Selektion


… Markus Lieblingsfoto …

Der frische Frühlingswind spannt kraftvoll die Leinen. Ich lasse meinen Schwerpunkt sacken und lehne mich leicht zurück, um von den immer mal wieder aufkommenden Böen möglichst wenig davongetragen zu werden. Die Drei-Meter-Matte ist bei Windstärke 5 bis 6 vielleicht doch etwas großzügig dimensioniert, auch wenn ich jetzt nicht unbedingt ein Leichtgewicht bin.

Wenn man die Arme locker hält, weder schlaff noch verspannt, kann man den Zweileiner gut aus der Hüfte steuern. Je nachdem, in welchen Winkel zum Wind man die Matte ausrichtet, wird sie schneller oder langsamer, merkt man mehr oder weniger Dynamik im eigenen Körper. Auch bei schwachem Wind kann man sie so fix hin und her sausen lassen, auch bei starkem Wind kann man sie so langsam absinken lassen und sanft landen. Die Leinen schaffen die Verbindung, den Kontakt zum Wind, der die Matte, eine Art Lenkdrachen, da oben antreibt.

Die Sonne scheint, der Wind weht. Auf dem weiten Strand meiner Lieblingsinsel genieße ich die Gischt im Gesicht, den Blick in die Dünen und auf die See. Während ich noch darüber sinniere, ob sich diese Eindrücke in eine Kolumne umsetzen lassen und welchen Spin so ein Text bekäme, spüre ich unvermittelt einen deutlichen Ruck im rechten Arm und kann dann zuschauen, wie die Matte flatternd zu Boden geht. Der Wind hat es tatsächlich geschafft, eine Schnur meines Lenkdrachens zu reißen.

Ich sammle alles zusammen. Zum Glück kennt die Insel ihre Besucher. Viele kommen her, um ihre Drachen fliegen zu lassen. Ein Fachgeschäft ist gleich in Strandnähe, in dem ich neue Beleinung erstehen kann. Auch viele Matten hängen zum Verkauf und ich stöbere herum. Etwas kaltes stupst unvermittelt an meinen Arm. Ich drehe mich um und schaue in ein neugieriges Paar Augen.

Ich muss nicht großartig nach unten schauen, denn der Hund des Ladeninhabers hat eine beeindruckende Wuchshöhe. Ein Wolf, die Vorform unserer heutigen Hunde, so erfahre ich, wurde vor ein paar Generationen in diese Zuchtlinie wieder eingekreuzt. Viele der Inzucht-bedingten Krankheiten reinrassiger Hunde seien so kein Thema mehr, nerviges Gekläffe komme auch nicht vor. Einigen Hunden sieht man den Ursprung Wolf gar nicht mehr an. In den unterschiedlichen Linien wurde auf jeweils andere Merkmale und Eigenschaften selektiert. Was den richtigen Hund ausmacht, kommt halt immer darauf an, was man mit ihm vor hat. Je nach Bedarf oder Geschmack kamen so andere Gene in den Vordergrund, auch manche Mutation gab es auf dem Weg zur heutigen Vielfalt.

Unterschiedliche Linien, ja, die kennen wir im Aikidō auch. Dass die heute vorzufindende Vielfalt an Aikidō-Geschmacksrichtungen insbesondere darauf zurückgeht, dass Morihei Ueshiba als Gründer des Systems im Laufe seiner eigenen Entwicklung unterschiedliche Schwerpunkte in seine Ausführungen legte und daher Schüler von ihm zu unterschiedlichen Zeitpunkten eben unterschiedliche Formen und Inhalte vermittelt bekamen, ist inzwischen allgemein bekannt. Einige Schulen, beispielsweise Shodokan von Kenji Tomiki oder Yoshinkan von Gozo Shioda, entwickelten sich schon zu Lebzeiten Moriheis unabhängig von dem, was heute als Aikikai firmiert.

Tomiki, der als Erster mit dem 8. Dan und einem Menkyo Kaiden von Morihei ausgezeichnet worden war, wollte insbesondere den methodischen Ansatz von Jigoro Kano, dessen Schüler er ebenfalls war, übernehmen. Shioda war eher durch das Frühwerk Moriheis, das noch sehr nah am Daito-ryu ausgerichtet war, geprägt worden, und folgte den vergleichsweise weichen Nachkriegsansätzen nicht. Bei Minoru Mochizuki sah es ähnlich aus.

Auch nach Moriheis Dahinscheiden kam es zu weiteren Loslösungen vom Aikikai. Prominentestes Beispiel ist Koichi Tohei, der in seinem Ki-no-Kenkyukai sein eigene Vorstellung vom Aikidō realisierte.  Andere Lehrer verblieben zwar im Aikikai, etablierten aber ebenfalls ihre eigenen didaktischen Ansätze. Morihiro Saito und Shoji Nishio sind nur zwei Beispiele für einflussreiche Lehrer, die in ihren Schulen auf eine klare Systematik der Lehrinhalte setzten.

So wie bei der Evolution vom Wolf zum Hund (jede andere domestizierte Spezies ginge als Analogie selbstverständlich genauso) herausragende Exemplare mit ganz besonderen Merkmalen selektiert wurden, wurden auch bestimmte Aikidō-Lehrer selektiert, die die Möglichkeit bekamen, in einem bestimmten Bereich die nächsten Generationen an Aikidōka mit eben diesen Besonderheiten zu prägen. In deren Nachfolge gab es dann zum Teil ähnliche Effekte.

Allerdings hatten nicht alle Lehrer, die nach dem Krieg das Aikidō in die Welt trugen, gleichermaßen den Genpool von Moriheis Aikidō, geschweige denn von dessen Wildform, dem Daito-ryu von Sokaku Takeda mitbekommen. Einige waren gar mehr schlecht als recht dafür ausgebildet, eine eigene Linie zu etablieren, und mussten zunächst autodidaktisch Wissens- und Fähigkeitslücken schließen, was wiederum einen Selektionsfaktor darstellte, der die von ihnen dann vermittelten Inhalte beeinflusste.

Aber ist es denn überhaupt korrekt, Daito-ryu als die Wildform des Aikidō zu betrachten? Ist Aikidō domestiziertes Da … mehr lesen Sie in der edition 99DE

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