Horst Schwickerath

Meine Wege führten mich Ende April bis Anfang Mai nach Rumänien (ein entsprechender Artikel wird in der kommenden Ausgabe veröffentlicht; dies wurde bereits unter http://www.aikidojournal.de angekündigt). Zu der Reise kam es, weil mir ein langjähriger Leser namens Arek, der seit drei Jahren in Rumänien lebt und arbeitet (er leitet ein Sozialwerk für Obdachlose…), anbot bei den vorgesehenen Interviews für mich zu übersetzen… Dieses Angebot konnte ich nicht ausschlagen, weil Arek wohl Ende des Jahres wieder nach Deutschland übersiedelt, dieses Mal mit Frau und Kind.

Die Eindrücke, die ich in Rumänien gewann, waren, wie Sie sich vorstellen können sehr vielschichtig. Ein erstes Erlebnis hatte ich diesbezüglich mit dem – zum Glück neuen – Stoßdämpfer meines Wagens. Man kann Rumänien nur über Landstraßen erreichen, und diese sind mangels Geld leider an vielen Stellen nur mit den empfohlenen 10km/h passierbar. Diese Landstraßen führen einen durch so genannte Straßendörfer von verschiedener Länge. Pferdefuhrwerke, sowie Reiter mit und ohne Sattel, die auf diesen Straßen eigentlich nicht reiten oder fahren dürfen, sind überall anzutreffen. Ich war froh, tagsüber durch diese Landschaft fahren zu können, denn diese Fuhrwerke sind selbstverständlich nicht beleuchtet. Das Landschaftsbild ist abwechslungsreich, scheinbar wird jeder Quadratzentimeter Grasfläche genutzt, und sei es, dass eine Kuh oder ein Pferd am Straßenrand angepflockt sind.

Die sozialen Kontakte scheinen jedoch zu funktionieren (es wäre zu hoffen, dass dies auch nach einem EU-Beitritt erhalten bliebe), denn fast vor jedem Haus sitzen Jung und Alt mit Arbeiten beschäftigt oder miteinander redend zusammen…

Über die Orte Arad und Deva gelange ich nach Hermannstadt, die heute Sibiu heißt. Sie hieß ehemals Hermannstadt, weil dort in früheren Jahrhunderten »die Sachsen« dort angesiedelt wurden, welche dafür sorgen sollten, dass »die Türken« nicht bis nach Wien vorrückten … so ist diese Region nicht nur griechisch-russisch orthodox, sondern auch vom evangelischen Glauben geprägt. Erst wenn man durch die Karpaten an Pitesti vorbei in Richtung Bucuresti (Bukarest) fährt, ändert sich das durch die Sachsen geprägte Landschaftbild – es wird »offener«. Die Höfe haben auf einmal nach den Karpaten keine einengenden Mauern mehr.

Die Rumänen, die als die Franzosen des Ostens gelten – was wohl ihre Freundlichkeit unter Beweis stellen soll – sind trotz der zum Teil »unglaublichen Armut« sehr offen und freundlich – freundlicher als ich das teilweise hier im Süden Frankreichs erlebe. Was diesen Menschen der bevorstehende EU-Beitritt bringen mag, bleibt abzuwarten… – mein Eindruck, ich befände mich streckenweise zurückversetzt in die Zeit zwischen 1947 und 1955, ist nicht ganz unrichtig, aber mein Bild von der Nachkriegszeit '47 - '55 in einem sich im Wiederaufbau befindlichen Deutschland ist geprägt durch eine chancenreiche Periode, die quasi Startlöcher schuf. Es steht zu befürchten, dass ein EU-Beitritt das gewünschte Geld in die Taschen einiger weniger bringen wird, aber eine wirkliche wirtschaftliche Entwicklung kann nach meiner Ansicht so nicht stattfinden, nun, on verra (man wird sehen)…

Aus Böblingen erhielten wir einen Artikel, den wir auf Seite 34 dieser Ausgabe veröffentlichen. In einer Passage äußert Frau Sonja McGough: »An die Stelle des Gedankens "Jetzt mache ich einen Iriminage" tritt eine Leere im Geist." Allerdings dürfe diese Leere natürlich nicht mit dem Vakuum verwechselt werden, welches sich oft gerne im Kopf während einer Gürtelprüfung einstelle.« – Diese Worte ließen meine Gedanken Jahre zurückschweifen… Damals saß ich als uke auf der Tatami und schaute einer Danprüfung zu, und ich fand in meiner Erinnerung die Aussage von Frau McGough bestätigt, denn damals wie heute ist eine solche Prüfung immer wieder eine psychische Herausforderung.

Damals nahm mein Bekannter, der seine Danprüfung absolvierte, schon nach dem zweiten Angriff in suwari waza die Schulter hoch, nach dem dritten begann er gar die Atmung zu vergessen, nach dem fünften bekam er einen roten Kopf… – und das, obwohl er die Techniken eigentlich beherrschte.

Da er direkt vor mir mit seinem uke demonstrierte, flüsterte ich im zu: »Hört endlich auf, Prüfung zu machen!« Er schaute mich fragend an, doch eigentlich spiegelte sein Blick eher Unverständnis wieder. Ich wiederholte: »Hör auf, Prüfung…« – aber sein wirrer Blick änderte sich nicht. Nach dem nächsten Angriff schien sein Kopf gar kurz vor einer Explosion zu stehen. Da er Bäcker ist, sagte ich dann etwas energischer: »Hör' auf hier eine Prüfung abzulegen, back' ein Brot!« Jetzt schien »er« an meinem Verstand zu zweifeln und schüttelte nur seinen roten Kopf, was mir aber zeigte, dass er mich jetzt wahrnahm. Also wiederholte ich: »Back ein Brot«! Ich zog schon einen finsteren fragenden Blick des Prüfers auf mich, wiederholte aber: »Backe ein Brot und mache kein Prüfung; mach keine Prüfung, sondern knete!« (was ich mit Handbewegung demonstrierend unterstützte) Quasi mit meinem letzten Wort sah ich leuchtende Augen und das Verschwinden seiner geröteten Haut… der Rest der Prüfung, sein Ni-dan, schien danach nur noch »ein Klacks« zu sein.

Oft führt »nur« die falsche Einstellung in unseren Köpfen dazu, dass unsere »Gedanken« vom Wesentlichen abgelenkt sind. Warum wir »uns selbst« so überrumpeln, kann anschließend keiner sagen, ….

Wir wünschen allen unseren Lesern eine schöne Sommerzeit mit angenehmen Lehrgängen.

 

 

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