Bezüglich

Konfliktpoteintial

Markus Lieblingsbild
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»Sag doch mal, was für einen Kompromiss hast Du Dir nun übers Wochenende überlegt?« Wir stehen im Umkleideraum der Halle, die wir als Dojo nutzen. Es ist Montag. Ich stehe dezent auf dem Schlauch, kann mich nicht daran erinnern, dass ich mir irgendetwas überlegen wollte, schon gar keinen Kompromiss. Ratlos schaue ich meinen Schüler an. »Was denn für ein Kompromiss?«
»Na wegen meiner Freundin und mir und dem Training.« Ah, ich bin wieder im Film. Mein Schüler hatte kurz vorm Sommer seine neue Freundin mit zum Aikidō gebracht. Sie hatte die ersten Wochen auf der Matte hinter sich und machte ganz gute Fortschritte. Inzwischen war allerdings nicht nur mir aufgefallen, dass er sie überdurchschnittlich oft als Partnerin aufforderte, sich nach der Technik direkt neben sie setzte, sie regelrecht vom Rest der Gruppe abschirmte. Ende letzter Woche hatte er mich dann angesprochen, dass sie lieber nur mit ihm trainieren wolle. Ich hatte – erneut – darauf hingewiesen, dass in unserem Training jede Technik mit anderen geübt wird. Aus meiner Sicht war das Thema damit erledigt, aus seiner nicht.
Wenn begeisterte Aikidōka ihre Beziehungspartner mit zum Aikidō bringen, ist das zunächst mal etwas Positives. Gibt es überhaupt ein schöneres Kompliment für eine Gruppe, wenn jemand den eigenen Lieblingsmenschen mit dabei haben möchte? Konfliktpotential kann jedoch aufkeimen, wenn man im Kopf dann nicht aufhört, die mitgebrachten Personen als »hab ich angeschleppt, ist meins« zu betrachten. Manche möchten dann, dass alle Interaktionen und Beziehungen der mitgebrachten Person zu den anderen Mitgliedern durch sie laufen, so dass sie das Bindeglied sind.
Dann stehen sie nicht nur sofort daneben, wenn sie merken, dass man sich als Lehrer mit den Neuzugängen unterhält, es kann auch vorkommen, dass sie das Antworten übernehmen wollen oder versuchen, den Informationsaustausch einzuordnen und zu moderieren. Das ist vermutlich sehr lieb gemeint und sie merken gar nicht, dass sie ihre Partner oder Partnerinnen damit kleinmachen. Implizit bringen sie damit nämlich zum Ausdruck, dass sie ihnen nicht zutrauen, selbst mit Aikidō anzufangen, selbst Aikidō zu machen. Auch ein wohlgemeinter Nachhilfeunterricht in den heimischen vier Wänden ist bestimmt als Hilfe gemeint, führt aber dazu, dass die vermittelten Inhalte der Lehrerin oder des Lehrers durch einen Filter laufen. Und da kommen nicht immer die gewünschten Lernerfolge bei heraus.
So ein gluckenhaftes Verhalten kann sich aus verschiedenen Gründen nachteilig auf die allgemeine Stimmung auswirken. Insbesondere verhindert es, dass die neue Person genauso Teil des sozialen Gefüges werden kann wie alle anderen, da sie nicht gleichberechtigt neben ihnen steht, sondern immer nur als abgeschirmtes und unselbstständiges Anhängsel wahrgenommen wird. Auch als Lehrer ist es undankbar, wenn man Hinweise gibt und diese dann von einem »das üben wir nochmal zu Hause« begleitet werden. Es fällt schwer, dann eine eigenständige Unterrichts-Beziehung aufzubauen, die für langfristige Lernerfolge aber sehr wichtig ist. Die Lehrpersonen im Aikidō sind schließlich nicht ohne weiteres austauschbar.
Meist reguliert sich sowas nach kurzer Eingewöhnungszeit von selbst, denn die neuen Aikidōka wollen von sich aus selbstständig sein und fordern dies auch von denen ein, die sie mitgebracht haben. In einem guten Dojo werden zudem diejenigen, die schon länger dabei und erfahrener sind, sich immer wieder die »Neuen« zum Üben schnappen. Nicht nur, um etwas vom bereits Gelernten mit weitergeben zu können, sondern insbesondere auch, damit diese sich akzeptiert und ernst genommen fühlen. Wenn aber jemand dauerhaft an seinem oder ihrem Mitbringsel klammert, ist das schon arg erschwert.
Solche Klammer-Effekte können natürlich nicht nur von einer Seite ausgehen. Auch die mitgebrachte Person kann – offenkundig oder unterschwellig – einen besonderen Aufmerksamkeitsanspruch an den Tag legen, eine besondere Behandlung einfordern oder sich herausnehmen, bereits das gleiche Standing in der Gruppe zu haben wie die Person, die schon seit Jahren auf der Matte ist und mit der sie eben zusammenlebt. Dies können nicht nur Lebenspartner/-innen sein, sondern auch der Nachwuchs. Besonders augenfäl … lesen Sie mehr in Edition 100DE

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