Horst Schwickerath

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliegen vorbei,
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen...

Wer zu meditieren versucht, merkt schnell, wie unruhig der Geist ist. Etwa 60'000 Gedanken wälzt ein Mensch pro Tag, viele entstehen unbewusst oder unkontrolliert. Einen depressiven Menschen kann dieses Gedankenfeuerwerk möglicherweise aus der Bahn driften lassen, dem psychisch stabilen wird es aber nicht anhaben können.

Wir lernen uns auf das Ein- und Ausatmen zu konzentrieren, mit der Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt zu bleiben. So verfolgen wir den Atemzug vom Beginn des Einatmens bis zum Ende des Ausatmens, Atemzug für Atemzug. Wenn die Aufmerksamkeit sich an die Spuren der Gedanken heftet, müssen wir sie wieder auf den Atem richten… die automatischen Gedanken wie Zweifel, Gedanken über eigene Fehler oder ein Versagen sind wichtig, um ein, mein Verändern zu ermöglichen - falls ich nicht depressiv veranlagt bin. Aber mit der Erfahrung aus Atem-, Yoga- oder Aikidoübungen kann ich diese im Westen eher ungewohnte Wahrnehmung des Körpers benutzen, wenn ich mich denn darauf einlasse...

Es ist nicht schwierig, sich für einen Moment auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Aber diese Haltung über längere Zeit aufrechtzuerhalten, das erfordert zumindest ein gehöriges Maß an Disziplin. Das achtsame Ausführen meiner Tätigkeiten ist das oberste Gebot. Nur diese Achtsamkeit ist es, wie es sicherlich schon jeder erfuhr, die mich alles in Ruhe meistern lässt.

In der regelmäßigen Anwendung der uralten Meditation finden vor allem wir Rationale nun ein „neues“ Werkzeug für Ausgeglichenheit und Zufriedenheit. Man entdeckt die Welt neu!? Aber ohne Konzentrationsfähigkeit oder ein beachtliches Maß an Durchhaltevermögen funktioniert auch das nicht.

Doch alles in der Still'.
Und wie es sich schicket.
Mein Wunsch, mein Begehren kann niemand verwehren.
Es bleibet dabei...

In der vorvorletzten Ausgabe des AJ wies ich auf die Wachstumsraten des Aikido in Japan und dem Rest der Welt hin. Obwohl meine Schätzungen vor allem die japanischen Übenden ja quasi unterminierte, so ist der stetig steigende Bekanntheitsgrad von Aikido belegt. Dies im Hinterkopf, habe ich mir einige Gedanken über die Art und Weise gemacht, wie Aikido heute in vielen Schulen praktiziert wird und welche Entwicklung auf lange Sicht daraus folgt.

Oft erlebe ich, dass im Gespräch, Aikidoka mit Nicht-Praktizierenden - dass Aikido oft als Sport bezeichnen. Manchmal widersprechen wir Praktizierenden auch und bezeichnen Aikido lieber als "Kampfkunst". Schaute ich genauer, so bemerkte ich, dass „Sport“ in einem sehr weit gefächerten Sinn verstanden wird, d.h. hauptsächlich als eine Freizeitaktivität, nicht aber als eine Aktivität mit einer kämpferischen Komponente. Wenn wir hier innehalten und darüber nachdenken, so könnten wir tatsächlich feststellen, dass die meisten Aikido-Übenden Aikido als ein Hobby verstehen oder auch als eine rein körperliche Übung.

Welche Folgen hatte das für die Entwicklung im Dojo? Denn diese Einstellung wird zwangsläufig ins Dojo getragen. Daraus folgt, dass die Bewegungen vernachlässigt werden, weil sich das Hauptaugenmerk auf die Ausführen der Techniken richtet. Selten steht z. B. auf dem Lehrplan „konzentrierter ernst zu nehmender Angriff“. Zumal es eigentlich unmöglich ist, sich gegen „unechte “ Angriffe zu verteidigen. Ein kognitives Training kann so nicht erwartet werden. So hört, und liest man doch auch immer wieder aus den Ecken der „anderen Kampfkünstlern“ : Aikido hah,„Tanz im schwarzen Rock“ - unrealistisch … odgl.?

ME führt die zwanglose kontraproduktive Übungsweise der Lehrer zu diesem Fehler. Solche Lehrer haben die Essenz des Aikidos nicht verstanden. Eine Entwicklung kann nicht stattfinden. Mit einer solchen Lehrmethode erreicht man keine Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, man trainiert den Körper.

So ist es für mich auch kein Wunder, dass aus den Ecken der anderen Kampfkünste Aikido-Techniken als nutzlos in einem echten Kampf bewertet werden. Anderseits ist es natürlich wichtig, z. B. auf Anfänger einzugehen und Angriff wie Technik „angepasst“ zu demonstrieren. Aber eine solche Übungsweise sollte nicht auf lange Sicht praktiziert werden, diese Gefahr besteht nun mal sehr schnell.

... Und sperrt man mich ein
In finsteren Kerker,
Ich spotte der Pein
Und menschlicher Werke.

Schon das Aikido von O Sensei in der Nachkriegszeit, zeigt eine andere Geisteshaltung. Heute wiederum werden ganze Blöcke von Techniken nicht mehr gelehrt. Passen sie nicht mehr zum Zeitgeist oder sind sie schon Opfer der „zwanglosen Übungsweisen“ geworden? Der für mich wichtigste Inhalt des Aikidos, die Effektivität, leidet ME an der „sportlichen“ Ausübung, sie erkennt nicht die spirituelle Lehre des Begründers. Was ist Spirituell?

... Denn meine Gedanken
Zerreißen die Schranken
Und Mauern entzwei...

Morihei Ueshiba hat eine komplex verschmolzene Kampfkunst geschaffen, deren Ursprung aus allen japanischen Budo profitiert. Er hatte wohl den humanistischen Weitblick, der es ihm ermöglichte eine „friedliche“ Kampfkunst zu schaffen. Nur dürfen wir uns nicht täuschen lassen, denn um in einen kognitiven Prozess einzutreten, bedarf es eines gehörigen Maß an achtsamer Aufmerksamkeit und Konzentration. Nur mein eigenes achtsames Handeln ermöglicht mir Einblick und Entwicklung im Hier und Jetzt.

Und will dich auch nimmer
Mit Willen verklagen. Man kann ja im Herzen Stets lachen und scherzen Und denken dabei: Die Gedanken sind frei!

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