Hingabe

Markus Hansen 2015
Markus Hansen 2015

Mit einem zischenden Geräusch verbreitet sich die Wärme im Raum, als die Frischluft auf die noch junge Glut gepustet wird. Es riecht wie auf einer Grillparty, bevor Schaschlik, Maiskolben und Steak auf den Bratrost gepackt werden. Dieses Kohlefeuer vor uns soll allerdings keine Leckereien zum Knuspern bringen. Denn wir stehen nicht vor einem Grill, sondern vor einer Esse.

Der Schmied neben mir stochert in der Kohle, um sie besser zu durchlüften. Aufmerksam verfolge ich seine routinierten Bewegungen. Der Messerschmiedekurs in einem kleinen Ort kurz vor der dänischen Grenze ist ein Geburtstagsgeschenk. Eine Woche lang darf ich einem Schmied mit zwei Jahrzehnten Erfahrung über die Schulter luschern und – tadaa! – auch selbst Hand anlegen. Am Ende des Kurses soll ich eine selbstgeschmiedete mehrlagige Messerklinge mit nach Hause nehmen können, stand in der Beschreibung.

Ob ich in einer Woche denn tatsächlich lernen könne, wie man Stahl so formt, wie man sich das vorstellt, möchte ich wissen. Mein Schmied lacht. Sieben Jahre formt der Stahl den Schmied, erst dann formt der Schmied den Stahl, gibt er einen Teil seiner Weisheit preis. Ich nicke und beschließe leise, keine allzu große Erwartungshaltung in meinen Kurs zu packen. Dass es irgendwie seinen Grund hat, dass nicht jeder mit Hammer und Esse in seiner Garage in Katana-Serienproduktion geht, hatte ich mir ohnehin vorher schon gedacht.

Vom Schmieden selbst können die meisten nicht mehr leben, erfahre ich, aber es ist seine große Leidenschaft geblieben. Also hat er sein Leben so eingerichtet, dass er dieser Leidenschaft weiter folgen kann. Hauptberuflich ist mein Schmiede-Lehrer inzwischen Feuerwehrmann. Diese Woche hat er frei.

Mit dem Aikido ist es ähnlich. Für so manche ist es eine Leidenschaft, aber davon leben können die wenigsten. Bevor der eine oder andere Euro von den Beiträgen der Aikidoka übrig bleibt, müssten zunächst Miete und Nebenkosten der Räumlichkeiten beglichen werden. Gleichzeitig gibt es unzählige andere Angebote, zu denen man in Konkurrenz tritt. Will man davon leben, muss man sich dem Wettbewerb stellen. Neben anderen Aikido-Gruppen gibt es noch Tanzkurse, Yoga-Stunden und viele andere Dinge, die womöglich eine ähnliche Zielgruppe ansprechen. Viel Energie, Zeit und Geld muss dann in Werbung fließen, um stetig neue Interessierte in das eigene Dojo zu locken. Damit kann man Leute allerdings auch verschrecken – ich weiß von einigen Aikido-Lehrern, zu denen Leute nicht auf Lehrgänge wollen, weil deren Eigenwerbung für Dojo und Seminare als viel zu aufdringlich wahrgenommen wird.

Die stetig neuen Aikidoka werden benötigt, weil es immer mal wieder Gründe gibt, warum Leute nicht mehr zum Training kommen, beispielsweise Beruf oder die eigene Gesundheit. Richtet man sich im Angebot allerdings zu sehr auf »Neue« aus, läuft man Gefahr, altgediente Aikidoka zu verlieren. Die Nachhaltigkeit des eigenen Unterrichts ist dann gefährdet, denn um Aikido auch für die nächsten Generationen zu erhalten, muss es Leute geben, an die man nicht nur die ersten paar Jahre weitergeben kann.

Manche Aikido-Lehrende wollen auch gar nicht davon leben. Klar, die Vorstellung vom eigenen Dojo, dem man sich den ganzen Tag widmen kann, die hat schon was. Einen groben Bauplan für das perfekte Dojo habe ich auch im Hinterkopf. Aber drauf angewiesen zu sein, Leute bei der Stange zu halten, weil der eigene Lebensunterhalt davon abhängt? Wie schnell schleichen sich da Kompromisse ein, so dass man plötzlich bemerkt, dass man sich mit ehrlichem Feedback zurückgehalten hat, um die Kundschaft nicht zu vergraulen? Wenn man viele Leute befördern muss, damit keine Eifersucht aufkommt, statt Talente verdientermaßen voranzubringen?

Will man Aikido nachhaltig weitergeben, braucht man einiges an Durchhaltevermögen. Immer wieder wird man Schülerinnen und Schüler mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht und einer kleinen Träne im Auge alles Gute für ihren weiteren Lebensweg wünschen, weil der sie nun eben anderswo hinführt. Nicht alle Aikidoka haben die Möglichkeit und vor allem den Willen, mehr als das wöchentliche Training hinzugeben, um auf dem Weg voranzuschreiten und auf der Matte irgendwann vorne zu stehen.

Übungsformen, die besonderes Durchhaltevermögen und Hingabe einfordern, gibt es auch im Budo. Shugyo 修行 hat viele Bedeutungsebenen, wird im Budo-Kontext


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