Gemeinsam

Markus Lieblingsfoto
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Ein Aikidō-Lehrgang. Der Lehrer lässt uns eine Form von shiho nage üben. Mein Partner kommt auf mich zu, greift meine Handgelenke. Meine Hüfte sackt, dreht sich ein wenig, Arme und Beine setzen den Impuls um. Als der Angriff zustande kommt, befinde ich mich bereits in einer leicht geänderten Position. Mein Partner kommt so etwas aus dem Gleichgewicht, daher kann ich ihn umlenken und um mich herum führen. Ich bringe seine Arme vor seinen Körper, um unter ihnen hindurchzutauchen und dann nach einer weiteren Hüftdrehung zu werfen. Während ich zum Tauchen ansetze, merke ich, dass mein Partner einen leichten Zug in seinen Arm bringt. Ich merke, dass ich nicht mehr so durchkomme, wie ich es geplant hatte. Durch eine Armverhebelung kann ich es noch kaschieren, aber ich weiß: Ich war luschig. Mit einem Lächeln bedanke ich mich bei meinem Partner für seine Hilfe. Er lächelt zurück, während sein nächster Angriff unverzüglich kommt. Diesmal läuft es schon etwas besser.

Diese Lernsituation ist typisch für Aikidō - man probiert etwas aus und das körperliche Feedback des Partners hilft einem, Fehler zu erkennen, an ihnen zu arbeiten und so Lernfortschritte zu erlangen. Auf diese Art Feedback geben und annehmen zu können, gehört mit zu den wichtigsten Kompetenzen, die man sich zu Beginn des persönlichen Aiki-Dō erarbeitet. Aikidō lernt man nicht allein, man ist auf Partner und deren Kooperation angewiesen.

Ein Partner, der seinen Angriff darauf beschränkt, mit erhobener Hand in die Nähe meines Kopfes zu laufen und dazu womöglich “ich hau Dich jetzt” zu hauchen, um sich dann in beliebige Richtungen führen und verdrehen zu lassen, ist aus seiner Sicht womöglich kooperativ. Aus meiner Sicht ist er allerdings genauso unkooperativ, wie der, der erst gar keine Bewegungsenergie in seinen Angriff gibt und dann alles ausblockiert. Die Intention beider ist zwar diametral (einer will mir alles ermöglichen, einer alles verhindern), aber beide behindern mich zunächst darin, etwas zu lernen. Die, die meine Bewegung vorwegnehmen und womöglich fallen, bevor ich überhaupt werfe, nehmen mir ebenfalls einen wichtigen Teil meiner Lernsituation weg.

Es ist unerheblich, ob ich viel zu viel oder viel zu wenig an gegen mich gerichtetem Impuls bekomme: In beiden Fällen wird mir die Chance genommen, über den Kontakt mein Körpergefühl auszubilden. Damit meine ich nicht nur das Gefühl für Position, Balance, Ausrichtung und Bewegung des eigenen Körpers, sondern auch das Gefühl für Position, Balance, Ausrichtung und Bewegung des Partners. Nimmt man beides wahr, kann sich daraus das Gefühl für die gemeinsame Interaktion entwickeln, das einem ermöglicht, das passende Maß an Energie im passenden Moment passend einzubringen - aiki auf der körperlichen Ebene.

Um dieses Gefühl für die gemeinsame Interaktion ausbilden zu können, ist es erforderlich, mit möglichst vielen unterschiedlichen Menschen zu üben, die jeweils andere Voraussetzungen in Körperbau, Temperament und Vorwissen mitbringen. In unserer Aikidō-Gruppe hier in Kiel ist es daher üblich, nach jeder Übung die Partner zu wechseln. So kommen alle mal sowohl in die Rolle des Partners, der etwas mehr Erfahrung mitbringt, als auch in die des Partners, der etwas mehr Anfängerfrische mitbringt. (Ich vermeide hier die Begrifflichkeiten von sempai und kohai, da bei beiden im japanischen Kontext noch mehr an Konnotation beischwingt, was ich jetzt bestimmt nicht erfasse.) Zudem lernen sich so alle etwas besser kennen, was dem sozialen Klima im Dōjō sehr zuträglich ist und Anfängern den Einstieg bei uns erleichtert, die so auch schneller zu Übungspartnern werden, deren Feedback einem weiterhilft.

Der beständige Wechsel der Rollen von Angreifer und Ausführendem, von Gestalt und Persönlichkeit der Übungspartner sowie von relativem Erfahrungshorizont ist ein wichtiges Element eines langfristigen Lernprozesses im Aikidō. Ich kann nur lernen, mich adäquat an Gegenüber und Situation anzupassen, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe, wenn ich im Training möglichst viele verschiedene mögliche Gegenüber und Aufgabenstellungen ergründe. Trainiere ich immer nur mit der gleichen Person, habe ich nahezu keine Chance auf umfassendere Lernfortschritte im Aikidō.

Die Aufgabenstellung im Training kommt vom Lehrer, der eine Bewegungsform vorgibt, die es zu erforschen gilt. Kooperatives Lernen im Aikidō bedeutet, dass sich die Partner gegenseitig beim Erforschen der Technik unterstützen und gemeinsam zu Ergebnissen gelangen. Als Angreifer liegt es in meiner Verantwortung, dem Ausführenden durch mein Angriffsverhalten jeweils genug Angriffsenergie zu geben, so dass er sich mit ihr auseinandersetzen muss, aber nur so viel, dass er es auch noch kann. Es ist wie in der Schule - ein guter Partner in einer Lerngruppe sagt weder zu allen meinen Vorschlägen ja, um seine Ruhe zu haben, noch löst er die Aufgabe allein, sondern erörtert in einem konstruktiv-kritischen Diskurs mit mir gemeinsam die vorliegende Problemstellung. Diesen konstruktiv-kritischen Diskurs suche ich auch mit meinen Partnern im Aikidō, nur findet er dort vorrangig auf einer nonverbalen Ebene statt, was sich bei der Auswertung naturwissenschaftlicher Versuche oder der Interpretation einer Literaturstelle meist nicht anbietet.

Um als Angreifer konstruktiv-kritisch sein zu können, muss ich über den Erstkontakt hinaus Angreifer bleiben. Ebenso wie der Ausführende versucht, in mich hin einzufühlen, um mich zu kontrollieren, muss ich versuchen, mich in ihn und seine Bewegung hin einzufühlen, um Löcher in der (Aus-)Führung aufspüren und entsprechende Rückmeldung geben zu können. Dies kann ich nur, wenn ich beständig darum bemüht bin, mich und meine Angriffsenergie wieder in Richtung des Ausführenden auszurichten. Ich bin also nur dann ein kooperativer (Lern-)Partner, wenn ich in der Bewegung auch mal nicht - im Sinne von “geschehen lassen” - kooperiere. Auch als Angreifer ist meine volle Aufmerksamkeit also bis zum Schluss gefordert. Auch wenn ich vielleicht schon etwas müde geworden bin, darf ich mich nicht verleiten lassen, auf Autopilot zu schalten und mich quasi “im Schlaf” werfen zu lassen, denn das wäre unfair meinem Partner gegenüber, für dessen Lernerfolg ich als Partner mit verantwortlich bin. Dieser Aspekt der gegenseitigen Unterstützung ist wiederum ein wichtiger Faktor für das Miteinander in der Gruppe - da wir alle Aikidō freiwillig in unserer Freizeit machen, ein nicht zu unterschätzender Aspekt.

Auch wenn nicht jede Kritik eines Partners fundiert ist, man manchmal nicht mal genau weiß, was gemeint ist, oder daran sogar verzweifelt: Kritik wird durch das umrissene kooperative Lernen zu etwas, was man nicht fürchtet, sondern sucht, da man dadurch die Chance bekommt, sich nicht nur technisch weiter zu entwickeln. 


Markus Hansen lebt und unterrichtet Aikidō in Schleswig-Holstein
Unter kolumne@aiki.do freut er sich über Feedback.
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