Kontakt

Wie viel Kraft oder Kontakt benötigt man, um einen Menschen zu bewegen?


Prof. i.R. Thomas Christaller, während des Interviews mit Watanabe Sensei

In einem früheren Beitrag zu dieser Kolumne war „Ki“ der Schwerpunkt. In allen Aikido Dojos wird in der einen oder anderen Form darauf Bezug genommen. Die meisten sprechen von Ki als ob dies eine nicht-physikalische Kraft oder Energie sei, die aber physikalische Wirkung zeigt. Ki ist demnach nicht messbar aber individuell spürbar. Ki ist nicht materiell aber wirkt auf Materie wie eine physikalische Kraft, die dann wieder messbar ist. Ki ist im gesamten Universum verteilt, kann aber verdichtet, gerichtet, gesammelt, geteilt und zusammen gebracht werden. Daher die Beschreibungen, die jeder von uns beim Aikido-Unterricht mehr als einmal gehört hat: Nimm das Ki vom Uke auf. Verbinde Dein Ki mit dem des Uke und schicke es in diese oder jene Richtung. Das halten wir alles für „normales“ Aikido.

Die Meinungen gehen aber sehr stark auseinander, wenn ein Aikidoka jemand anderen ohne direkten oder nur sehr geringen physischen Kontakt wirft. Das wird englisch-sprachig als No-Touch Throw bezeichnet. Darüber werde ich in diesem und in einem nächsten Beitrag in dieser Kolumne schreiben. Im Folgenden untersuche ich zuerst einen sehr wichtigen Aspekt, unabhängig davon, ob man mit oder ohne Berührung jemand anderen bewegen möchte: Kontakt oder Berührung. Ich verwende diese beiden Begriffe im Unterschied zu zupacken, schlagen, ergreifen festhalten. Natürlich stellen diese Aktivitäten auch Kontakt her oder sind Berührungen. Den Unterschied möchte bei dem Kraftaufwand oder physischen Intensität der Aktivität machen. Kontakt herstellen oder Berührung bezeichnen solche, wo die Krafteinwirkung und die Gerichtetheit der Kraft am geringsten oder am neutralsten ist. Also z.B. streicheln, tröstende Berührung, Liebkosen sind alles Berührungen, bei denen beim Empfänger nicht die Muskeln zerquetscht werden oder ein Stoß damit verbunden wäre. Es sind die mitfühlenden Berührungen damit gemeint.

Wir Menschen, wie so viele andere Lebewesen, erfahren über ihre Umwelt und die eigene Einstellung dazu über Körperkontakt. Speziell wir Menschen nutzen dazu unsere Hände. Es gab im vergangenen Jahr ein Schwerpunktthema bei Scientific American mit dem Titel: Wired for Touch. Mit der Kernaussage: Unser Gehirn ist wesentlich darauf ausgerichtet Berührungen von Menschen zu erfahren und zu interpretieren und auch selber andere Menschen zu berühren. Berührungen spielen eine enorme Rolle in unserem sozialen Zusammenleben. In einem der beschriebenen Experimente stellte sich heraus, dass wir prinzipiell in der Lage sind, durch das Auflegen unserer Hand auf die Hand eines anderen Menschen dessen grundsätzliche emotionale Befindlichkeit zu spüren.

Wir können uns in einer Umarmung geborgen fühlen oder umklammert oder fest gehalten. Wir mögen bestimmte Berührungen und wir bevorzugen bestimmte Menschen dabei. Sozio-kulturelle Regeln legen fest, welche Berührungen zwischen Fremden, Freunden, Liebespaaren, Eltern und Kindern, usw. erlaubt, normal oder tabu sind. Daneben gibt es auch Berührungen, die meistens nicht so genannt werden, die in Auseinandersetzungen eingesetzt werden: Boxen, zupacken, schlagen, treten. Deren Intention ist es, Schmerzen hervorzurufen. Den Getroffenen zu etwas zu bringen, was er oder sie unter anderen Umständen nicht bereit wäre, zu tun. Das iPhone herzugeben, Platz zu machen, sich zu unterwerfen.

Und dann gibt es die vielfältigen Berührungen mit der nicht-menschlichen Umwelt. Andere Lebewesen, z.B. einen Hund, Pflanzen, Obst und Gemüse, den Boden unter unseren Füßen, den Gegenständen, die wir greifen, dier Tischecke, an die wir unabsichtlich anstoßen. In der Theorie der Autopoietischen Systeme der Biologen Maturana und Varela haben wir alle einen aktiven Rand, der das Innen mit dem Außen verbindet und gleichzeitig diese beiden voneinander trennt. Jede Berührung gibt uns nicht nur Informationen über das, was wir berühren, sondern auch über uns selber. Mit welchem Teil unseres Körpers findet die Berührung statt, wieviel Kraft steckt hinter der Berührung, wird z.B. unser Ergreifen erfolgreich sein, wie weit entfernt sind wir von dem zu Greifenden, wo überall spüren wir das Greifen, den Kontakt mit der Außenwelt in unserem Körper.

Wenn wir mit friedlichen Absichten auf andere Menschen zugehen, dann machen wir uns nicht so viele Gedanken über das Berühren. Das sieht ganz anders aus, wenn wir Berührungen von der nicht so freundlichen Art erwarten. Wir reagieren spontan, instinktiv darauf mit einer Abwehrhaltung, steigendem Puls, Ausschütten von Hormonen, Wut, Angst. All dem liegt zu Grunde, dass wir diese Berührung nicht zulassen wollen. Wir wollen ihr ausweichen, sie abwehren, ihr zuvor kommen (Angriff ist beste Verteidigung), sie ignorieren, nicht wahrhaben.

Für mich ist das wichtigste Prinzip im Aikido das Zulassen jeglicher Berührung. Ein „nicht entziehen wollen“ sondern für den Anderen da zu sein, ihm das zu geben, was er oder sie haben will. Aber nicht unbedingt unter den Bedingungen, die der Andere uns aufdrücken möchte. Ich spreche jetzt natürlich von Kampfsituationen. Das Grundprinzip besteht darin, den möglichen Angriff des Anderen in dessen Verteidigung umzuwandeln. Insofern ist Aikido eine


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