"Qual – ifikationen"

"Markus auf seinem Liebligsbild"
"Markus auf seinem Liebligsbild"

„Und?“, frage ich. Wir sitzen im Auto, sind auf der Rücktour von einem Lehrgang. Meine Mitfahrenden wissen Bescheid und fangen an. Nach nahezu jedem Lehrgang hole ich mir Eindrücke ab, was meinen Leuten – positiv wie negativ – aufgefallen ist, was wir bei uns wie anders machen und was den anderen Ansatz ausmacht. Daraus ergeben sich mitunter spannende Diskussionen, bis wir herausgearbeitet haben, was das Aikido von der- oder demjenigen ausmacht, die oder der den Lehrgang gegeben hat.

Erstmals mitfahrende Aikidoka sind davon mitunter überrascht und versuchen, auszuweichen. „Ich kann mir doch nicht anmaßen, mir über einen höheren Dan ein Urteil zu bilden, ich bin doch nur ein popeliger 5. Kyu.“ Ich weiß gar nicht, wie oft ich einen Satz in dieser Art schon gehört habe. Zum einen ist diese Sichtweise genauso weit verbreitet wie inhaltlich falsch, zum anderen geht es mir gar nicht nicht um ein Urteil. Vielmehr will ich mit meinen – zugegeben mitunter penetranten – Nachfragen bei den Leuten, die mit mir Aikido machen, erreichen, dass sie lernen, ihre eigenen Eindrücke bewusst zu rekapitulieren und für sich einzuordnen.

Natürlich bin ich auch daran interessiert zu erfahren, was meinen Schülerinnen und Schülern auffällt, wie sie Aikido wahrnehmen, wie sie Stärken und Schwächen von Bewegungsvorbild und Vermittlung desselben identifizieren. Denn das erleichtert es wiederum mir, mich auf ihre jeweilige Sprache einzustellen und sie womöglich besser mit den Inhalten, die mir wichtig sind, zu erreichen.

Ohnehin verstehe ich nicht, warum man sich als Frischling auf der Matte keine Meinung zu den großen Vorturnern erlauben dürfen sollte, warum man an der Formalqualifikation festmacht, dass man seine Meinung angeblich nicht sagen darf. Zum Beispiel kann ich überhaupt nicht tanzen (diverse Damen in meinem Leben haben versucht, mir das nahezubringen, aber die konnten meist nicht so gut fallen), weiß aber sofort, wenn ich andere dabei sehe, ob das für mich stimmig wirkt oder nicht. Es ist nur natürlich, Wahrgenommenes auch qualitativ einzuordnen. Ich erinnere mich an mehrere Vorträge hochdekorierter Akademiker, in denen ich gehockt habe und recht deutlich merkte, dass das inhaltlich gerade echt dünn war, ohne nun selbst auch nur annähernd Experte für die jeweiligen Disziplinen gewesen zu sein. Ebenso erinnere ich mich an Aikido-Lehrgänge, die ich ähnlich wahrnahm. Formalqualifikationen sind letztlich nur Zettel.

Oft begegne ich besagter Annahme, dass man Meinungen und Eindrücke nur schildern darf, wenn man selbst über eine hinreichende Formalqualifikation verfügt. Formalqualifikationen – Graduierungen, Lizenzen und was es noch alles gibt, werden auch im Aikido gern hochgehalten. Zugegeben: Auf den Web-Seiten meiner Aikido-Gruppe habe ich das für mich auch aufgeführt, denn nach meiner Erfahrung schauen Leute, die noch nicht viel über Aikido wissen, auf solche Angaben und nutzen sie zur Orientierung. Sind sie dann vor Ort auf der Matte, zählt der persönliche Eindruck, aber da muss ich sie halt erst einmal hinbekommen.

Nun ist das Hochhalten von und die Orientierung an Formalqualifikationen sicher kein rein deutsches Phänomen, sondern kommt in anderen Kulturkreisen ebenso vor, nicht zuletzt in Japan. Wer dort wann welche Graduierung, welche Lizenz oder welche Schriftrolle bekommen hat, was diese bedeuten und wer nun warum wessen offizieller Nachfolger einer Budo-Schule sein kann, darf oder will, dazu findet man leicht manche mit Herzblut vorgetragene Diskussion. Das Konstrukt im Kopf ist einfach: Der hat den Zettel, dass er obertoll ist, also ist er obertoll. Und wenn einer nur einen Zettel hat, dass er toll ist, dann ist der eben nur toll.

Nun ist das mit diesen Zetteln mitunter so eine Sache. Morihei Ueshiba bekam 1922 von seinem Lehrer Sokaku Takeda ein Zertifikat, das ihn als „Kyoju-Dairi“
(教授代理) auswies, als offiziellen Repräsentanten der Lehre des Daito-ryu. Ein „Menkyo Kaiden“ (免許皆伝), den Nachweis der vollen Übertragung aller Lehrinhalte, führte Sokaku erst Jahre später ein. Damit hatte Morihei die zum Zeitpunkt des Erwerbs höchste Formalqualifikation der Schule, jedoch nicht die höchste, die es je gab. Ist das nun eine nachträgliche Herabstufung Moriheis (und diverser anderer Inhaber des Kyoju-Dairi)? Der Versuch, anderen eine höhere formale Position zu sichern? Ein Marketingtrick? Neue Erkenntnisse Sokakus, die seine Lehre erweiterten? Das wird sich alles nicht mehr wirklich klären lassen. Ohnehin hatte Morihei sich längst als Lehrer etabliert und einen Schnitt gemacht, sich von Sokaku formal gelöst, sein System umbenannt und damit nicht zuletzt auch nicht unerhebliche Gebühren, die er für seine Schüler zu entrichten gehabt hätte, eingespart.


 


 


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