Was ist KI?

Wir schmücken im Laufe der Jahre unsere Gedächtnisinhalte aus.

Prof. Dr. Thomas Christaller/Bonn.
Prof. Dr. Thomas Christaller/Bonn.

Wenn ein neuer Aikido-Kurs beginnt, gebe ich zuerst eine kleine Vorführung ohne Worte, gefolgt von ein paar erläuternden Sätzen zur Geschichte des Aikido und auch einer Erklärung des Begriffs „Aikido“ selber. Dabei orientiere ich mich an den Kanji, mit denen „Aikido“ dargestellt wird. Die erste Silbe „Ai“ bedeutet „Harmonie“ oder „Liebe“ wie in einer Familie, die unter einem Dach lebt, entsprechend dem ersten Kanji, das ein Haus symbolisiert. Die zweite Silbe „Ki“ steht für Lebensenergie, symbolisiert durch das Reisfeld und den Wasserdampf im zweiten Kanji. Und schließlich „Do“ bedeutet den Lebensweg, symbolisiert durch den stilisierten Fluss links in dem dritten Kanji.

Soweit ich weiß, gibt es keine speziellen Übungen für „Ai“ noch für „Do“ im Aikido. Aber es gibt viele, die als Ki-Übungen bezeichnet werden. Und es gibt nicht wenige Lehrer oder Lehrerinnen, die während ihres Unterrichtes Anweisungen geben wie „Lass Dein Ki fließen“ oder „Du musst Dein Ki mit dem des anderen zusammen bringen“. Es gab und gibt Diskussionen sogar Auseinandersetzungen innerhalb der Aikido-Familie, ob in einem bestimmten „Stil“ oder Interpretation des Aikido „Ki“ eine wichtige Rolle spielt oder nicht.

Aber was ist dieses „Ki“, diese „Energie“, von der in den ostasiatischen Kulturen ausgegangen wird, sie sei „universell“, befinde sich in allen belebten und unbelebten Subjekten und Objekten im Universum. Ja, einige sprechen davon, dass „Ki“ auch das (fast) Vakuum im Weltall sei. Offensichtlich können Aikido-Übende ein Sensorium entwickeln, um nicht nur die Anwesenheit von „Ki“ zu spüren sondern auch seine Stärke oder Intensität. Einige sprechen auch von „gutem“ und „schlechtem Ki“. Sie können aber auch „Ki“ einsetzen, es mit dem „Ki“ anderer Menschen zusammen bringen und im Falle einer Aikido-Technik damit einen Angriff umlenken. Wieso ist „Ki“ etwas Immaterielles und man kann es gleichzeitig körperlich spüren? Und wieso können wir es durch Körperübungen trainieren, „Ki“ auf zu nehmen und ab zu geben? Worin bestehen die Demonstrationen von „Ki“?

Zu den Zeiten, in denen das Konzept „Ki“ in Ostasien entwickelt wurde, wusste man dort und in Europa wenig über das menschliche Gehirn, seine Arbeitsweise, Organisation und Aufgabenverteilung. Aristoteles glaubte, dass das Gehirn ein Kühlungsorgan für erhitztes Blut sei, der Verstand aber auch die unsterbliche Seele, wurden in verschiedensten Organen vermutet. Erst in der europäischen Aufklärung wurden die ersten ernst zu nehmenden Beobachtungen und Experimente gemacht, aus denen die heutigen Neurowissenschaften entstanden sind. Und selbst dann dauerte es noch viele Jahrzehnte bis die Erkenntnis dämmerte, dass das Gehirn ein wunderbar komplexes Organ ist, in dem die unglaublichsten Prozesse ablaufen, die in der Vergangenheit so unterschiedliche Bezeichnungen hatten wie „Gedanke“, „Gefühl“, „Wahrnehmung“, „Gedächtnis“, „Sprache“, „Handeln“, „Gewissen“, „Problemlösen“, „Planen“ und vieles mehr.

All diesen oft nur dem Menschen zugeschrieben Fähigkeiten basieren auf elektrochemischen Prozessen in diesem unglaublich komplexen Neuronennetz, dem Gehirn. Vieles, was früher unerklärlich war, ließ sich zunehmend mit neuronalen Modellen erklären, wie z.B. die Gedächtnisfähigkeit oder der Spracherwerb. Für die Kampfkünste ist vielleicht am interessantesten, wie in den Neurowissenschaften Wahrnehmung, Interpretation derselben und daraus abgeleitete (Körper-)Handlungen gesehen werden. Ganz holzschnittartig scheint es so zu sein, dass unsere Sinnesorgane (Augen, Ohren, Geschmack, Tastsinn und die „Eigenwahrnehmung“ (wo befinden sich meine Glieder, wie ist meine Position im Raum. Dies ist die sogenannte Propriozeptorik) die Welt weder vollständig noch beliebig genau wahrnehmen können. Ja, es geht sogar so weit, dass das Gehirn zu jedem Zeitpunkt eine Erwartungshaltung hat, was das jeweilige Sinnesorgan als nächstes wahrnehmen wird. Damit wird die Verarbeitunsgeschwindigkeit dramatisch gesteigert, aber das System wird auch fehleranfällig wie die vielfältigen Sinnestäuschungen zeigen und von denen Zauberer, Betrüger und Kampfkünstler guten Gebrauch machen.
Es sieht auch so aus, dass wir erst handeln bzw. uns bewegen, die dadurch erzeugten Veränderungen in der Wahrnehmung der Welt feststellen und dann erst nachdenken und unsere Schlüsse daraus zu ziehen. Meistens in der Form, dass wir eine angefangene Bewegung stetig korrigieren und an sich verändernde Umweltbedingungen bzw. an unsere Erwartungen davon anpassen. Ganz verkürzt lässt sich sagen, dass wir sehen, hören und fühlen, was wir wollen. Die realen Ereignisse in der Umwelt reiten sozusagen auf unseren Vorurteilen und Erwartungen, die wir uns nur zu gerne bestätigen lassen.

Auch unser Gedächtnis stellt sich als ein sehr subjektives Sieb heraus, in dem nur die Erinnerungen an die Ereignisse gespeichert werden, die wir in dem Augenblick für interessant halten. Und jedes Mal, wenn wir uns dann daran erinnern, verändern wir dabei die Gedächtnisinhalte. Der Fachbegriff lautet hier: Konfabulieren [Anm.d.Red.:Unter Konfabulation bzw. konfabulieren (von lat. fabula „Fabel, Geschichte, Märchen“) versteht man in der Psychopathologie die Produktion objektiv falscher Aussagen oder Erzählungen, die in verschiedenen Formen auftritt. Einzelne beruhen auf falschen Wahrnehmungen, andere auf Fehlfunktionen des Gedächtnisses, z. B. wenn jemand mehr Informationen aus seinem Gedächtnis abzurufen versucht als tatsächlich gespeichert sind (sog. provozierte Konfabulationen)]. Wir schmücken im Laufe der Jahre unsere Gedächtnisinhalte aus. Es werden immer „bessere“ Geschichten. Wie viele Richter dies leidvoll erfahren, schlägt dies insbesondere bei Zeugenaussagen durch, die sich durch kleine Tricks nachhaltig manipulieren lassen. ...

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