Bewegen ohne Berühren

Ein umstrittenes Phänomen


Prof. i.R. Thomas Christaller, während des Interviews mit Watanabe Sensei, in Bonn.

Teil 1 Kontakt
erschien in AJ N° 87DE
Wie viel Kraft oder Kontakt benötigt  man, um einen Menschen zu bewegen?


 


Nun sitze ich in einem wunderbaren Ryokan in Togari No Onsen in der Nähe von Nagano. In gut einer Stunde beginnt wieder das Seminar mit Nobuyuki Watanabe Shihan. Was gibt es für bessere Randbedingungen, um über „No Touch Throw“ zu schreiben? Ein umstrittenes Phänomen im Aikido (und wahrscheinlich nicht nur dort). Den besten Artikel dazu habe ich im Aikido Journal (dem anderen) gelesen, geschrieben von Nick Lowry „Pre-emptive Aiki: No Touch Throws“ http://blog.aikidojournal.com/2010/01/02/pre-emptive-aiki-no-touch-throws-by-nick-lowry/
Nick Lowry versteht im Wesentlichen darunter eine Form des kuzushi, Balance brechen, die er „Kuzushi at a distance“ nennt. Kuzushi spielt überall im Budo eine Rolle und wird mehr oder weniger systematisch auch im Aikido unterrichtet. Er selber hat von einigen seiner Lehrer erfahren, wie dies ohne direkte körperliche Berührung zustande kommt. Aber sie scheinen es nicht unterrichtet zu haben. In den vielen Kommentaren zu diesem Artikel wird dieser Eindruck verstärkt. Viele haben es, meistens überraschend und spontan, erlebt, aber eine Erklärung, wie das zustande kommt und vor allem, ob und wenn ja, wie man diese „Technik“ lernen kann, scheint es nicht zu geben. Eine gewisse Scheu drückt sich darin aus. Denn oft ist die Erfahrung damit so merkwürdig und entgegen allen unseren Erwartungen, was im Aikido oder überhaupt im Budo wirkungsvoll sein und funktionieren kann.
Andere Kommentatoren lehnen das Konzept des „No Touch“ als blanken Unsinn ab. Starke Worte werden gebraucht, um den eigenen Unwillen darüber auszudrücken. Es sei Betrug, die beteiligten Uke würden freiwillig springen, obwohl es dafür keine Notwendigkeit gäbe. Durch Demonstrationen von „No Touch“ würde der Ruf des Aikido als wirkungsvolle Kampfkunst beschädigt. Und Ähnliches mehr.
Tatsächlich gibt es aber sowohl in Filmen als auch aus Berichten über Morihei Ueshiba Szenen, in denen er „berührungslos“ wirft http://www.youtube.com/watch?v=bCjySZuVDkQ. Es ist dabei nicht so, dass er sich gar nicht bewegt. Man kann auch wohl die zugrunde liegende physische Technik noch erkennen. Aber es gibt keinen direkten physischen Kontakt zwischen ihm und seinem jeweiligen Uke. Daneben gibt es nicht viele aber doch einige andere Aikido-Meister, die dies m. E. ebenfalls zeigen, z.B. Katsuyuki Shimamoto, Yoshinobu Takeda oder Nobuyuki Watanabe.

Meine eigenen Erfahrungen mit Watanabe Sensei sagen mir, dass es ein reales Phänomen ist. Keine Einbildung, keine Hypnose, keine freiwillige Unterwerfung. Ich teile die Beschreibung von Nick Lowry und der Kommentatoren, die Ähnliches erfahren haben. Man verliert die Balance, kann den intendierten Angriff nicht weiter effektiv vortragen, ihn aber auch nicht abbrechen. Es ist so, als ob es zwei verschiedene Bewegungen gibt, die mein Kör-per ausführt. Der eigentliche Angriff und eine Reaktion auf etwas Anderes. Beides zusammen führt zum Zusammenbruch oder dem vollständigen Aufgeben des Angriffs und Rückzug. Dabei gibt es zwei Varianten. Die eine besteht darin, dass ich das Gefühl habe, ich bin an der Stelle fest genagelt und komme nicht weiter vorwärts. Die andere ist im Gegenteil wie ein Ansaugen und kurz vor dem Zusammenstoß ein Abprallen und Wegfliegen.

Aber kann man das auch erklären und nicht nur beschreiben? Kann man das auch Üben wie zum Beispiel Shihonage oder jede andere Aikido-Technik und selber erfolgreich ausführen? Bevor ich diese beiden Fragen zu beantworten suche, einige einschränkende Vorbemerkun-gen. Aikido insgesamt ist kein Superman-System, d. h., es gibt keine Garantie, dass eine Technik immer funktioniert. Das ist ein Grund, warum wir üben. Wir verbessern dabei ein-mal den Bewegungsablauf, der charakteristisch ist für diese Technik, und wir lernen die Umstände, in denen diese Technik angemessen ist und mit Aussicht auf Erfolg durchgeführt wer-den kann.
Die meiste Zeit im Aikido-Training verabreden wir sowohl die Angriffsform als auch die zu übende Technik. Beide Partner wissen vorab, wie der jeweils Andere sich bewegen wird. In einer Kampfsituation sieht das aber anders aus. Da geht es ganz wesentlich darum, den Anderen im Unklaren darüber zu lassen, was die nächste eigene Bewegung sein wird. Täuschen und Tricksen gehören dazu. Da, wo gerade eben noch eine Lücke zu sein schien, eine Schwachstelle, ist sie im nächsten Augenblick nicht mehr. Es geht also darum, eine Lücke so schnell wie möglich zu entdecken und sofort dahin den Angriff zu lenken. Wenn beide das-selbe Kampfsystem verwenden, kann man sehen, wie sie in dieselbe Grundstellung, Kamae [構え], gehen, dieselbe Schutzhaltung einnehmen. In aller Regel folgt dann ein gegenseitiges Abtasten, kein ernsthafter Angriff aber doch so stark, dass man einen Eindruck gewinnt von der Reaktionsfähigkeit und den Reaktionsmustern des Anderen. Um dann im geeigneten Augenblick in die Lücke zu gehen und eine ernst zu nehmende Technik an zu wenden, z.B. einen Fauststoß, Fußtritt, oder Hebel.
Diese Art des Kämpfens wird im Aikido nicht unterrichtet. Es gibt nur den einen Angriff und dazu die eigentliche Aikido-Technik dazu. Es gibt kein sich gegenseitiges Belauern und Ausprobieren. Nebenbei bemerkt, wird im Aikido auch häufig nicht (mehr) effektives Angreifen gelehrt und geübt. In der Regel wartet der Tori ab, bis der Uke mit seinem Angriff beginnt und nimmt diesen dann mit der entsprechenden Technik auf, die entweder angesagt wurde oder die gefühlsmäßig zu passen scheint.
Doch die Initiative geht vom Tori 


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