Das Geheimnis des aufrechten Gangs…

Aikidojournal Interview

Ich erlebte es letzthin im Ausland, dass die Frau eines Bekannten ihren Mann fragte, warum er sie denn geheiratet hätte, er würde ja doch nur Aikido machen. Auch gibt es nicht unwenig „Mattenbekanntschaften“, die in einer „Familiensituation“ enden – meistens aber ist es die Frau, die dann den Nachwuchs versorgt und nicht mehr ins Training gehen kann.

„Wir haben das anders gelöst. Erstens hat Sabine bis weit in die Schwangerschaft Aikido praktiziert und kurz nach der Geburt wieder mit dem Training begonnen. Erleichternd war aber, dass eine gute Freundin von Sabine auch Aikido macht und zur gleichen Zeit schwanger war. Die beiden Kinder sind zwei Tage auseinander So hatte Sabine eine gute Freundin, mit der sie zusammen mit dem Aikido begonnen hatte, mit der sie Graduierungen zusammen erlebte, die gemeinsame Erfahrung von Schwangerschaft und Geburt. So sind wir beide immer am Aikido-Üben dran geblieben.
Allerdings konnten wir nun keine Lehrgänge mehr gemeinsam besuchen. Aber ich sagte, Watanabe ist mein Lehrer. Wenn der hier ist, dann will ich zu ihm gehen können. Und Sabine sagte, Asai ist mein Lehrer. So gab es keine zeitüberschneidenden Aikido-Lehrgängeprobleme mehr.
Aber etwas anderes funktionierte nicht mehr: ‚In den ersten gemeinsamen Jahren konnten wir gut miteinander üben. So haben wir uns ja überhaupt erst kennen gelernt. Heute geht das nicht mehr. Also, ich kann gut Uke für Sabine sein – sie kann mich werfen, fast wie sie will. Mit meiner Art des Aikidos aber kommt sie überhaupt nicht klar. Da geht gar nichts.’“

Durch die unterschiedlichen Lehrer …

„… tja, ich denke mal, Sabine kennt mich eben sehr genau. Sie sieht bei mir Dinge, die sicherlich auch früher da gewesen sind – die äußeren Signale sind sicher noch dieselben. Aber das Innere, davon bin ich überzeugt, hat sich geändert. Mit der körperlichen Figur löse ich eine Assoziation aus. Sabine sagte irgendwann einmal: ‚Mit deiner rauen Methode will ich nichts mehr zu tun haben – ich bin nicht zum Kämpfen hier, ich will mich bewegen’.
Tja, ich habe Aikido schon immer als Kampfkunst gesehen. Für mich war es nur sinnvoll, wenn die Technik funktionierte: ‚Wenn der Hebel da war, wenn der Wurf da war, wenn die Haltetechnik da war, so, dass es kein Entrinnen gab.’ Das war für mich extrem wichtig. So einfach kann man unterschiedlicher Meinung sein.


Hat sich diese Einstellung nicht geändert?

„Grundsätzlich hat sich das nicht geändert. Ich bin weiterhin der Meinung, dass Budo sich mit der menschlichen Aggression beschäftigt und deshalb muss Aikido als Technik auch in einer körperlichen Auseinandersetzung technisch funktionieren. Aber durch den Zugang, den mir Watanabe ermöglichte, konnte ich dieses Harte weglassen. Es stellte sich für mich heraus, dass es nicht mehr notwendig war. Heute kann ich im Training oder bei Vorführungen zunehmend mit einem Angriff ohne Härte umgehen. Wenn man aber in eine Situation außerhalb des geschützten Raumes eines Dojos eintritt, in der Aggression eine Rolle spielt, dann muss man auch bereit sein, getroffen zu werden. Wenn ich mit Angst im Herzen hinein gehe, mit dem Gedanken ‚hoffentlich werde ich nicht getroffen’ oder ‚hoffentlich haut der mir nicht die Nase ein…’ – dann kann man auch gleich nach Hause gehen oder ruft besser die Polizei an und wartet, bis der Streifenwagen kommt. Wenn du also persönlich in solche Situationen einsteigst, dann musst du bereit sein, mit allen Konsequenzen zu leben. In den wenigen Fällen, wo ich in solche Situationen eingestiegen bin, hatte ich immer die Vorstellung, dass der Andere dran glauben muss, egal, was mit mir passiert. Gott sei Dank haben sich alle diese Situationen ohne jede Handgreiflichkeiten einfach so aufgelöst. Heute habe ich die Haltung, dass der Andere versuchen kann mich zu treffen – aber wir werden einen anderen Weg finden, so dass wir beide heil da raus kommen können, und ich zeige ihm diesen Weg. Wenn jemand im Budo aktiv ist und in eine solche Situation kommt, dann ist er eigentlich in einer Hütersituation – er muss dem verirrten Schaf den Weg zeigen – und nicht das verirrte Schaf abschlachten und dann auf den Spies stecken. Schmeckt vielleicht gut, nährt wahrscheinlich auch, aber man hat danach nichts mehr davon.“

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