"Konsitenz"

Markus kocht …

Markus Hansen
Markus Hansen

Es blubbert und zischt. Eine feucht-heiße Wolke nähert sich eher träge der Dampfabzugshaube, deren Filtervlies ich schon längst mal wieder austauschen wollte. In der Regel koche ich nicht nach Rezept - nur selten kommt zweimal das Gleiche dabei heraus. Mein eigentlicher Spaß beim Kochen ist das Ausprobieren neuer Geschmackskombinationen und das Immer-wieder-abschmecken. Der Löffel liegt bereit. Noch ist die Sauce etwas zu wässrig, weshalb sie nun erst mal reduziert wird. In der Wikipedia steht: „Als Reduzieren bezeichnet man in der Küche das starke Einkochen von Flüssigkeiten wie Fonds, Bratensaft, Saucen oder Sahne mit dem Ziel den Wassergehalt zu verringern und so den Geschmack zu intensivieren.“ 

Aikido-Bewegungen reduzieren sich im Laufe der persönlichen Entwicklung auch. Die großen Bewegungen der ersten Trainingseinheiten werden über die Jahre eingedampft, bis man gegen Ende des Weges womöglich ein gehaltvolles Aiki-Konzentrat in der Pfanne, pardon, auf der Matte vor sich hat. Oft steht man vor guten Aikido-Lehrern und staunt. Die machen echt nichts, und die Uke fallen trotzdem wie überreife Früchte vom Obstbaum herab: einfach so.

Einfach so. Aber ist es auch so einfach? Ja nee – ich probiere da schon seit Jahren dran herum und kenne so einige, die genauso staunend davorstehen und versuchen, auch da hinzukommen. Eine Sache habe ich schon raus: Es reicht nicht, einfach nichts zu machen, man muss schon sehr genau wissen, welche Bewegungen man da weg lässt und vor allem, was gerade eben noch vorhanden sein muss. Die Verbindung zum Uke muss trotzdem da sein, damit es nicht mehr ganz seine Entscheidung ist, in welche Richtung es mit ihm geht. Der Wassergehalt der Bewegung wurde reduziert und der Geschmack intensiviert, könnte man sagen.

Beim Reduzieren einer Sauce ist es wichtig, dass das Wasser am Anfang da ist, um die benötigten Aromen aus den anderen Zutaten zu lösen. Die geschmackliche Substanz der Sauce wäre ohne die lange Phase vorweg mit dem ganzen Wasser nicht zu erreichen. Nicht umsonst verbringen wir auf der Matte viel Zeit mit dem Studium erster Grundformen, ihren Bewegungsmustern, Positionen und Haltungen. Sind sie einmal wirklich durchdrungen, erscheinen sie irgendwann nicht mehr so wichtig.

Als ich in den 80er Jahren mit Aikido und anderen Kampfkünsten begann, traf ich irgendwann auf einem Lehrgang mit vielen Lehrern, die sich abwechselten, auf einen, der mich besonders faszinierte. Er war damals schon recht alt (ist inzwischen leider verstorben), blickte auf lange Jahre an Erfahrung zurück. Seine Bewegungen waren klein aber fein, er tat nicht viel mehr, außer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu stehen, und lächelte seinen Angreifern freundlich hinterher, wenn sie in die Ecke flogen. Er machte fast nichts, dennoch hatte man als Uke nicht den Hauch einer Chance. Ich hab es probiert. Mehrfach. Erfolglos.

Cool, dachte ich, das muss ich unbedingt irgendwie lernen. Gezielt suchte ich Schüler eben dieses Lehrers als Trainingspartner, um mir so möglichst viel abschauen zu können. Pustekuchen – seine Schüler ließen zwar auch so manche Bewegung weg, die ich aus den Grundformen kannte und eigentlich erwartet hätte, aber das führte nicht dazu, dass ich mehr Führung erfahren konnte. Ich spürte einfach nur, dass es das nicht war. Ich war ziemlich enttäuscht. Wie konnte es nur sein, dass ein so guter Budoka Schüler hatte, die nicht annähernd an das herankamen, was er an Erwartungshaltung bei mir ausgelöst hatte?

Erst lange Zeit später hatte ich da eine erste Einsicht. Er hatte – zum Teil aus innerer Erkenntnis heraus, aber auch aus Altersgründen – immer mehr Bewegungen weggelassen, sein Aikido eingedampft und reduziert. Seine Schüler hatten sein Bewegungsvorbild nachzubilden versucht, allerdings waren ihnen die Bewegungen, die er weggelassen hatte, nie gezeigt worden. Die Schüler hatten versucht, die äußeren Formen nachzuahmen, ohne dass ihnen die inneren Formen gegenwärtig waren, die ihr Lehrer durchdrungen hatte. So blieben ihre Bewegungen inhaltslose Kopien.

Es reicht (nicht nur im Aikido) nicht, die vermeintliche Lösung einer Aufgabe zu kopieren. Man muss den Lösungsweg nicht nur verstanden, sondern ihn erfahren, ja idealerweise selbst gefunden haben, um nachhaltig gut zu sein. Auch wenn man diese Lösung dann irgendwann aufgrund neuer Erfahrungen verwirft, hinterlässt sie ihre Spuren in der eigenen Entwicklung. Eine Instant-Brühe kommt halt auch nicht an den Geschmack einer über Stunden liebevoll zubereiteten Suppe oder Sauce heran.

Nun lernt man bei einem Lehrer im Laufe seines Lebens zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Dinge. Nicht nur die Stadien des Einkochens unterscheiden sich, auch die die Sauce gerade geschmacklich dominierenden Zutaten sind verschieden. Bei Morihei Ueshiba können wir dies insbesondere nachvollziehen, wenn wir Aufnahmen der Vor- und Nachkriegsgenerationen seiner Schüler miteinander vergleichen.

Ein Betonen der äußeren Form bedeutet natürlich nicht, dass das innere Verständnis außen vor bleibt. Genauso wenig bedeutet ein Betonen der inneren Form, dass die äußere Komponente auf der Strecke bleiben muss. Ein Überbetonen des jeweils einen Aspekts birgt aber das Potential dafür. Ich kenne genug Beispiele von Aikido-Lehrern, die nie über die äußere Form hinausgewachsen sind oder sich so in der inneren verloren haben, dass der jeweilige Gegenpol abhanden gekommen ist (und dennoch – dies soll eben keine Wertung der Personen darstellen – habe ich noch fast überall etwas lernen können).

Mitunter korreliert die Entwicklung, dass die äußere Form gegenüber der inneren vernachlässigt wird, mit dem Alter der Lehrenden oder wird durch andere Bewegungseinschränkungen bedingt. Wichtig ist dann, dafür zu sorgen, dass den nachfolgenden Schülern dennoch alles an Wissen weitergegeben wird, ihnen alle Formen gezeigt werden. Schließlich sollen die irgendwann die Fackel übernehmen und weitertragen. Dazu muss man sie auch in die Rolle hineinwachsen lassen, in der sie vorne stehen. Diese Rolle ist ja auch nicht allen gleichermaßen auf den Leib geschnitten. Gute Aikidoka sind nicht zwingend auch gute Aikido-Lehrerinnen und -Lehrer. Auch der Grad sagt nicht wirklich etwas darüber aus, es kommen einfach viele Faktoren zusammen.

Ich erinnere mich aber auch an einen Lehrgang, bei dem der Lehrer uns zusammenrief und sich entschuldigte, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf die Knie gehen könne, aber da gäbe es etwas sehr Wichtiges zu lernen, was er selbst leider nicht mehr zeigen könne. Er überließ dann zunächst das Bewegungsvorbild einer Schülerin und gab nur die Erklärungen dazu, später übernahm sie das Training ganz. Er stand daneben, sah, wie die innere Flamme seiner Begeisterung in die nächste Generation getragen wurde, und lächelte.

Beim Einkochen der Sauce in der Pfanne kommt irgendwann der Punkt, an dem man besonders aufmerksam sein muss. Es ist so wenig Wasser verblieben, dass es an einigen Stellen einen Übergang vom Kochen zum Braten gibt. Sobald dabei die schmackhaften Röstaromen entstanden sind, kommt dann wieder frische Flüssigkeit hinzu. Dieser Mix aus lange gekochtem Sud und Frische ist es, der das besondere Geschmackserlebnis ausmacht. Statt mit Wasser oder Brühe aus einem früheren Stadium der Sauce lösche ich diesmal allerdings mit einem Weißwein ab.




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