difusser Blick

Prof. i.R. Dr. Thomas Christaller
Prof. i.R. Dr. Thomas Christaller

In einem Kampf geht es wesentlich darum, dass wir für den Anderen, sei er nun Angreifer oder Verteidiger, unberechenbar in unseren Bewegungen und Absichten sind. „Täuschen und Tarnen“ sind wichtige Mittel dafür. Eine Bewegung ansetzen, aber nicht zu Ende führen und stattdessen eine andere Bewegung durchführen. Oder eine Bewegung verdeckt, unsichtbar für den Anderen zu beginnen und erst sichtbar zu machen, wenn eine Gegenwehr nicht mehr gelingen kann.

Der „diffuse Blick“ oder die Betonung des peripheren Sehens hilft uns, mit genügend Übung, Bewegungen des Anderen schon im Ansatz zu erkennen. Neben dem schon erklärten Mechanismus wie Vorurteil und tatsächliches Bild miteinander abgeglichen werden, gibt es einen weiteren Mechanismus, den wir einsetzen, um die mögliche Absicht und vor allem auch den möglichen weiteren Verlauf der begonnenen Bewegung vorher zu sagen. Vereinfacht gesagt, gibt es genau neben den Neuronen, die unsere Bewegungspläne codieren, solche, die genau diese Bewegungen „erkennen“, wenn wir sie bei anderen sehen. Dies sind die inzwischen allgemein bekannt gewordenen Spiegelneuronen. Sie erlauben es uns, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Die Grundannahme dafür lautet: Der Andere ist im Prinzip wie ich. Wenn er lächelt, dann weiß ich, aus welchem Gefühl heraus er das macht. Wenn sich die Hand hebt, weiß ich, was er damit erreichen will.

Wir sehen also nicht nur Bewegungen sondern wir machen starke Annahmen darüber, warum jemand diese Bewegung durchführt, welches Ziel damit verfolgt wird, welche Motivation und mit welcher Intensität. Ausgangspunkt für unsere Annahmen sind unsere eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen. Je besser wir den Anderen kennen, desto besser funktioniert dieses Vorhersagen und sich Hineinversetzen. Es ist die Basis für verschiedene Fähigkeiten. Eine davon ist Empathie, Mitfühlen. Die andere nenne ich Probehandeln. Wir können unsere eigenen Bewegungen und die Bewegungen von Anderen in Gedanken vorstellen und sie durchspielen. Dazu verwenden wir genau dieselben Neurone, wie wir sie auch für das tatsächliche Durchführen dieser Bewegungen benutzen. Diese Imaginationsfähigkeit wird inzwischen in verschiedenen Profisportarten, wie z.B. Fußball als Trainingsmethode eingesetzt. Denn es werden nicht nur die Neurone aktiviert sondern auch die entsprechenden Muskeln werden angesprochen.

Dies alles zusammen mit den Mechanismen, die ich in der letzten Kolumne beschrieben habe, sorgen dafür, dass Experten, Meister in einem bestimmten Bewegungssystem wie z.B. Aikido, schon aus kleinsten Bewegungsansätzen ablesen, wie sich diese Bewegung entfalten wird. Sie können deshalb eine Reaktionszeit erreichen, die 10-mal so schnell ist wie bei einem Ungeübten, genauer: Statt der ca. 250 Millisekunden, um auf eine Sinneswahrnehmung mit einer Bewegung zu antworten, benötigen sie nur 25 Millisekunden. Deshalb können Tischtennisspieler erfolgreich Bälle retournieren, die mit mehr als 100 km/Stunde über die Platte fegen. Und im Aikido eine Bewegung aufnehmen, die sich gerade erst entfaltet.

Wie kommt man dahin? Durch Üben, Üben, Üben. Doch dabei sollten wir folgende Punkte berücksichtigen. Erstens, wiederholen von identischen Bewegungen ist wenig erfolgversprechend. Neuronale Systeme werden dann zu speziell. Sie können sich nicht mehr kleinen Veränderungen in der aktuellen Situation anpassen. Deshalb ist es wichtig, mit möglichst vielen verschiedenen Menschen zu üben und auf jeden Menschen anders zu reagieren bzw. dieses genau zu lernen. Zweitens, die eigene Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen oder anders ausgedrückt, das Sehen immer wieder neu zu lernen. Und Drittens, sich viele andere Aikidoka anzuschauen und bei deren Bewegungen in Gedanken mitzugehen.


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