Sprechen Sie Aikido? 7361

Aikidojournal Interview

Pling macht mein Smartphone, eine neue E-Mail ist eingetroffen. Es ist heute die zweite Lehrgangsausschreibung. An manchen Tagen sind es deutlich mehr; die meisten bekomme ich ohnehin doppelt und dreifach. Üblicherweise finden die Lehrgänge an Terminen statt, an denen ich schon an mindestens drei anderen Lehrgängen teilnehmen könnte. Und immer öfter stammen die Einladungen von Leuten, die man halbwegs gut kennt und mit denen man gern eine Weile zusammen auf der Matte herumtoben würde. Immer öfter sind es Lehrgänge mit Lehrern, die man gern (wieder) erleben und von ihnen lernen würde. Immer öfter flucht man leise in sich hinein, weil es terminlich leider wirklich nicht geht.

Als ich mit Aikido angefangen habe, gab es viel weniger Lehrgänge. Nein, Moment, so stimmt das nicht – es gab weniger Lehrgänge, von denen man wusste. Wir hatten damals, in den 1980ern, ja noch kein Internet. Den ganzen Austausch untereinander – heute selbstverständlich – gab es damals noch nicht. Für das Aikido bedeutete dies, dass ich erst nach mehreren Jahren überhaupt mitbekommen habe, dass es unterschiedliche Geschmacksrichtungen im Aikido gibt. In Kontakt kam man mit diesen anderen Aikidoka allenfalls zufällig. Eigentlich erreichten einen nur die Lehrgangsausschreibungen der eigenen Organisation, die an die eigenen Dojos und Vereine verteilt wurden – schon um die Kosten für Fotokopien, Umschläge und Porto gering zu halten.

Ein paar Mal hatte ich es auch in der Vor-Internet-Zeit geschafft, von solchen Lehrgängen zu erfahren und sogar dort aufzuschlagen. So lernte ich, dass es die großen Verbandsreibereien der 1960er und 1970er Jahre gegeben hatte und dass diese immer noch nachwirkten (zum Teil ja bis heute). Das World Wide Web erreichte mich 1995. Davor hatte ich schon mit Computern und Mailboxen herumhantiert, aber das hier war neu. Das Internet hatte und hat keine zentrale Kontrollinstanz, die Informationsverbreitung organisiert und gerichtet hat. Alle können mit allen kommunizieren. So, wie die Gutenbergsche Druckerpresse das Verteilen von Informationen von wenigen an viele ermöglicht hatte, ermöglichte das Internet nun das Verbreiten von Informationen durch viele an viele, den gleichberechtigten Austausch. Eine Einzelperson mit einer Web-Seite hatte zunächst die gleiche Chance auf ein Publikum wie ein großes Verlagshaus. Einzelpersonen mit Interesse am Aikido hatten nun die Möglichkeit, sich miteinander auszutauschen.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich darauf stieß, aber die damalige Aikido-AT-Mailingliste von Wolfgang Fürst war auf einer dieser neuen Web-Seiten erwähnt. Ich bestellte diese und – schwupps – war ich in Kontakt mit Leuten, die ich noch nie gesehen und von denen ich noch nie gehört hatte. Über die wunderlichsten Aspekte von Aikido und allem drumrum wurde da diskutiert. Ich meine mich zu erinnern, dass es zwischendurch sogar irgendwie um die Schuhgrößen der Listenmitglieder ging, als jemand meinte, es sei eine gute Idee, die alten Abgrenzungen wieder einzuziehen. In erster Linie waren die Diskussionen aber geprägt von Neugier auf die anderen Aikido-Geschmacksrichtungen. Wenn es mal etwas kontroverser wurde, dann zumeist, weil man unter ähnlichen Begriffen unterschiedliche Konzepte verstand und daher erstmal aneinander vorbeiredete. Denn natürlich hatte man selbst Recht und wusste, wovon man sprach. Komisches Zeug redeten nur die anderen.

Hier muss ich springen: Anfang der 1990er Jahre fuhr ich gern mit Freunden zum Training nach Belgien. Jeweils eine Woche lebten und trainierten wir im Dojo unseres dortigen Lehrers, der eine dem Aikido verwandte Kampfkunst unterrichtete. Wand an Wand mit dem Dojo war ein niedlicher kleiner Einkaufsladen, in dem wir uns mit frischen Nahrungsmitteln für die Zeiten zwischen den Trainings eindeckten. Was wir zunächst für eine große Hürde hielten, entpuppte sich schnell als sehr geringes Problem: Die freundlichen Damen am Käsetresen des Dorfes sprachen zwar nur Flams (eine belgische Form des Niederländischen), dies war für uns aber ziemlich gut verständlich, da es dem Deutschen, insbesondere dem Plattdeutschen, nicht unähnlich ist und wir uns auch mit Gesten und dem Zeigen auf Gegenstände verständigen konnten. Umgekehrt hatten die Damen überhaupt kein Problem damit, unser Deutsch zu verstehen. Und wann immer wir in Keikogi und Hakama eben zum Einkaufen rüberhuschten, hatten wir einen netten Smalltalk. Alle sprachen ihre Sprache und es war dennoch völlig unproblematisch. Wenn es mal mit einem Begriff hakte, dann war das für uns eher spannend, denn wir lernten etwas dazu.

Daran musste ich zurückdenken, als ich in Salzburg bei meinem ersten Cyberstage (dem Treffen der Mailingliste) aus dem Auto stieg und der oben erwähnte Wolfgang mich mitten auf der Straße begrüßte. Während ich seine Mails immer ganz leicht lesen konnte, sprach er in Natura nämlich … Österreichisch. Auch die anderen Aikidoka, die zum Cyberstage angereist waren, sprachen je nach Herkunft etwas anders. Spätestens auf der Matte zeigte sich, dass es außer den jeweiligen Dialekten noch andere Unterschiede zwischen uns gab – wir machten unterschiedliche Sorten Aikido. Während wir uns im schriftlichen Dialog über diese Unterschiede durchaus ereifern konnten, wich dies auf der Matte schlagartig einem faszinierten Interesse an diesen neuen Perspektiven auf den gemeinsamen Kern unserer Bewegungen. Der Respekt voreinander und die Bereitschaft, das Label „Aikido“ auch dem zuzubilligen, was anders war, wuchs zusehends. Nicht mit allem, was man dazulernte, konnte man etwas anfangen, aber in erster Linie war dieser Austausch eine Bereicherung. Obwohl wir unterschiedliche Aikido-Dialekte sprachen, konnten wir uns im körperlichen Dialog auf der Matte gut miteinander verständigen.

Heutzutage ist es völlig normal, dass man Aikidoka unterschiedlicher Richtungen auf Lehrgängen trifft. Genauso einfach, wie mit einem Pling die Lehrgangsausschreibungen bei mir eintrudeln, erreiche ich per Internet die Menschen, die sich für unsere Lehrgänge interessieren. Bei einem unserer letzten Lehrgänge in Kiel hatten wir Aikidoka aus acht verschiedenen Organisationen auf der Matte, die mit großer Begeisterung gemeinsam trainierten, offen aufeinander zugingen, sich gegenseitig als spannend empfanden und mit- und voneinander lernten. Erzählt man heute, dass man woanders auf einem Lehrgang war, dann begegnet einem eher eine positive Neugier denn die Skepsis der 1980er. Statt schief angeschaut zu werden, weil man „woanders“ war, wird man gefragt, ob man nicht zeigen will, was es da so zu sehen gab.

Natürlich gibt es auch immer noch Aikidoka, die das mit den Geschmacksrichtungen und Organisationen eher als Störung wahrnehmen und nicht als Bereicherung, die dabei vielleicht auch eher die eigene Einflussperspektive im Blick haben (was ja auch nicht per se schlecht sein muss). Dennoch treffe ich zunehmend Aikidoka, die ihre Perspektiven miteinander austauschen, zwar jeweils ihr Ding machen, aber dennoch voneinander lernen und voreinander Respekt entwickeln. Bei den Cyberstages waren wir noch Pioniere, heute ist es völlig normal, in anderen Organisationen Freunde zu haben. Danke, Internet.

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