Wenn schon - denn schon …

Markus auf seinem Lieblingsfoto
Markus auf seinem Lieblingsfoto

Knapp einhundert Personen waren auf der Matte. Auf so einem großen Lehrgang war ich vorher nur sehr selten gewesen, alles über fünfzig Teilnehmenden war unüblich. Unüblich war damals – Anfang der 1990er Jahre – auch, dass Aikidoka anderer Richtungen sich angemeldet hatten und nun am Lehrgang teilnahmen.

Als noch recht frischer 2. Kyu wollte ich da natürlich einen guten Eindruck hinterlassen. Was hatte ich nicht alles gehört, was da bei anderen Aikido-Geschmacksrichtungen so üblich sei. Die werfen immer in den freien Fall. Abrollen belächeln die.

Schnell hatte ich einen der „anderen“ ausgemacht. Ungefähr mein Alter und schon schwarzer Hakama – Respekt. Bei dem konnte ich bestimmt etwas mitschneiden. Höflicherweise überließ er mir die erste Technikausführung. Oha, der will mich bestimmt testen. Jetzt nur keinen Weichei-Wurf …

Mit auch nach dem Kaiten-nage immer noch sehr großen Augen klärte mich mein Uke dann darüber auf, dass in seinem Dojo alle einen schwarzen Hakama trugen, er erst ein halbes Jahr dabei war und daher das mit dem Abrollen sonst noch eher vorsichtig anging. So lernte ich Tendo-ryu Aikido kennen. Vor allem aber lernte ich, dass ich mich von falschen Annahmen hatte leiten lassen – und dass es durchaus auch Unterschiede in der Etikette gibt, nicht nur bei verschiedenen Budo, sondern auch bei verschiedenen Aikido.

Nun sind Unterschiede wie „wer trägt schwarzen Hakama“ zunächst rein äußerlich und sagen nicht viel aus. Es fällt auch meist erst auf, wenn Gruppen mit unterschiedlichen Konventionen zusammenkommen. Unterschiedliche Äußerlichkeiten – die haben ja bunte Gürtel! – fallen halt schnell auf, aber dass gleiche Äußerlichkeiten unterschiedliche Bedeutungen haben können, ist nicht unmittelbar offensichtlich. Für einige sind die dann irgendwann zwangsläufig aufploppenden Aha-Erlebnisse amüsant und lehrreich, andere fühlen sich womöglich zu wenig sinnvollen Kulturkämpfen berufen. So wie in dem alten Witz von damals, als es noch Glühbirnen gab: Wie viele Aikidoka braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Zehn. Einer wechselt die Glühbirne, die anderen neun weisen lautstark darauf hin, dass man das in ihrem Dojo ja etwas anders macht.

Die Etikette kann sich nicht nur zwischen verschiedenen Gruppen unterscheiden, sie ist auch nicht unveränderbar für die Ewigkeit fixiert. Waren etwa weiße Hakama bei den Übenden in Morihei Ueshibas Kobukan Dojo der 1920er Jahre noch ein üblicher Anblick (bevor synthetische Färbemittel den Preisunterschied zwischen ungefärbten und gefärbten Stoffen minimierten), findet man diese heute nur noch in wenigen Aikido-Richtungen. Diese Änderungen über die Zeit sind wohl mit ursächlich dafür, dass es in verschiedenen Gruppen unterschiedliche Ausprägungen der Etikette gibt.

Die Äußerlichkeiten der Etikette sind kein Selbstzweck. Zunächst einmal handelt es sich um Konventionen, die uns erlauben, etwas prinzipiell mit Verletzungsgefahren verbundenes, wie die Techniken einer Kampfkunst, gemeinsam zu erlernen. Schließlich vertraut man den eigenen Körper einer anderen Person an und verlässt sich darauf, dass diese einen nicht beschädigt. Dafür sind ein respektvoller Umgang miteinander und das Einhalten von Regeln erforderlich, zum Beispiel, dass ein Hebel nicht weiter durchgezogen wird, wenn man abklopft. Sauberkeit und Hygiene machen es für alle erträglicher, sich miteinander zu befassen.

Das höfliche Verbeugen vor und nach dem gemeinsamen Üben von Aikido-Techniken erinnert uns daran, dass wir keinen Gegner, sondern einen Übungspartner vor uns haben. Das äußerlich sichtbare Ritual wird also von einem inneren Aspekt erfüllt. Rei 礼 nennt sich diese Verbeugung. Umgekehrt bedeutet Rei aber nicht nur Verbeugung, sondern Etikette, Höflichkeit, Begrüßung, Dankbarkeit, gute Manieren, gute Umgangsformen … Rei ist etwas, was man anderen Menschen in positiver Art und Weise entgegenbringt.

Rei ist daher nicht nur im Dojo, sondern in der gesamten japanischen Gesellschaft ein essentieller Faktor des Miteinanders. Es gibt viele Regeln, die sehr kleinteilig sicherstellen sollen, dass Menschen ihre relative Position, ihre jeweilige Rolle in diesem Miteinander kennen und die anderer anerkennen, etwa wer sich wie tief verbeugt, und dass Menschen das, was andere tun oder getan haben, respektieren.

Aber bleiben wir im Dojo. Die Verbeugung beim Betreten ist ein Ausdruck von Respekt vor dem, was andere geschaffen haben, was man nachvollziehen will, eine Bekräftigung der eigenen Ernsthaftigkeit, mit der man sich dem Ganzen widmen will. Die Verbeugungen haben also diesen äußerlich sichtbaren Aspekt, dass man sich verbeugt, und den inneren Aspekt, dass man mit respektvoller Ernsthaftigkeit an die Sache herangeht. Beide Aspekte sind in der Bedeutung von Rei enthalten. Fehlt die Ernsthaftigkeit hinter der Geste, ist das spürbar. So, als schaue man einer Technik oder Kata zu, bei der die Bewegungen nur als Choreographie gelernt wurden.

Die äußeren, offensichtlichen Aspekte sind Omote 表, die inneren, verborgenen Aspekte Ura 裏. Verborgen ist dabei nicht im Sinne eines absichtlichen Versteckens, sondern mehr als „nicht unmittelbar offensichtlich“ zu verstehen. Das Begriffspaar geht dem Vernehmen nach zurück auf das Fell eines Tieres, das sowohl eine behaarte Außenseite hat als eben auch eine Innenseite, die man zunächst nicht sehen kann.

Auf der Matte kennen wir Omote und Ura oder – eng verwandt – Irimi und Tenkan als Charakteristika der unterschiedlichen Formen unserer Aikido-Techniken. Zum Verstehen, bevor man sich von diesen Formen wieder lösen kann, gehört es, beide Aspekte umfänglich zu ergründen. So, wie die beiden Seiten des Fells untrennbar miteinander verbunden sind, existieren Omote und Ura nur gemeinsam als Ganzes.

Auch in der Etikette sind beide Aspekte gleichermaßen wichtig. Fehlt einer der beiden Aspekte, dann fehlt etwas Fundamentales. Ist das Angrüßen in wenigen Sekunden als lästiger Formkram abgehandelt, wird damit kaum innere Ernsthaftigkeit


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