Verletzlichkeit

Der Schlüssel zu einem menschlichen Budo


Prof. Thomas Christaller während des Interviews – 2011.

Kampf- und Kriegskünste wurden vor der Einführung von Feuerwaffen wesentlich für den Zweikampf Mann gegen Mann auf dem Schlachtfeld entwickelt. Die Techniken sollten immer zweierlei Zielen dienen: Den Anderen außer Gefecht setzen und selber zu überleben. Und immer schon war klar, welche entscheidende Rolle die eigene innere Haltung dabei einnimmt. In den japanischen Kampfkünsten, Budo, wurde vieles überliefert und auch weiter entwickelt, was in Europa vergessen oder in Sportarten entwickelt wurde wie Ringen oder Boxen. In dem Buch von Carl von Clausewitz „Über den Krieg“ heißt es so treffend: „Wenn die Kampfhandlungen beginnen, vergiss jeden Plan!“ Keiner, der in einen Konflikt, egal welcher Art, eintritt, weiß vorab, wie der ausgehen wird. Und ob ein Sieg wirklich ein Gewinn ist. Darauf deutet der Begriff des Phyrrus-Sieges hin. Diese Unsicherheit durchzieht eigentlich unser ganzes Leben. Wir planen zwar und mit einiger Lebenserfahrung können wir auch vieles vorher sehen, richtig einschätzen. Aber wissen, wissen tun wir nicht, ob alles auch so kommt, wie wir es uns denken und vorstellen. Unsere Welt ist voller Überraschungen und Unvorhergesehenem und vor allem auch Übersehenem, so dass wir tatsächlich handlungsunfähig würden, wollten wir die Konsequenzen unseres Handelns in allen Details vorher berechnen. Oft bleibt uns nichts anderes übrig, als erst zu handeln, zu schauen, was passiert, und dann darüber nach zu denken.

Eine Möglichkeit, mit diesen Ungewissheiten um zu gehen besteht darin, Stärke zu entwickeln oder Macht zu gewinnen. Reichtum ist auch nicht schlecht. Also den potentiellen Konkurrenten oder Gegnern überlegen zu sein. Da aber viele so denken, entsteht das sogenannte „Rote Königin“-Problem, wie es Lewis Carroll in „Alice hinter den Spiegeln“ beschrieben hat: Im Lande der Roten Königin muss man so schnell wie möglich rennen, um wenigstens auf der Stelle bleiben zu können. Das Wettrüsten um Stärke und Macht hört niemals auf und keiner ist sicher, dass er morgen nicht schwächer und machtloser geworden ist als heute. Was für ein Leben!


Wieder eine andere Möglichkeit besteht darin, alles als Schicksalsschlag an zu nehmen und sich diesem zu ergeben: „ich kann sowieso nichts machen“, „ich alleine kann gar nichts ändern“, „die anderen sind sowieso stärker als ich“ usw. Dies scheint mir auch nicht zu einem besonders wünschenswerten Leben zu führen.


Was ist der Ausweg? Gibt es eine Möglichkeit, die weder Machtstreben noch Selbstaufgabe erfordern? Ja, behaupte ich. Sie besteht darin, mutig zu handeln und das eigene Scheitern dabei in Kauf zu nehmen. Für mich drückt der Ausspruch „Ich stehe hier und kann nicht anders“, der Martin Luther zugeschrieben wird, als er vor dem Wormser Reichstag sich rechtfertigen und seine Kritik widerrufen sollte, dies am besten aus. In vollem Bewusstsein der eigenen Schwäche und dass die andere Seite übermächtig war, hat ihn nicht davon abgehalten, an seinen Überzeugungen fest zu halten.


Und genau um diese innere Haltung geht es mir hier. In Anlehnung an das Buch von Brené Brown „Daring greatly: How the courage to be vulnerable transforms the way we live, love, parent, and lead. (deutsch: Verletzlichkeit macht stark: Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden)“ bezeichne ich dies als das Annehmen und den Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit. Dies unterscheide ich (wie Brené Brown) von dem Begriff der Verwundbarkeit, die mehr den Aspekt der körperlichen Verletzung bezeichnet. Dagegen bezeichnet sie Verletzlichkeit als Unsicherheit, Risiko und emotionale Herausstellung. Ihr prominentes Beispiel ist die Liebe zu einem anderen Menschen. Wenn ich morgens aufwache, weiß ich nicht, ob der von mir geliebte Mensch noch die Liebe erwidert, seine Sicherheit kann ich nicht garantieren, und der andere kann mich betrügen. Liebe ist in hohem Maße unsicher. Wir gehen ein großes Risiko ein. Und: Wir sind emotional angreifbar. Die Hypothese von Brené Brown ist nun, dass die normale Reaktion in unserer Kultur auf Verletzlichkeit Scham und Angst sind. Beides hindere uns aber daran, unser Bedürfnis an Verbindung mit anderen Menschen wirklich zu leben. Wir üben entweder zu viel Macht aus oder ziehen uns zu sehr zurück.


Wenn wir in einen Konflikt geraten, so ist das sehr vergleichbar mit der Liebe: Er tritt nicht selten überraschend auf, wir sind unvorbereitet, möglicherweise ohne Unterstützung, etc. Wir können aufbrausen, zornig oder wütend werden und aggressiv auf den anderen losgehen. Oder wir bekommen es mit der Angst zu tun, laufen weg, unterwerfen uns. Doch wir müssen unsere Verletzlichkeit nicht verstecken …


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