Der innere Endgegner

Nicht immer verlaufen diese Auseinandersetzungen friedlich …

Markus Hansen
Markus Hansen

Einmal im Monat geht unsere Aikido-Gruppe nach dem Training noch in eine Kneipe. Zwischen Pizza, Salat und Kaltgetränken schnacken wir dann einen aus. Das Themenspektrum ist dabei recht breit, diesmal geht es um Budo-Filme und -Computerspiele aus den 80ern und 90ern. Drunken Master (ok, der kommt aus den 70ern, aber da durfte ich den noch nicht sehen), Bloodsport, Karate Kid, American Fighter, China O‘Brien. Wir diskutieren Szenen, die uns damals beeindruckten und uns heute doch eher sanft lächeln lassen. Dass der Jean-Claude aber auch immer in einen Gang gejagt wurde, der zufällig genau so breit war, dass er im Spagat oben unter der Decke auf seinen Gegner warten konnte … Gegner. Die gab es auch in den Computerspielen, die damals noch deutlich einfacher gestrickt waren als heute. Bei International Karate plus etwa gab es den blauen und den roten Gegner, mehr nicht. Ich habe es dennoch – zum Leidwesen meiner Erziehungsberechtigten – bis zum Abwinken gedaddelt und wurde für die ausgefeilte Koordination und Feinmotorik meiner Joystick-Hand immerhin mit einem „third degree black belt“ belohnt. Ich hätte einen Screenshot machen sollen, dann könnte ich diesen erlauchten Grad jetzt mit auf die Lehrgangsausschreibungen setzen lassen. Ein deutlicher Höhepunkt unter den damaligen Spielen war eindeutig Budokan. Hier ging es nicht nur um Karate, sondern man konnte auch Kendo, Nunchaku und Bo trainieren. Die Trainings-Gegner konnte man in verschiedenen Schwierigkeitsgraden auswählen, und nach der Einheit bekam man von Tobiko-Sensei, einem freundlichen älteren Herrn mit weißem Bart, ein persönliches Feedback, damit man weiter an sich arbeiten konnte. Wenn man der Meinung war, fit genug zu sein, um sich nicht nur Trainingsgegnern zu stellen, konnte man am Turnier im Budokan teilnehmen. Dort gab es der Reihe nach verschiedene Gegner, die mit ihren Graduierungen sowie Stärken und Schwächen vorgestellt wurden. Auf dieser Informationsbasis konnte man auswählen, ob man mit leerer Hand oder einer der Waffen arbeiten wollte. Bevor nun alle denken, ich habe in meiner Jugend nur Filme gesehen und am Computer gedaddelt: Ich habe auch Bücher gelesen. Und das nicht zu knapp. Als Kind habe ich unter anderem Papiercontainer geentert, um mehr Lesestoff zu finden, denn der Bücherbus der Fahrbücherei kam nur alle drei Wochen zu uns ins Dorf. Gelesen hatte ich inzwischen auch schon einiges über Aikido, über Morihei Ueshiba und seine faszinierende Kampfkunst, die ich seit kurzem zu lernen versuchte. Masakatsu akatsu, wahrer Sieg ist der Sieg über sich selbst, hatte Morihei gesagt. Klingt super, dachte ich, irgendwie heroisch und so. Es hätte von Tobiko-Sensei stammen können oder von Mister Miyagi. Und im Spiel Budokan wurde mir gezeigt, was damit gemeint war. Denn während man im Turnier einen Gegner nach dem anderen besiegte, lief im Hintergrund ein Algorithmus mit, der die einzelnen Aktionen aufzeichnete, analysierte und darauf basierend den Endgegner errechnete. Im letzten Kampf des Turniers stand man so sich selbst gegenüber, es winkte also eben der Sieg über sich selbst. Endlich hatte ich masakatsu akatsu verstanden. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich einwerfen: Inzwischen sehe ich das doch wieder etwas differenzierter als damals in der zarten Blüte meiner Jugend. Genau wie bei anderen Konzepten auch, die ich schonmal verstanden zu haben glaubte, machten neue Eindrücke und Erfahrungen daraus wieder neue Herausforderungen – nur halt auf einer anderen Ebene.

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