Perspektive

Markus Hansen
Markus Hansen

Die letzten Strahlen der Wintersonne luschern noch durch die Fensterfront. Der Tag verabschiedet sich. Niemand bewegt sich. Bis auf einige Atemzüge ist nichts zu hören. Das Klatschen der Lehrerin bringt Bewegung in das Bild. Man verbeugt sich, der Aikidō-Unterricht beginnt. Aus der Ruhe und Reglosigkeit entsteht nun langsam Dynamik.

Etwas wehmütig sitze ich in einer Ecke neben der Matte und beobachte das Geschehen. Unsere Gruppe so von außen zu sehen, ist eine ungewohnte Perspektive. Irgendwie seltsam. Immer wieder zuckt die eigene Hüfte, will die Bewegungen auch mitmachen. Spannend ist vor allem, zu beobachten, wie die Leute mit den Lernaufgaben umgehen. Steht man als Lehrer auf der Matte, hat man nur wenig Zeit, sich mal ein Übungspaar die ganze Zeit anzuschauen, da man ja damit beschäftigt ist, die gesamte Gruppe irgendwie abzudecken.

Auch dadurch bekommt man mit der Zeit einen ganz guten Eindruck, wie die einzelnen Leute ticken und wie man ihnen jeweils etwas vermittelt bekommt, aber diese Studien vom Mattenrand haben noch eine andere Qualität, da man viel größere Zeitfenster zur Verfügung hat. Viele latente Eindrücke werden bestätigt und bewusster. Man erkennt noch deutlicher, wie die Leute an die Dinge herangehen, wie sie sich die Bewegungen erarbeiten, wo sie sich selbst im Weg stehen, wo sie etwas kreativ lösen.

Mitori-geiko 見取り稽古 ist Lernen durch Zuschauen/Betrachten, wenn man zum Beispiel aufgrund einer Verletzung nicht selbst üben kann. Mitori 見取り setzt sich zusammen aus den Kanji für sehen, beobachten und aufnehmen, verstehen. Geiko 稽古 oder Keiko bezeichnet das Training an sich. Es setzt sich zusammen aus den Kanji für denken, überlegen und alt, alt werden. Keiko bezeichnet insofern einen Reifungsprozess durch Reflexion. Bei Mitori-geiko reflektiert man dabei, was andere machen, insbesondere, wie sie es machen.

Auch für meine Schülerinnen, die an meiner Stelle nun den Unterricht im Wechsel leiten, ist das Ganze ein Perspektivwechsel. Statt sich wie sonst im Unterricht »nur« mit der gegebenen Aufgabe und ihren jeweiligen Partnern auseinandersetzen zu müssen, finden sie sich nun im methodischen Randori mit einem ganzen Rudel unterschiedlicher Lerntypen in immer neuen Paarungen wieder. Sie müssen nun nicht nur ihre eigene Motorik koordinieren, sondern auch die von allen anderen.

Eine schöne Herausforderung mit viel Potential für sie, eben auch selbst dazuzulernen: Shido-keiko 指導稽古 nennt sich dieses Lernen durch Unterrichten. Die Aufgabe, eine Technik weiterzugeben, führt zu einer deutlich bewussteren Auseinandersetzung mit den Abläufen und Interaktionen, da man diese gern verständlich und nachvollziehbar präsentieren möchte. Und da geht es auch schon los, denn was für die einen total klar nachvollziehbar ist, ist für die anderen alles andere als eingängig. Bewegungen eignen sich manche durch bloßes Zusehen an, andere benötigen detaillierte verbale Instruktionen. Wieder andere kommen mit einer Verbildlichung viel besser zurecht; die nächsten müssen alles erfühlen, um es für sich umsetzen zu können. Je größer die Gruppe, umso weniger wahrscheinlich ist es, hier allen gleichermaßen gerecht zu werden.

Nicht nur die Lerntypen der Menschen sind dabei unterschiedlich, auch die körperlichen Voraussetzungen unterscheiden sich. Während eine durchtrainierte und kräftig gebaute Schülerin Unsauberkeiten in der Führung mit Einsatz von Masse und Muskelkraft kaschieren kann, ist ein zierlicher junger Mann darauf angewiesen, sehr sauber zu arbeiten, um den richtigen Weg zu finden. Schon die Wahrnehmung davon, was ein Fehler ist, wird sich in diesen Fällen unterscheiden. Während für die einen „Uke unten“ noch passt, um die Ausführung als Erfolg zu verbuchen, bemerken andere schon, dass dies allein noch weit davon entfernt ist, als saubere Aikido-Form durchzugehen.

Üblicherweise sind daher auch diejenigen, die ihre eigene Technik viel selbstkritischer reflektieren und hinterfragen, genau die, die tiefergehende Lernerfolge verbuchen können. Wer mit den eigenen Bewegungen eher unzufrieden ist, will mehr ergründen und wird daher vermutlich mehr lernen. Glaubt man andersrum, etwas schon zu können,  steht dies dem eigenen Weiterlernen schnell im Weg. Diejenigen, die schon ihre eigenen Bewegungen ständig analysieren und reflektieren, finden sich dann auch beim Unterrichten besser zurecht. Denn sie haben sich durch ihre Analysen ein umfangreiches und strukturiertes Wissen auch darüber erarbeitet, warum bestimmte Bewegungen oder Ansätze ihnen in der Technikausführung nicht weitergeholfen haben.

Diese Kenntnisse und die erarbeiteten analytischen Methoden helfen ihnen nun, auch bei den Bewegungen anderer die Ursache zu ergründen, wenn es irgendwo bei der Ausführung hakt. Mit jedem Korrekturhinweis, den sie geben, beginnt dieser Lernprozess erneut. Was hilft der korrigierten Person wirklich weiter? Welche Hinweise werden verstanden, welche verwirren eher? Grade dies zu beobachten, ist auch für mich sehr spannend, denn so einiges davon, was und wie meine Schülerin unterrichtet und korrigiert, kommt mir nicht ganz unbekannt vor. Insofern kann ich hier quasi unter Laborbedingungen studieren, ob und wie meine eigenen Unterrichtsansätze fruchten.

Immerhin: Nicht in allen Fällen scheint es am Unterricht zu liegen, wenn etwas nicht ganz hinhaut. Eine Person erweist sich heute unabhängig davon, wer die Techniken ausführt, als Problem-Uke. Immer klappt irgendwas nicht, obwohl sie sehr hilfsbereit Tipps gibt, wenn die Lehrerin anderweitig beschäftigt ist. Von außen ist offensichtlich, dass diese Person einfach nicht sehr kullerfreudig ist, um es mal positiv zu formulieren. Sie benutzt ihr Wissen darüber, wie sie geführt werden soll, um die Situation ganz leicht so zu verändern, dass das Ganze leer läuft. Die Partner, die sich an die Vorgaben halten wollen, verzweifeln mitunter an diesem unfairen Ukemi – insbesondere, wenn sie noch nicht so lange dabei sind. Hier müssen wir ran.

Ich mache mir eine entsprechende Notiz im Hinterkopf und freue mich im Gespräch nach dem Training, dass die Lehrerin heute das nicht nur selbst identifiziert, sondern sich auch schon Strategien überlegt hat, wie man zukünftig damit umgehen könnte. Auch diese Diskussionen sind für beide Seiten ausgesprochen spannend und lehrreich.


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