Heilige Kühe

Markus Hansen 2015.
Markus Hansen 2015.

Draußen ist es dunkel und kalt. Leise huschen ein paar Schneeflocken am Fenster vorbei, machen sich daran den Boden zu erobern, um dann letztlich doch wie alle anderen zu Wasser zu zerfließen. So kalt ist es dann doch nicht, auch wenn das Jahr sich dem Ende entgegen neigt. Drinnen am Esstisch wird vom Nachwuchs mit neugierigen Augen ein obskures Objekt inspiziert.

Vor ihnen in der Mitte ist eine zu einem Kreis zusammengebundene Anordnung von Zweigen eines Nadelbaumes. Vier Halter mit Wachskerzen sind daran befestigt. Zwei der Kerzen brennen, je eine vor je einem Kind. Als Haushalt mit einer eher vernunftbasierten Weltanschauung sind religiöse Gegenstände bei uns eher Fremdkörper, die es im Zweifel kritisch zu hinterfragen gilt, aber Kerzenlicht ist wirklich gemütlich, irgendwo kam das Ding her und nun liegt es eben dort auf dem Tisch und nimmt Platz weg.

Gespannt verfolge ich die analytische Diskussion, worum es sich bei diesem pieksigen Gegenstand wohl handeln könnte. „Wenn es sowas wie eine Sonnenuhr sein soll, braucht es keine eigenen Lichtquellen. Außerdem wäre es dann ja wohl draußen.“ - „Wieso soll man denn eigentlich nicht alle Kerzen abbrennen? Das wird doch ungleichmäßig.“ Ich gehe in die Küche, um weitere Dinge für das Abendessen zu holen.

Einige Dinge, die Menschen wichtig sind und die sie als ihre Realität wahrnehmen, ergeben bei rationaler Betrachtung und Analyse erstmal nicht viel Sinn, da dieser sich nur in bestimmten Kontexten erschließen kann. Für einen selbst ergeben sie oft nur Sinn, weil man sie wieder und wieder von anderen eingeredet bekommen hat oder weil man sie sich selbst lange genug eingeredet hat. Aus einer irrationalen Idee wurde der Glaube, dass etwas so sei.

Obwohl schon das Grundkonzept „Glaube“ nicht viel verifizierbare Substanz hat, fällt das Verständnis, dass andere Menschen dem eigenen Glauben nicht folgen wollen, bekanntermaßen mitunter schwer. Zum Teil wird sogar Gewalt gegen Andersdenkende aus dem Verständnis, für „das Richtige“ zu kämpfen, ja, kämpfen zu müssen, gerechtfertigt. Dies hängt damit zusammen, dass einige solcher Konzepte im Kopf durch stetig wiederholte (Selbst-)Indoktrination den Wert absoluter Wahrheit zugemessen bekommen.

Das Infragestellen solcher Konzepte durch Andere wird dann bereits als Angriff auf die eigene Person, die eigene Integrität wahrgenommen, was das Konfliktpotential erhöht. In sozialen Gruppen kommt hinzu, dass auch Machtansprüche mit hineinspielen. Wer die Deutungshoheit über „die Wahrheit“ für sich erringt, hat einen höheren sozialen Status und damit vermutlich mehr Macht. Irgendwann stehen dann womöglich Machtfragen im Vordergrund. Glaubenskriege sind leider nicht nur ein abstraktes Konzept, sondern begegnen uns in mannigfaltiger Ausprägung durchaus häufig. Wehe, jemand greift eine solche Wahrheit an – es handelt sich um sprichwörtliche(!) heilige Kühe.

Mitunter kann es der eigenen Macht auch dienlich sein, sich Mächtigeren zu unterwerfen. Überliefert wird beispielsweise von Ignatius, dem Gründer des Jesuitenordens, er habe gesagt: „Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es die Kirche so definiert.“ Er stellt jegliche Rationalität und Objektivität damit hinter Deutungshoheit und Machtanspruch der sozialen Gruppe, aus der er wiederum seine Macht bezieht, zurück. Für den eigenen Glauben sind Menschen bereit, anderen Menschen Böses anzutun. Hexenverbrennung, Selbstmordattentate, Inquisition … derartige Beispiele findet man zuhauf, gerade auch in Gruppen, die für sich in Anspruch nehmen, „gut“ zu sein.

Aber was hat das nun mit Aikido zu tun? Auch in den verschiedenen Aikido-Strömungen und -Geschmacksrichtungen trifft man immer mal wieder auf allgemeingültige Wahrheiten, hinter denen sich kleine oder auch größere Schlachten um die Deutungshoheit darüber verbergen. Einige dieser Wahrheiten beziehen sich auf die geschichtlichen Abläufe, aus denen die jeweiligen Strömungen hervorgegangen sind. Da gehört es dann zum Selbstbild der jeweiligen Strömungen, eine eigene Version davon zu haben, wie sie entstanden sind. Den Überblick darüber, wie viele Versionen der „Geschichte des Aikido in Deutschland“ existieren und wie viele davon jeweils die wahren Versionen sind, in denen die jeweils anderen Gruppierungen meist nicht so gut wegkommen, habe ich lange verloren. Die Definition der eigenen Gruppe erfolgt in solchen Konstellationen zum Teil über Feindbilder. Hat man die Chance, als unbefangene Person von außen auf die Ereignisse zu schauen, stellt man manchmal verwundert fest, dass es nur ganz leichte Nuancen sind, in denen sich die Versionen unterscheiden, die einem vorgetragen werden.

Ich hatte mal die Hoffnung, dass durch Internet und damit einhergehend ungesteuertere Wahrnehmung zwischen den verschiedenen Aikido-Gruppen die Gräben langsam zuwachsen und dadurch flacher und schmaler werden. Aber immer mal wieder höre ich von neuen Gräben, die ausgehoben werden. Diese entstehen meistens zwischen Gruppen, die eben noch sehr eng beieinander waren. Es „menschelt“ halt auch im Aikido.

Allerdings tun viele Aikidoka sich schwer damit, Konflikte offensiv auszutragen, denn Aikido – auch das so eine grundsätzliche Wahrheit, der man häufig begegnet und die nicht in Frage gestellt wird – ist ja eine friedliche Disziplin, bei der es um Konfliktvermeidung geht und sich alles in Wohlgefallen auflöst. Allerdings gehen die Ansichten darüber, was „Harmonie herstellen“ bedeutet, zum Teil weit auseinander.

Das Interpretationsspektrum im Aikido reicht dabei von Zack-Bumm-Erledigt bis Eididei-wir-haben-uns-alle-lieb. Alle Ausprägungen sind in der Regel spannend. Und alle nehmen für sich in Anspruch, wahres Aikido zu betreiben. Zum Glück sind viele davon ab, es das einzig wahre Aikido nennen zu wollen, aber ein paar gibt …


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