht wenige ist das eine sehr persönliche Angelegenheit. Man kann im Aikidō nicht Weltmeister werden, aber man kann sich einen Teil seines Selbstwerts aus der Macht über andere ableiten. Darf ich graduieren? Darf ich bestimmte Seminare unterrichten, die für Graduierungen besucht werden müssen? Bin ich weniger wert, wenn andere das plötzlich auch dürfen? Kommt noch jemand zu mir, wenn es kein Pflichtseminar mehr ist? Jeder Vorschlag, die Strukturen aus dem letzten Jahrhundert mal zu reformieren, wird so zunächst daraufhin untersucht, ob ich selbst eine Verschlechterung für mich wahrnehme. Selbst wenn es eine sinnvolle Verbesserung für die Gesamtgruppe sein könnte, findet man dann Gründe, um das Ganze abzulehnen. Droht unterschwellig vielleicht sogar damit, aufzuhören, wenn „das“ kommen sollte. – Wiederum ein Anlauf, sich die eigene Relevanz bestätigen zu lassen.
Es ist insbesondere die Generation der geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge, die derzeit in der Position ist, jeglichen Strukturwandel zu blockieren. Es sind die, die lange genug dabeigeblieben sind, um nun endlich wichtig zu sein, und über die Jahre so manches Verbandskonflikttrauma aufgestaut haben. Mit dem Pillenknick Anfang der 1970er Jahre gingen die Geburten merkbar zurück, so dass schon aus rein biologischen Gründen nun weniger potentielle Jünger:innen zur Verfügung stehen. Und die haben auch noch viel mehr Angebote und weniger Lust, sich einfach so unterzuordnen.
Im beruflichen Alltag kennen wir einen Mechanismus, der vor einer Vergreisung betrieblicher Strukturen schützt: den Ruhestand. Vielleicht wäre es sinnvoll, auch für die Lehr- und Verwaltungsfunktionen unserer Aikidō-Organisationen Ruhestandsalter einzuplanen? Dann entfielen auch die leisen Diskussionen an den Mattenrändern, wer nun wem eigentlich doch mal sagen müsste, dass es Zeit ist, abzutreten. Mit jüngeren (unter 40!) und dynamischeren Galionsfiguren kann man dann vielleicht auch Strukturen wieder frisch in den Wind drehen und einmal ordentlich durchlüften.
Im Gemeinschaftsraum angekommen bemerke ich sofort, wovor unser Nachwuchs geflüchtet ist. Die Gläser sind inzwischen etwas leerer, die Stimmen dafür allerdings nicht leiser geworden. Während ich auf mein Kaltgetränk warte, wühlt sich eine Erkenntnis unaufhaltsam den Weg durch die Furchen im präfrontalen Cortex: Eigentlich erzähle ich ja auch gerne mal alte Geschichten. Mist.

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