"Faltige Mythen"

Markus auf seinem Lieblingsfoto.
Markus auf seinem Lieblingsfoto.

Domo arigato gozaimashita. Das Training ist beendet, ich löse die Bindung meines Hakama, um ihn zusammenzulegen. „Was ich Dich noch fragen wollte, welche Bedeutung hat dieser gewickelte Knoten, mit dem Du deinen Gürtel bindest?“ Ich wende mich der Stimme zu. Ein junger Aikidoka schaut mich erwartungsvoll an. „Bedeutung?“, frage ich erstaunt. „Ja, Du hast da einen ganz anderen Knoten als ich ihn sonst kenne. Was symbolisiert denn der? Ich kenne nur den Pfeil, der zum Herzen zeigt.“

Mein Obi ist etwas flacher, weicher und breiter als die meisten Budo-Gurte. Ich habe diese Variante beim Iai kennengelernt und schätze sie auch beim Aikido. Es ist ein angenehmes Tragegefühl, auch beim Ukemi, wo ich die etwas dicker abgenähten manchmal als störend empfunden habe. Zum Binden nutze ich auch keinen auftragenden Knoten, da dieser sowohl optisch unschön unter dem Hakama zur Geltung kommt als auch in den Bauch drückt, wenn man bei Katame-Waza darauf liegt. Das ganze ist bei mir mehr so eine Art Gewickel, bis alles hält. Ungefähr so wie bei einem Kaku-Obi im Iaido, aber eben nur ungefähr.

Ich glaube, auch der Pfeil, der zum Herzen zeigt, ist keine Bedeutung eines Knotens, sondern ein veranschaulichendes Bild, mit dem Frischlinge auf der Matte überprüfen können, ob ihr Knoten passt. Wie viele andere Versinnbildlichungen hatte hier sich aber auch diese anscheinend verselbstständigt. Der junge Aikidoka kannte mehrere solcher Geschichten, zum Beispiel, dass ein Hakama genau sieben Falten habe, um die sieben Tugenden der Samurai abzubilden und die furchtlosen Krieger in der Schlacht stets an diese zu erinnern.

Nun sind die sieben Tugenden aus dem gegen Ende des 19. Jahrhunderts in englischer Sprache verfassten Buch „Bushido“ von Inazo Nitobe (der unter anderem in Baltimore, Bonn, Berlin und Halle studierte) überliefert, der darin jedoch einen ungeschriebenen Verhaltenskodex aufzeichnet, der offenbar auch stark von seinen eigenen Idealvorstellungen beeinflusst ist. Tugenden und Kodizes hin oder her – auch bei den Samurai gab es Intrigen, Mord, Verschwörungen und anderes falsches Spiel. So oder so war und ist Bushido keine Nähanleitung für Beinkleider. Außerdem gibt es Hakama in vielen verschiedenen Varianten. Bei einigen Aikido-Richtungen erfreuen sich etwa die Nobakama, die mit weniger Falten auskommen und enger anliegen, großer Beliebtheit. 

Für so ziemlich alles, was irgendwie mit Budo zu tun hat, gibt es Deutungen, die sich zu Mythen verselbständigt haben. Diese Verselbständigung geht zum Teil soweit, dass der Mythos real geworden ist. Als das moder­ne Gendai Budo im 20. Jahrhundert anfing, sich im Westen zu verbreiten, wurde das Phänomen „asiatische Kampfkunst“ zunehmend in Fachbüchern und schließlich auch in der Populärkultur in beispielsweise Action-Filmen aufgegriffen. Sowohl in den Fach­büchern als auch in den Filmen wur­den dabei diverse Mythen transportiert, die sich zum Teil bis heute er­halten haben.

Ein Beispiel ist „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ von Eugen Herrigel (1948, 1953 ins Englische übersetzt und insbesondere in den USA populär). Dieses Buch war prägend für die Rezeption der japani­schen Kampfkünste im Westen als Methoden zur Entwicklung der Persönlichkeit, als Wege, die von spirituellen Lehren durchdrungen waren.

Da das Buch einige Verbreitung erlangte, spielten in der Folge auch andere Bücher (z.B. das nicht unerfolgreiche „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ von Robert Pirsig) auf den Titel an oder übernahmen Aufbau, Duktus und Grundaussagen. Die transportierten Mythen wie der des weisen und spirituell geprägten Budo-Lehrers – gern mit Rauschebart und weißen Haaren – oder der starken Verankerung der geistigen Lehren im Zen wurden dabei erst in jüngerer Vergangenheit aufgearbeitet. Eine sehr lesenswerte Analyse stammt von Shoji Yamada: The Myth of Zen in the Art of Archery (kann unter https://7mh.de/herrigel als PDF-Datei abgerufen werden).

Herrigel, der sich überhaupt nur ein Dojo und einen Lehrer angesehen und diese als exemplarisch angenommen hatte, schildert in seinem Buch diverse Anekdoten über das traditionelle Lernen einer solchen Kampfkunst, um damit seine Thesen über Zen als starkes und prägendes Element in den Kampfkünsten und im Unterricht derselben zu belegen.

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Markus Hansen lebt und unterrichtet Aikido in Schleswig-Holstein.
https://www.aikido-kiel.de/
Unter kolumne@aiki.do freut er sich über Feedback.

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