Liebe Leserinnen und Leser,

in der Redaktionssitzung wurde mein Entwurf der sogenannten Coverpage, zu Deutsch die Titelseite, der Ihnen vorliegenden Ausgabe zerrissen. Es war nur eine kleine Phrase, die das Auge störte … denn seit Wochen bewegte meine Gedanken „die Vergangenheit“. Zum Beispiel die vergangenen 20 Jahre des AJ, oder die 50 Jahres-Feier von Meister Asai in Münster … All dieses beeinflusst uns nachhaltig, wir übernehmen unbewusst das, was wir in der Vergangenheit erlebten und fühlten … später wissen wir nicht mehr zu sagen, wo es her gekommen ist, wann wir es übernahmen … Unsere Vergangenheit birgt eine Macht.
Auf dem Entwurf der ersten Seite, der Ausgabe, die Sie nun in den Händen halten: „… die Macht der Vergangenheit“ und dazu das „20 Jahre AJ“. Die Macht der Vergangenheit wurde als störend empfunden – ich könne es ja im Editorial „verpacken“. So packe ich nun …

Wir leben nicht nur biologisch- sondern auch soziologisch kulturell. Unterschiedliche Kulturen prägen uns unterschiedlich, es ist unsere Erfahrung, die unsere Körper verändern. Nicht nur unseren Hang nach Anerkennung lässt und modische Kleidung tragen, auch die Industrie meint uns einreden zu müssen, dass wir „männliches“  Deodorant  benötigen um uns immer wohlzufühlen – um dieses zu unterstreichen, drehen sich wohlgesteilte Dame nach dem Werbe-Mann herum … Aber ich verliere mich …
Durch unterschiedliche Lebensorte werden Familien unterschiedlich geprägt – so wissen wir, dass die in die Türkei zurückkehrenden Türken „Deutschländer“ genannt werden. Es entstehen neue Lebensnormen, wie zum Beispiel Kleidernormen. Welche Körperteile „darf“ man zeigen – welche nicht! In Indien zeigen Frauen große Teile ihres Bauches, die Beine aber müssen bedeckt sein. In Neu-Seeland „darf“ man in kurzen Hosen zu einem Empfang gehen. In Japan ist die Kleiderordnung sehr restriktiv. In Deutschland sind die Toiletten nach Geschlecht getrennt, nicht aber Saunaräume.

Unser Körper zeigt unsere Identität – mache lassen sich zu Ganz-Körper-Tätowierungrn hinreißen. Tätowierungen sind aber auch eine sehr alte Modifizierung, schon bei Ötzi kann man diese sehen. In Neuguinea bekommt eine Trauernde ein Glied ihres kleinen Fingers abgetrennt, um so ihre Trauer dauerhaft darzustellen. In Japan lässt sich ein Yakuza (offiziell bōryokudan 暴力団   genannt) zur Kompensation, einen kleinen Finger abtrennen, um sich so, für Morde in der Gegengruppe zu entschuldigen, in der Hoffnung so weitere Dispute zu unterdrücken.  Dies alles geschieht nicht seit Jahrzehnten sondern hat uralte Traditionen.
Dieses und vieles mehr sind Körperbotschaften – wir kommunizieren mit unserem Körper. Auch Verbal benutzen wir dies, wenn wir „von der rechten Hand von Jemanden“ sprechen oder dem klugen Kopf, so wie der grauen Eminenz.
Das Thema ist so facettenreich, dass ich immer wieder abschweife …

Ich plane für die nächste Ausgabe einige Veränderungen im Journal – eine Journalbotschaft.


Viele Gespräche führte ich seit dem Frühjahr, das Interview mit Meister Asai können Sie jetzt lesen. Das versprochene zweite Interview mit Kei Izawa musste wegen des Lernstoffes für die Abschlussprüfung von Alices Studium hinten angestellt werden … die Hälfte hat Alice bereits abgeschrieben – so wird es in der 85DE veröffentlicht werden.

Ebenfalls im Frühjahr sprach ich mit drei Lehrern, die alle drei aus einem Wohnort stammen, zeitnah mit dem Aikido begannen, zeitgleich des Verbandes verwiesen wurden – aber sie hatten sich schon länger an Hirokazu Kobayashi -小林 裕和 – angeschlossen. Die beiden ersten Interviews können Sie auf den folgenden Seiten lesen.  

Wir wünschen Ihnen viel Freude mit der 84DE und dass Sie lange Zeit Ihre Urlaubserholung bewahren können

    Die  Mannschaft und Ihr
Horst Schwickerath

 

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