Léo Tamaki

am Tag der Arbeit in Bonn Gespräch zwischen Prof. i. R. Dr. Thomas Christaller Dōjō-cho von »Bewegung & Lebenskunst Bonn«) und Peter Schenke


Thomas während des Interview mit Watanabe Sensei

Thomas: Léo Tamaki war am verlängerten Wochenende zum Tag der Arbeit (1. Mai) bei uns in Bonn im Zentrum für Bewegung & Lebenskunst und hat dort ein Aikidō-Seminar gegeben. Er ist schon zum dritten Mal bei uns gewesen. Eigentlich zeigt er immer dasselbe, aber man kann jedes Mal etwas Neues entdecken. Peter, was ist dir denn am meisten aufgefallen?

Peter: Am Beeindruckensten finde ich die Art, wie er seine Stunden aufbaut und unterrichtet. Er fängt beim Angreifen an. Er will ein Verständnis für einen sinnvollen Angriff aus Sicht des Angreifers vermitteln. Dazu zerlegt er die Bewegungen in Einzelteile, lässt diese zuerst üben und dann erst den ganzen Angriff.

Thomas: Ja, das finde ich auch sehr imponierend. Mir fällt immer wieder auf, dass er am Anfang Kontaktübungen macht. Der erste Augenblick, in dem der körperliche Kontakt zustande kommt wird mir bewusst, was da eigentlich passiert und welche Gestaltungsmöglichkeiten ich habe. Wie siehst du das?

Peter: Er macht sehr interessante Übungen, z.B. bei denen einer die Augen schließt. Eine immer wieder sehr beeindruckende Erfahrung. Ich kann mich nicht ruckartig bewegen – zumal viele Leute auf der Matte sind – und ich achte wirklich sehr auf das Gefühl und den Kontakt. Das ist anders, wenn die Augen ausfallen.

Thomas: Léo hat verschiedene Lehrer, Tamura Nobuyoshi Sensei im Aikidō, aber auch Kuroda Tetsuzan Sensei und Hino Akira Sensei, von denen er Vieles in sein eigenes Gesamtsystem integriert hat. Mir gefallen z.B. seine Fußbewegungen mit denen er das Gewicht verlagert oder die Seite wechselt (Gyakuhanmi in Aihanmi oder umgekehrt). Wenn ich das mit ihm zusammen mache, spüre ich davon überhaupt nichts! Wie ist dir das gegangen?

Peter: Dazu hat er eine Übung gemacht. Mein Partner kniet sich hin und umfasst ganz sanft den Knöchel meines Standbeins. Er signalisiert mir sofort, wenn er bei mir irgendeine Spannung in dem Fuß spürt, wenn ich den anderen Fuß heranziehe. Er legt sehr viel Wert darauf, dass man „fließt“ („floating“) anstatt verwurzelt zu stehen, sehr weich geht, ohne dass sich im Oberkörper viel verändert. Dazu hatte er die folgende Übung: Beide Partner halten sich gegenseitig am Oberkörper fest. Einer versucht, die Füße so zu bewegen, dass der Andere das nicht spüren kann. Eine wirkliche Herausforderung. Ich bin auch davon beeindruckt, wie er an die Sachen herangeht. Er setzt kein besonderes Können voraus, sondern er zeigt etwas ganz Neues und baut das dann Schritt für Schritt auf. Ich finde es erstaunlich, wie viel man dadurch in kurzer Zeit lernen kann!

Thomas: Normalerweise orientiert man sich auf Aikidō-Seminaren in erster Linie an einer Technik. Bei ihm scheint aber die Technik hinten an zu stehen. Sie ergibt sich am Ende dann „automatisch“.

Peter: Er legt Wert darauf, Prinzipien zu unterrichten anstatt nur Techniken. Das ist seine
Herangehensweise. Er vermittelt eine besondere Art sich zu bewegen, zu reagieren. Es geht darum, dieses konsequent zu üben, seinen Körper und den Kontakt besser zu spüren. Was dann letzten Endes daraus entsteht, scheint ihm dann nicht mehr so wichtig.

Thomas: Mir ist diesmal aufgefallen, dass Léo die innere Haltung deutlich betont hat, die wir als Tori oder Uke haben, die sich dann im Äußeren ausdrückt. Der Uke muss wirklich angreifen wollen. Er muss nicht hart zuschlagen, sondern den Willen anzugreifen sichtbar machen. Wie fandest du das? Fiel dir das leicht?

Peter: Er betonte, man solle sich lieber sehr langsam bewegen, statt schnell aber inkorrekt. Für mich als Uke finde ich es schwierig, körperlich langsam aber mit einer starken Intention
ernsthaft anzugreifen. Ein Angriff besteht nicht darin, den Tori anzufassen, sondern unabhängig von der Geschwindigkeit sich wirklich auf diese Rolle einzulassen. Jedes Mal neu, ohne zu denken: „Ich weiß, welche Technik der Andere gleich machen wird, deshalb greife ich schon mal entsprechend an“.

Thomas: Häufig wird Aikidō als friedfertige Kampfkunst bezeichnet. Wenn ich beim Üben in der Rolle des Uke bin und die Aggressivität eines wirklichen Angriffs vortragen soll, scheint das ja ein Widerspruch dazu zu sein. Was war dein Eindruck, als du das gemacht hast?

Peter: Aikidō als friedfertige Kampfkunst heißt nicht, in einer rosigen, heilen Welt zu leben.
Stattdessen geht es darum, mit einer realen Aggression, einem realen Angriff, physisch oder verbal, so umzugehen, dass alles friedfertig enden kann. Dazu muss ich die aggressive Seite des Angriffs kennen, um damit umgehen zu können und eine friedliche Lösung zu finden. Ich glaube nicht, dass man lernen kann, Konflikte friedlich zu lösen, wenn man nicht weiß, wie es sich anfühlt selber aggressiv zu sein. Was uns Léo Tamaki in diesem Zusammenhang üben ließ, habe ich bis jetzt bei keinem anderen Lehrer erlebt: Der Uke greift an, ohne dass der Tori irgendetwas tut. Er lässt einfach den Angriff zu. Dann merkt man, wie es ist, wenn der Angriff tatsächlich Erfolg hat, genauso durchgeführt wird, wie er geplant war. Das üben wir beim Aikidō in der Regel nicht. Wir sagen, der Uke greift so und so an und in meistens machen wir sofort eine Technik, sodass weder Uke noch Tori jemals ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, wenn der Angriff stattfindet, Erfolg hat und durchkommt, ohne dass irgendetwas gemacht wird.


Thomas: Ich teile deine Meinung und vergleiche das mit einem Arzt, der nie Krankheiten zu Gesicht bekommt und auf einmal richtige Patienten bekommt. Die Realität ist auch in Konfliktsituationen unberechenbarer, als in einer abstrakten, klinisch geschützten Welt, die ich oft in Aikidō-Dōjōs antreffe.
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