Sanfte Berührung

Die unscheinbare Kraft des Mitgefühls im Aikido – Teil 3

Thomas Christaller in seinem Dojo in Bonn
Thomas Christaller in seinem Dojo in Bonn

ZIST bei Penzberg am Starnberger See im frischen Schnee am letzten Wochenende im Januar. Die Sonne strahlt, der Wind stäubt Schneeflocken von den Bäumen. Eingeladen von Freunden zum 1. Bayerischen Oberland Aikido-Workshop mit der Bitte, am Freitagabend nach dem Abendessen einen Vortrag über Aikido zu halten. Eine Herausforderung, wie man sich leicht denken kann und nach einigem Ausloten, welches Thema wohl interessant genug erscheint, wählte ich den Titel, der jetzt auch diesen Beitrag kennzeichnet. Ich habe dann eine Präsentation vorbereitet, basierend auf einem Vortrag, den ich letztes Jahr auf der Aiki Extended Conference in Burwell (UK) gehalten hatte.
Und dann kam ich im ZIST an, von dem ich vorher noch nie gehört hatte. Ein wunderbarer Ort und ein sehr schöner Raum, in dem die Tatami schon auslag. Einer meiner Gastgeber, Helmuth Fischer, fragte mich beim Abendessen, wie ich den Vortrag zu halten gedenke. Sie wollten sich alle Keko-gi und Hakama anziehen. Mhm, ich wollte ja nur einen Vortrag halten mit ein paar kleinen praktischen Beispielen. Dann habe ich aber zugestimmt. Dann saß ich also vor ca. zwanzig Aikido-ka, die meisten kenne ich schon seit vielen Jahren, hatte meinen Tablet-Rechner an den Projektor angeschlossen, die Präsentation aufgerufen. Los ging’s!
Aber vollkommen spontan und unvorbereitet bat ich alle, beliebig durch den Raum zu gehen und jedes Mal, wenn ich in die Hände klatsche, den Nächstbesten so zu begrüßen, wie es einem einfällt. Was hatte ich vor? Alle gingen kreuz und quer über die Tatami. Händeklatschen, schnell entschlossen wurde der Nächststehende umarmt, Händedruck, Schulterklopfen. Dann ging es weiter. Erneutes Händeklatschen, Begrüßen. So ging es ein paar Mal.
Ich fragte: Was ist Euch aufgefallen? Wie habt Ihr Euch begrüßt? Es stellte sich schnell heraus, dass Männer und Frauen sich tendenziell anders begrüßen. Wir waren ja in Bayern und da gehört unter Männern schon ein kerniges Begrüßen dazu, fester Händedruck, kräftiges Schulterklopfen. Während die Frauen sich (tendenziell) weicher begrüßten. Es gab kein Schulterklopfen sondern eher ein entlang Streichen über Rücken und Oberarm, oft verbunden mit einem sanften Festhalten und direktem Blickkontakt.
Im weiteren Gespräch stellten wir unsere Erfahrungen zusammen, die wir in anderen Ländern und Kulturen beim Begrüßen gemacht haben. Wie vielfältig diese eigentlich einfache und notwendige soziale Interaktion von uns Menschen gestaltet werden kann. Darauf komme ich später noch mal. Als nächstes bat ich darum, wieder im Raum umher zu gehen, auf mein Zeichen hin sich mit Handschlag zu begrüßen, aber jetzt mit mehr Aufmerksamkeit. Es ging mir darum, zu spüren, wie der Andere den Händedruck ausübt und nur genau das an Intensität, Druck zurück zu geben, was ich erhalte.
Jetzt waren wir mittendrin im Aikido. Von meiner Präsentation habe ich nichts mehr gebraucht. In dem spontan erzeugten Labor experimentierten wir mit dem ersten Kontakt. Eine der Übungen möchte ich hier etwas genauer betrachten. Die Angriffsform ist Shomen Uchi aus Ai Hanmi. Wir kennen viele Aikido-Techniken, um damit umzugehen. Darum ging es mir aber nicht. Stattdessen schlug ich Folgendes vor.
Ziehe den hinteren Fuß an den vorderen Fuß heran (das ist jetzt fast Gyakku Hanmi), bewege gleichzeitig den Arm auf derselben Seite mit dem Handrücken nach oben genau in die Lücke zwischen Kopf und ausholendem Arm vom Uke. Ziele mit der Handwurzel auf einen Punkt etwas unterhalb vom Schlüsselbein. Lass den Arm von unten nach oben schwingen, mache keinen geraden Stoß daraus! In dem Augenblick, wo Du den Uke berührst rutschst Du nach oben und lässt Deine ganze Hand, mit den Fingern anfangend, über die Schulter und nach unten weiter rutschen. Das innere Bild ist eine Welle, die gegen einen Damm oder eine Hafenmauer anläuft und oben drüber kommt. Was passiert?
Wenn es gut läuft


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