Respect !

Aikidojournal Interview

Im Netz sehen wir uns ein Video von einem „Meister“ an, der ganz offensichtlich über ungeahnte Fähigkeiten verfügt. Aus einer Distanz von knapp 10 Metern rennt sein Uke zum Angriff auf ihn zu. Der Meister zuckt quasi nur mit der Augenbraue und der Uke fliegt in die Ecke. Die nächsten Angreifer stürmen auf ihn ein. Wie Yoda – nur etwas größer und weniger grün im Gesicht – wedelt der Meister ein wenig mit den Händen und einer nach dem anderen geht ebenfalls zu Boden. „Vielleicht ist das was mit Magneten?“ schlägt mein Nachwuchs vor – das Diplomatische haben sie von ihrer Mutter.
Im zweiten Teil des Videos steht unser Meister einem jungen Mann einer anderen Kampfkunst im Zweikampf gegenüber. Der Kampf ist erwartungsgemäß kurz. Nach nur wenigen Interaktionen hält er sich zunächst die Nase, geht dann in die Knie. Der Meister wohlgemerkt, nicht der junge Kämpfer. Zwischen zwei Schlägen, die er einstecken musste, konnte man auf dem Video das Erstaunen in seinen Augen erahnen. Anscheinend – und das ist für mich die eigentliche Überraschung der Filmsequenz – hatte er sogar selbst an seine Fähigkeiten geglaubt.

Dass ein Lehrer einer Kampfkunst über die Zeit erlernt, wie man ohne großen Aufwand einen Angreifer überwindet, ist nicht ungewöhnlich. Zum einen wird mit zunehmender Erfahrung (hoffentlich) die Ausführung von Techniken immer müheloser, zum anderen wird eine Technik, wenn man sie durchdringt, immer weniger Technik und reduziert sich schließlich immer mehr auf den Kern der Bewegung, bis sie nach fast nichts mehr aussieht. Uke fällt scheinbar von selbst. Zumindest sieht es von außen so aus. Ist man selbst Uke, nimmt man dies meist etwas anders wahr, weiß ziemlich genau, dass man fallen musste, und versucht, das „Warum“ zu ergründen.
Hin und wieder gibt es allerdings Leute, die die Techniken sehen und sich die Stelle merken, an der man offensichtlich fallen muss. Und die dann an genau dieser Stelle fallen. Egal, ob sie geworfen wurden oder nicht. Interessanterweise habe ich dieses Verhalten bei Schülern aus einem Dojo häufiger beobachtet. Durch Nachhaken fand ich heraus, dass dies ursprünglich aus der Angst entstanden war, andernfalls besonders hart geworfen zu werden. Im Laufe der Zeit hatte sich dies verselbständigt, man fiel in diesem Dojo nun eben immer an der richtigen Stelle – auch wenn die Person, die durch ihr hartes Werfen mal die Ursache dafür gewesen war, gar nicht dabei war.
In einem anderen Fall wurde mir auf die Frage, warum mein Partner denn nun gefallen sei, schließlich hätte ich ja noch gar nicht geworfen, nachdrücklich versichert, dass der Respekt vor mir als (in diesem Falle) Höhergraduiertem dies ja wohl erfordere. Auf meine Frage, wie ich denn noch etwas dazulernen solle, wenn er mir meine Fehler einfach wegnähme, erntete ich hingegen nur ein Stirnrunzeln.
Dass der Meister aus dem eingangs erwähnten Video nun wie ein Jedi-Ritter seine Schüler werfen konnte, ist vermutlich das Resultat eines langen Prozesses gegenseitiger Konditionierung. Die Schüler setzen das, was sie bei ihrem Meister sehen, aus Respekt um, bis sie schließlich selbst glauben, dass es funktioniert. Der Meister gewöhnt sich umgekehrt immer mehr daran, dass seine „Technik“ funktioniert, bis deren Wirkung für ihn eine reale Erfahrung ist. Der Herausforderer im zweiten Teil des Videos hatte den erforderlichen Respekt dann wohl eher nicht.
Nun ist es sicher auch keine Meisterleistung, zu erkennen, dass diese Art von übertriebenem Respekt weder die Schüler noch den Lehrer in ihrer Entwicklung sinnvoll voran bringt. Für mich gehört zu Respekt vor dem anderen, ob Schüler, Mitschüler oder Lehrer, dass man niemanden überhöht. Respekt ist sicher nicht, mich meine Fehler nicht bemerken zu lassen.

Es gibt aber anscheinend auch Aikido-Lehrer, die Respekt derart stark antrainieren, dass man dann etwas verwundert davor steht, wenn man die Auswüchse davon bemerkt. Als ich an einem Lehrgang teilnahm, kam jemand nach dem Training zu mir, und bat mich, ihm zu zeigen, wie ich meinen Hakama zusammenlege. Kein Ding. Am nächsten Tag kam er nach dem Training wieder auf mich zu. Ich lächelte in mich hinein, denn ich hatte das mit den ganzen Falten und Bänzeln auch nicht gleich im ersten Anlauf gelernt. Sein Anliegen war diesmal aber ein anderes: Er wolle sich entschuldigen, dass er mich angesprochen hatte, er habe ja meinen Grad nicht gewusst, sonst wäre er nicht so respektlos gewesen. Ich musste unwillkürlich lachen und zitierte ihm die Sesamstraße: Wer nicht fragt, bleibt dumm.

Als ich schließlich Richtung Dusche ging, lachte ich nicht mehr so richtig, denn irgendjemand musste ihn ja zwischendurch darauf hingewiesen haben, dass es unangemessen war, mich anzusprechen. Ich bin immer noch nicht drauf gekommen, wie man es als respektlos empfinden kann, jemanden, der etwas weiß, eben danach zu fragen. Insbesondere im Aikido geht es doch darum, Kenntnisse und Fertigkeiten weiterzugeben und weiterzuentwickeln. Wie soll das funktionieren, wenn man sich nicht traut, andere nach ihren Erfahrungen zu befragen?
Vor Kurzem sprach ich mit einem befreundeten Aikido-Lehrer und fragte ihn, ob er an einem größeren Lehrgang teilnähme, der bei ihm in der Gegend ausgerichtet wird. Ich wusste, dass er die Techniken dieser Ausrichtung ganz spannend findet. Er verneinte und meinte, er gehe lieber zu den Schülern des Lehrers, der dort eingeladen ist. Die Art, wie dieser mit Menschen umgehe, gefalle ihm nämlich nicht so, sagte mein Freund und berichtete weiter: Einmal war jemand zu einem Training verspätet erschienen, woraufhin der Lehrer diesen vor allen Lehrgangsteilnehmern heruntergeputzt hatte. Im Endeffekt war so für alle Aikidoka eine knappe Viertelstunde weniger Training dabei herausgekommen. Während des Unterrichts gab es Korrekturen nur für Schüler, die für würdig genug befunden wurden, und die Uke mussten auch schonmal (nonverbale) Schläge unter die Gürtellinie einstecken, die nicht rechtzeitig gestoppt wurden.
So wie die ersten Beispiele Auswüchse von zu viel Respekt illustrieren, ist dies ein Auswuchs von zu wenig Respekt. Einem guten Lehrer sollte bewusst sein, dass er auf die Schüler, die zu ihm kommen, angewiesen ist, um sich weiterzuentwickeln. Wenn ein Aikidoka in mein Training zu spät kommt, dann weiß ich, dass es einen guten Grund für die Verzögerung gibt – und freue mich, dass mein Unterricht so wertgeschätzt wird, dass die Leute trotz starker zeitlicher Bindungen es doch noch irgendwie einrichten, zu uns zu kommen.
Echter Respekt wird einem freiwillig entgegengebracht, man hat keinen Anspruch darauf, er lässt sich nicht einfordern. Respekt wird auch nicht mit einem Dan-Grad mitgeliefert, sondern ist – wie die Ethymologie des Wortes nahelegt – ein Resultat dessen, wie man selbst sich verhält. Geht man selbst respektvoll mit anderen um (das geht, wenn man sich etwas bemüht, auch bei Menschen, die man persönlich nicht so mag oder deren Arbeit man nicht so schätzt), so ist die Chance, dass einem selbst ebenfalls Respekt entgegen gebracht wird, etwas größer. Würde ich die Leute auf der Matte von oben herab behandeln, herunterputzen oder ihnen vorsätzlich körperlich schaden – ich hätte zu Recht bald mehr als genug Platz für mich allein.

Im Umkehrschluss nun alle mit Samthandschuhen anzufassen und keine ehrliche Rückmeldung mehr zu geben, wenn einem ein Verhalten auf den Senkel geht, ist natürlich genauso falsch. Es gilt lediglich, dies respektvoll zu kommunizieren. Wenn man kritiklos wird oder sich gar daran gewöhnt, keine Kritik mehr zu empfangen, geht es einem sonst womöglich irgendwann so wie unserem Meister aus dem Video. Und das ist vermutlich eher nicht so schön.
Markus Hansen lebt und unterrichtet Aikido in Schleswig-Holstein.
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Unter kolumne@aiki.do freut er sich über Feedback.

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