Reinheitsgebote


Markus Hansen …

Der Weg vom Dojo zum Lokal ist zum Glück nicht allzu weit, denn jetzt im Spätherbst ist es draußen doch schon etwas fröstelig. Ab und zu weht einem ein letztes Laubblatt der Bäume am Straßenrand um die zum Glück noch nicht schniefende Nase. Der kalte Nieselregen im hellgelben Licht der Straßenlaternen gäbe sogar ein wunderschönes Foto, wenn man nicht ausgerechnet mitten hindurch tapern müsste.



»Ist es noch weit?« Unsere kleine Schar, die eben noch beim Lehrgang über die Matte tobte ist nun zum einen frisch geduscht und zum anderen sehr hungrig. »Da vorn ist es schon!« Erlösung.



Nachdem die Jacken aufgehängt und die Taschen unter Tischen und Bänken verstaut sind, sich alle eine Sitzgelegenheit gesucht haben, wird die Karte studiert. »Craft Beer aus hauseigener Brauerei« steht da bei den Getränken. Und außer Pils und Weizen sind einige Bierstile auf der Karte, von denen viele in unserer Runde noch nie gehört haben.



Craft Beer oder Craft Bier, das ist Bier, das nicht großindustriell hergestellt wird, sondern handwerklich. Statt immer wieder das Gleiche zu produzieren, experimentiert man in diesen Kleinbrauereien mit Stilen und Aromen. Ein sehr spannendes Lokal haben unsere Lehrgangs-Gastgeber da ausgesucht.



Während wir uns beim Essen gegenseitig unsere Gläser zuschieben, um die verschiedenen Biere alle zu probieren, kommt so manch netter Klönschnack zustande. »Du braust also zuhause? Erzähl doch mal …«



Tatsächlich gibt es da einige Parallelen zwischen Brauen und Aikido, insbesondere, was den Lernprozess betrifft. Am Anfang nimmt man vorgegebene Rezepte, die man nachkocht, um nach Gärung und Reifezeit, die beide viel Geduld einfordern, festzustellen, dass es nicht so schmeckt, wie erhofft. Wenn ich mich richtig erinnere, war »eine Note von Mettwurst und Apfelsaft mit einem Hauch von Salmiak im Abgang« das mich nicht vollumfänglich in Euphorie versetzende Feedback nach einer Verkostung meiner Erstlingswerke. Wie im Aikido darf man sich auch hier nicht von Missgeschicken unterkriegen lassen. War nix? Nächster Anlauf!



Langsam, aber sicher macht man einen typischen Fehler nach dem anderen und lernt irgendwie etwas daraus, damit man im nächsten Anlauf aus einem anderen Fehler lernen kann. Oder aus dem gleichen nochmal. Liest man sich im Netz durch die Foren der Hobbybrauer, findet man sehr häufig die wieder und wieder gleichen Fragen zu den gleichen Fehlerquellen und Problemfeldern.
Nicht sonderlich anders im Aikido. »Lass mich raten, ich habe wieder in der Drehung das Zentrum hochsteigen lassen?« Nicht selten wissen die Schülerinnen und Schüler auf der Matte nur zu gut, woran sie arbeiten müssen. Als Lehrer ist dann nicht viel mehr zu tun, als weise wissend zu lächeln und zu nicken.



Einige machen ebenfalls immer die gleichen Fehler, kommen aber nicht von selbst drauf, welche das sind. »Ja, irgendwie gibt er uns immer die gleichen Korrekturen. Wir sind voll nicht lernfähig,« äußern zwei meiner Schüler. Dann, so sinniere ich, könnte man doch eigentlich auch einen Papagei durchs Dojo kreisen lassen, der »Schultern unten lassen«, »nicht über Schmerz führen«, »mach das nochmal ordentlich« krächzt und am Ende des Trainings einen Cracker bekommt, wenn er nicht auf die Matten geschietert hat.
Mir fallen durchaus Lehrerinnen und Lehrer im Aikido ein, die gar nicht mal sonderlich anders unterrichten. Wenn auch ohne die Geschichte, für die man die Cracker bekommt. Außerdem sind diejenigen Schüler, die bei sich die meisten Fehler sehen, in der Regel begabter als die, die sich für wundertoll halten und Anfängerübungen als unter ihrem Niveau ansehen.
So wie es im Aikido eine Vielfalt an Lösungen für die gleichen Problemstellungen gibt, gibt es beim Craft Beer eine Vielfalt an Bieren, die sich in Farbe, Geruch, Geschmack und Mundgefühl unterscheiden. Craft Beer-Brauer stechen mit ihren Produkten aus dem Sumpf einheitlicher Industrieplörre heraus. Das fünfhundertste Durchschnittsdünnbier aus der Großbrauerei? Dann doch lieber mal ein India Pale Ale mit einer hammerfruchtigen Hopfennote. Oder ein lecker süffiges Milk Stout. Ach nee, das geht ja nicht. Ein Milk Stout könnte ein Problem werden. Bei diesem Bierstil kommt nämlich unter anderem Milchzucker im Rezept vor, und da spielt das Reinheitsgebot nicht mit, weshalb man ein Milk Stout in Deutschland nur verkaufen darf, wenn man es importiert, aber nicht, wenn man es hierzulande braut.
»Gibt es eigentlich sowas wie ein Aikido-Reinheitsgebot?« Die Frage ist gar nicht so albern. Je nach Aikido-Richtung wird das mit dem Reinheitsgebot sehr strikt oder eher locker gehandhabt. Bei den ganz strikten Richtungen ist sehr klar, wie eine Bewegungsform auszusehen hat, damit diese beispielsweise bei einer Prüfung akzeptiert wird. In anderen Richtungen ist die konkrete Bewegungsform nicht so wichtig, solange die Prinzipien erkennbar sind und nicht rumgepfuscht wird.



Ich selbst mag da auf den ersten Blick ein wenig schizophren rüberkommen: In meiner Gruppe erwarte ich, dass man genau das macht, was ich gezeigt habe. Wenn sich jemand für meine Vorgaben nicht interessiert, sondern sein eigenes Ding machen will, darf er sich nicht wundern, wenn er nicht die Förderung findet wie diejenigen, die lernen wollen, was ich anbiete. Es sind ja genug da, die mein Reinheitsgebot ergründen und übernehmen möchten.



Bin ich aber Prüfer für Aikidoka aus anderen Gruppen, dann kann ich schlecht erwarten, dass diese die Aikido-Techniken genau so kennen und ausführen, wie ich es für meine Leute vorgebe. Dann achte ich darauf, ob mir die Ausführungen sauber und in sich konsistent erscheinen. Einem Prüfling anzukreiden, dass er nicht meine Formen zeigt sondern das nachvollzieht, was seine Lehrerin ihm gezeigt hat, wäre meines Erachtens ziemlich neben der Spur. Erfreulicherweise ist man sich da aber mit der überwiegenden Mehrzahl der anderen Prüfer einig, dass es im Prinzip dann schon passt, wenn die Technikausführungen aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe, äh, also wenn diese offensichtlich Aikido-Bewegungen sind. Hauptsache, sie werden auf dem entsprechenden Niveau sauber ausgeführt.



So kann man auch Lehrerinnen und Lehrer mit etwas exotischerer persönlicher Ausprägung mit im Boot behalten, ohne dass es zu Verwerfungen kommt. Man muss sich ja nicht immer gleich bekriegen, nur weil andere Leute das bei sich anders unterrichten. Da wir im Aikido keinen natürlichen Ausleseverfahren durch Fressfeinde oder Ähnliches unterworfen sind, können wir unsere Entwicklung und Evolution wie die Darwinfinken auf den Galapagos-Inseln erwarten. Mit Keikogi und Hakama sehen wir uns alle recht ähnlich, aber die Melodien der Lieder, die wir singen, unterscheiden sich dann doch, auch wenn sie die gleichen Funktionen erfüllen. Die gemeinsame Fortpflanzung ist damit keine Selbstverständlichkeit mehr, aber einer Koexistenz steht das nicht im Wege.



Das mit dem Reinheitsgebot ist sowieso so eine Sache. Da die Funktion der Hefe beim Gärprozess erst später erkannt und erforscht wurde, kommt diese in den verschiedenen erhaltenen ursprünglichen Formulierungen gar nicht vor. Ohne Hefe wird es aber kein Bier. Zudem war die Beschränkung auf Gerste zwar zunächst ein Hilfsmittel, um die Nahrungsversorgung mit Weizen sicherzustellen, bald aber konnte man gegen entsprechendes Entgelt eine Lizenz für das Brauen mit Weizen erstehen. So ging es beim Reinheitsgebot dann ziemlich fix eher um Einnahmen des Lizenzgebers denn um Lebensmittelqualität. Sowas kann man leider auch im Aikido finden.



»Und woher weiß ich nun, dass das ein richtig gutes Bier ist?«, werde ich gefragt. Na, wenn es einem schmeckt, ist das doch für den Anfang gar nicht so falsch. Manchen Leuten gefällt sogar Mettwurst-Apfelsaft.

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