Kuzushi 崩し

Oder was geschieht vor Anwendung einer Aikidō-Technik?

Thomas in seinem Dojo in Bonn
Thomas in seinem Dojo in Bonn

W       enn wir Aikidō üben, so wird in einem normalen Training als Anleitung die Angriffsform, z. B. Katate-dori Ai-hanmi, und dann die übende Aikidō-Technik, z.B. Ikkyo omote, genannt. Und all zu oft geschieht dann Folgendes: Uke erfasst mit der rechten Hand den rechten Unterarm vom Tori, Tori (oder Nage) fasst zu und führt die Technik aus. Uke fällt, steht auf, greift erneut an und nach vier Mal Angreifen wechseln die Rollen. Wenn Du Dir die vielen Videos anschaust, in denen genau das gezeigt wird, wirst Du Folgendes feststellen.

Uke ergreift den Unterarm, aber das kannst Du beim besten Willen nicht als Angriff interpretieren. Es sieht so aus, als ob Uke jetzt darauf wartet, dass die Aikidō -Technik beginnt. Du erkennst das daran, dass der linke Arm schlaff nach unten hängt. Als ob ein Angreifer nur einen Arm benutzen würde. Vielleicht hast Du selbst auch schon erfahren, wenn Du mit einem/r Anfänger/in übst, dann musst Du als Tori einen gehörigen körperlichen Aufwand, also Kraft, erbringen, um die angesagte Technik aus zu führen.

Natürlich, je fortgeschrittener Du wirst oder mit Fortgeschrittenen übst, stellst Du fest, dass die Bewegung des Tori nicht erst beginnt, wenn Uke zugefasst hat .Sie beginnt früher. Aber was genau passiert da oder könnte passieren? Das will ich im Folgenden vorstellen und diskutieren. Im Judo wird der Ablauf einer in sich geschlossenen Bewegung durch folgende drei Begriffe charakterisiert: Kuzushi – Tsukuri – Kake. Der letzte Begriff bedeutet Wurf oder (Eigen-)Kontrolle. Wenn wir das auf Aikidō übertragen, dann kommen vor der Ausführung der eigentlichen (benannten) Aikidō-Technik zwei Phasen. Kuzushi wird häufig als »Balance brechen« übersetzt. Ich selber kann kein Japanisch, bin also darauf angewiesen, dass Andere das für mich raussuchen. Eine gute Quelle ist der Blog von Budo Bum https://budobum.blogspot.com/2015/07/kuzushi-is-more-than-off-balancing.html, in dem sich auch ein Artikel über Kuzushi findet. Und er zitiert das Kenkyusha Online Dictionary, wo folgende Übersetzungen angeboten werden: »to break, pull down, tear down, knock down, whittle away at, break, change.« Von Balance brechen kein Wort.

Und tatsächlich, wenn ich in meinem Unterricht erkläre, was ich unter Kuzushi verstehe, bezeichne ich das mit »Erschüttern« und habe da vor meinem inneren Auge, dass ein Gebäude oder besser noch ein Industrieschornstein gesprengt wird. Wenn das ein guter Sprengmeister macht, dann hebt sich der Schornstein erst ein wenig, dann bricht er ziemlich weiter unten entzwei und zwar so, dass der Riss schräg verläuft. Dann rutscht alles oberhalb des Risses vollkommen aufrecht und ganz weg, kommt immer schräger und schlägt dann der Länge nach auf den Boden und zerbricht. Das kannst Du Dir hier genauer anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=naCB-bDLwq0 Um solche Objekte auf diese Art und Weise zu sprengen, benötigt man nur relativ wenig Sprengstoff (in diesem Fall nur 96 kg). Er muss nur geschickt angebracht werden, um diesen schrägen Riss hervor zu rufen. Das genügt. Alles andere besorgt die Gravitation. Natürlich bestimmt die Ausrichtung des Risses die Richtung, in der der Schornstein fällt. Etwas anders geht man vor, wenn man ein Hochhaus sprengen möchte: https://www.youtube.com/watch?v=LxDH_i2m6gw Hier geht es darum, dass das Gebäude möglichst in sich selbst zusammenfällt. Du kannst sehr gut sehen, wie die Gebäudeteile ziemlich lange »heile« geblieben sind, bevor sie dann am Boden zerschellen. Auch hier wurde sehr wenig Sprengstoff verwendet (255 kg). Und als ehemaliger Pionier habe ich diese Bilder im Kopf, wenn ich von Kuzushi spreche.

Was heißt das aber, wenn ich versuche, diese Metapher Schornstein- oder Hochhaus-Sprengung auf die Phase vor der Ausführung einer Aikidō-Technik zu übertragen? Ich gebe einen Impuls, so dass der Uke ohne weiteres auf der Stelle zusammenbricht. Da wir Menschen aber eher ein Schornstein sind als ein Gebäude, sieht es meistens so aus, als ob wir nach vorne, hinten oder zur Seite fallen und das könnte man als Balance-Brechen ansehen. Tatsächlich fällt der Uke aber, weil keine andere Bewegung mehr möglich ist. Im Jūdō wird das „Balance-Brechen“ in aller Regel als eine Bewegung verstanden, in der der Andere in die Richtung gezogen wird, in die er die Balance verlieren soll. Der physikalische Schwerpunkt eines Menschen wird so bewegt, dass er außerhalb der Standfläche, die von den Füßen gebildet wird, steht, d.h. wenn man das Lot fällt, ist das außerhalb des Dreiecks, das wir normalerweise mit unseren Füßen bilden, wenn wir in Hanmi stehen. Wenn wir können, machen wir in einer solchen Situation einen Ausfallschritt, um den Schwerpunkt wieder über diese Dreiecksfläche zu bekommen und so unsere Balance wieder gewinnen. Aber bei meiner Interpretation von Kuzushi sorge ich dafür, dass die Füße des Uke wie am Boden festgeklebt sind und ein Ausfallschritt nicht möglich ist. Eine schöne Vorübung dazu findet sich im folgenden Video ab ca. der zweiten Minute https://www.youtube.com/watch?v=46VxyGb9WXo (aufgenommen während eines Seminars in Moskau April 2014). Es sieht doch ein wenig aus wie ein gesprengter Schornstein, finde ich. In demselben Video finden sich am Anfang ein paar Szenen, in denen man sehen kann, was ich unter Festnageln der Füße verstehe.

In einem interessanten Aufsatz zum Verständnis von Kuzushi im Jūdō wird beschrieben, wie Kuzushi im Verhältnis zu der nächsten Phase Tsukuri steht http://www.bestjudo.com/blog/19258/khadaji/kuzushi-beginning-and-advanced-concepts Denn hier wird darauf verwiesen, dass in älteren Dokumenten vom Kodokan Jūdō die Reihenfolge von Kuzushi und Tsukuri vertauscht sind. Ich selber interpretiere Tsukuri als das, was wir im Aikidō mit Irmi, Eintreten, bezeichnen. Ich benutze es meistens, um den Abstand zum Uke zu verändern. Dieser wird beim Angreifen es so einrichten wollen, dass er mich da antrifft, wo ich mich wahrscheinlich befinden werde. Wenn ich also lange genug an diesem Ort bleibe, desto sicherer wird sich Uke bei dem Angriff fühlen, mich da auch zu treffen oder zu ergreifen. Aber in dem Augenblick, in dem Uke den letzten Schritt auf mich zumacht und die Zehenspitzen des vorwärts schreitenden Fußes vor den Zehenspitzen des stehenden Fußes sich in der Luft befinden, gehe ich mit Irimi in seine Bewegung rein. Danach kommt dann Kuzushi und dann erst die Aikidō-Technik. Ich lasse es sehr wohl darauf ankommen,  …


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