Aikido lebt !

Tradition … sie folgen einfach ihrer Tradition.

Aikidojournal Interview

Wusstest Du eigentlich, woher der Halsschmuck kommt, den die Frauen hier zu den alten Trachten tragen? Diese breiten Bänder?“ Mit einer guten Freundin trotte ich während des Sommerlehrgangs den sandigen Weg zum Gipfel des Herzogenhorns hinauf, als sie mir unvermittelt diese Frage stellte. Ich genieße die Aussicht, verneine die Frage und lausche interessiert ihrer Erklärung: Weil die Ernährung hier häufig mit Jodmangel einherging, kam es zu verstärkten Ausbildungen eines Kropfes. Dies wurde mit einem Kropfband kaschiert.

Als die Ursache durch die zunehmend vernetzte Nahrungsmittelversorgung abgestellt und das Wissen um diese Mangelerscheinung vorhanden war, hatte sich das Kropfband längst als fester Teil der volkstümlichen Kleidung etabliert. Es war nicht mehr wegzudenken, gehörte einfach zur Tracht. Auch im Aikido pflegen wir immer noch Elemente, die sich eigentlich überlebt haben. Schwertangriffe sind auf freier Wildbahn nun wirklich zurückgegangen. Wie beim Aikido handelt es sich um eine Tradition, die im Laufe der Jahre eine spannende Vielfältigkeit hervorgebracht hat. Neben den Varianten aus Stoff gibt es auch Kropfbänder mit feingliedrig verbundenen Metallstäbchen und vielfältigen Ornamenten, an denen man teilweise die genaue Herkunft, die Traditionslinie ableiten kann.

Oha! Tradition? Ich habe schon lebhaften Diskussionen beigewohnt, die in meinem Hinterkopf den kleinen gelben Klebezettel mit dem Stichwort „Reizthema“ an das Lemma „traditionelles Aikido“ gebappt haben. Das hängt zunächst daran, dass es kaum Aikidoka gibt, die sich nicht auf irgendeine Tradition berufen. Dass es im Aikido mehr als eine Traditionslinie gibt, und dass es wenig sinnvoll ist, diese in irgendeiner Form nach „Wertigkeit“ sortieren zu wollen, ist ein Gedanke, der sich glücklicherweise langsam durchsetzt.

Fast alle Aikido-Traditionen beziehen sich in irgendeiner Weise auf Morihei Ueshiba. Fast alle Aikido-Lehrer können ihre eigene Lehrer-Linie bis zu ihm zurück benennen. Bei mir läuft sie – nicht rein linear – über Ernst Schmidt, Rolf Brand, Gerd Wischnewski, Yves Cauhépé, André Nocquet und Tadashi Abe. Das ist nicht die populärste Linie in den wirklich lebhaften Diskussionen, die ich erwähnte, aber ich habe trotzdem eine Menge Spaß am Aikido und auf Lehrgängen, auch anderer Linien, nicht das Gefühl, ich müsste mich verstecken.

Dass „mein Aikido“ nicht traditionell sei, habe ich dennoch schon öfter gehört. Begründet wird dies damit, dass das von O Sensei gezeigte Aikido entlang dieser Linie verändert und damit verfälscht wurde. Nun, ich sehe das anders. Denn der größte Aikido-Verfälscher nach dieser Definition ist: Morihei Ueshiba.

Morihei hat, wie man den erhaltenen Film-Aufnahmen und Berichten von Zeitzeugen entnehmen kann, nie aufgehört, sich weiterzuentwickeln. Wenn es eine Konstante in seinem Aikido gab, dann die Veränderung und Anpassung seiner Kampkunst an neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Die Grundlage für die blühende Aikido-Vielfalt, die wir heute erleben können, hat der Begründer selbst geschaffen, indem er es vermieden hat, in seiner eigenen Entwicklung anzuhalten und stehen zu bleiben.

Einer der wichtigsten Schritte Moriheis in der Entstehungsgeschichte dessen, was wir heute als Aikido kennen, war, dass er sich vom Daito-ryu und Sokaku Takeda gelöst hat. Dieser Schritt war sicher vielfältig motiviert, nicht zuletzt die an Sokaku zu entrichtenden Lizenzgebühren mögen diesen Bruch mit der (oder besser: einer) Tradition nahegelegt haben. Der Einfluss, den Onisaburo Deguchi auf das Weltbild Moriheis hatte, war aber wohl vorrangig. Dieser Einfluss, diese innere Veränderung hat sich über die Jahre auch in seiner Technik niedergeschlagen. Dass unsere Aikido-Techniken heute nicht mehr auf eine Zerstörung des Angreifers hinauslaufen, sondern auch den Aggressor schützen, geht maßgeblich hierauf zurück.

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