Horst Schwickerath

In unserem letzten Leitartikel sind wir darauf eingegangen, dass der Gründer des Aikido stark in Aktivitäten ultra-nationalistischer Aktivisten der extremen Rechten verwickelt war.

Allein dem Umstand, dass Morihei Ueshiba unter dem Schutz starker Mächte innerhalb des japanischen Staatsapparates stand, ist es zu verdanken, dass er der strafrechtlichen Verfolgung entging, welche die aufrührerischen Elemente als Folge von versuchten Staatsstreichen und politisch motivierten Serienmorden ereilte, derer sie für schuldig befunden (oder angeklagt) wurden. Tatsächlich befand sich Ueshiba an der Schnittstelle zweier umstürzlerischer politischer Gruppen: extremer Gruppen, welche sich einerseits aus jungen, ungeduldigen Offizieren zusammensetzten, faschistischen Ideologen und Fantasten (Onisaburo war nur einer unter ihnen), und welche andererseits aus dem Milieu japanischer Militärbefehlshaber kamen, welche totalitär und expansionistisch, jedoch eher Realisten waren und einen »Sinn für den Staat« hatten.

Diese beiden Tendenzen sind in Zusammenhang zu sehen (korrespondieren) mit zwei verschiedenen als »heikel« einzustufenden Begriffen - zum einen mit dem der japanischen Nation, was man unter dem Terminus »minzoku« zusammenfassen könnte [der Vorstellung einer Nation als homogenes, ethnisches Gebilde, vergleichbar mit dem deutschen »Volk« oder mit der französischen »Rasse« nach der Denkweise unserer westlichen Nationalisten], zum anderen mit dem Verständnis einer Nation als Staatsgebilde, so genannt »kokka«. [Kurzer Exkurs: einer der Befürworter des »minzoku« war der Neo-Romantiker Yojuro Yasuda, einer dessen Schüler der Romanschriftsteller Yukio Mishima war, ein Hyper-Nationalist und ein verhinderter Putschist. Nach dem Krieg wurde Yasuda, wie auch Ueshiba, ein »Super-Pazifist«.]

Eine wesentliche Sorge der ersten Gruppe galt der Wiederherstellung der ursprünglichen Reinheit (Reinrassigkeit) eines Japans, gereinigt von den aufeinander folgenden Wellen kultureller chinesischer und westlicher Einflüsse. Die hinter dieser Bewegung stehende Grundidee war die von »Yamato damashii« oder »Yamatogokoro«. Yamato*, das ist das alte Japan, das mythische Japan der Chroniken Kojiki und Nihon Shoki**, Texten, von denen man sagen kann, dass sie eine »Bibel« für O Sensei gewesen sind. Das Thema von Yamato damashii wie auch das der Verehrung des »Voie Impériale« = Imperialistischen/Kaiserlichen Weges (kodo) [vgl. dazu das Editorial im Aikidojournal Ausgabe 41] ist allgegenwärtig in den Texten von O Sensei, datierend aus den 30-er Jahren. Dies spiegelt sich nicht nur in den »doka« (Gedichten des »Weges«) wider, sondern auch in den technischen Erläuterungen seiner Bücher »BudoRenshu« und »Budo«. [Diese Texte sind in Englisch und Französisch erhältlich, in der Bücherei oder über das Internet].

Hier ein Beispiel aus einem weniger bekannten Text: Stanley Pranin zitiert in einem Artikel, der dem Aikido der Vorkriegszeit gewidmet ist, diesen Auszug aus »Budo«, der Zeitschrift des Budo Senyokai, einer Kampforganisation, die mit Omoto Kyo verbunden ist, in welchem die Ideen von Morihei Ueshiba erläutert werden:

»... die wirkliche Aufgabe der japanischen Kampfkünste in ihrer Eigenschaft als Teilnehmer an dem Prozess der Verwirklichung des "Voie Impériale in der ganzen Welt" ist es, die Leitung aller Kampfkünste auf der Erde zu übernehmen. Japan ist der Lehnsherr des Globus, das Modell für die Erde, und der Wille der ganzen Welt ist die Verwirklichung eines "Großjapan". Japan ist das Modell für die Form einer perfekten Welt. Dies bedeutet nichts weiter, als dass man erst, nachdem man diese Geisteshaltung vollständig verstanden hat, den Sinn der japanischen Kampfkünste wirklich verstehen kann.«

Yamato damashii ist verkörpert in einer ursprünglichen Sprache, »yamato kotoba«, welche sich von dem tatsächlichen Japanisch, »nihongo«, unterscheidet. Das ist die Basis der Theorie von »kotodama«, welche sich normalerweise als eine mystische Stimmübung darstellt. So stößt man auf den Ursprung dieser Praktik.

Nach Karen van Wolferen (in ihrem Buch »Le Secret de la puissance japonaise« - das Geheimnis der japanischen Macht/Stärke):

»(...) [Nach diesen Theorien] besitzt [das Japanische] einen einzigartigen "Geist" (esprit), der sich von allen anderen Sprachen unterscheidet. Dieser "Geist", "kotodama" genannt, war vor dem Krieg einer der wichtigsten mythologischen Komponenten der Ideologie der Überlegenheit und des einzigartigen japanischen Charakters.«

In einem veröffentlichten Artikel des gleichnamigen Online-Aikido-Journals von Stanley Pranin hat Peter Goldsbury, der Präsident der Internationalen Aikidoföderation, geschrieben:

»Der Grund für die Flucht nach Iwama wird manchmal mit der Unzufriedenheit des Gründers hinsichtlich der staatsumstürzlerischen Tätigkeiten seitens der Militärs mittels eines im Wesentlichen "pazifistischen" Kampfsportes erklärt. Meine diesbezügliche Skepsis basiert auf zahlreichen Verweisen, die man in veröffentlichten Schriften Ueshibas über die Bedeutung des Aikidos in Bezug auf das Wesen von yamato-damashii findet. (...) mein Argument, welches im Milieu des gegenwärtigen Aikidos vermutlich nicht »in Mode« ist, lautet, dass der Gründer fest an den "Voie Impériale" glaubte, mit allem, was dies für die "göttliche" Stellung Japans in Asien bedeutete. (...) Der Gründer glaubte fest an die Bedeutung von yamato-damashii und an die Rolle, welche das Aikido dabei einnehmen könnte.«

Nachdem dieser Teil von O Senseis Gedankenwelt lange geheim gehalten wurde, wird heute versucht die Tragweite seiner Gedanken herunterzuspielen, indem geltend gemacht wird, dass Morihei Ueshiba »ein Mann seiner Zeit und seines Landes gewesen sei«, und dass er der dominanten Ideologie des Milieus, in welchem er sich bewegte, nicht entrinnen konnte.

Dem ist in zweierlei Hinsicht zu entgegnen. Erst einmal waren die Faschisten und europäischen Nazis auch »Menschen ihrer Zeit und ihres Landes« und niemand außerhalb der extrem rechten Szene würde behaupten, ihre Taten ließen sich dadurch rechtfertigen. Andererseits war das Japan der Vorkriegszeit weit davon entfernt, ein homogenes Gebilde fanatischer Nationalisten zu sein. Es gab Demokraten, Sozialisten, Kommunisten und eine organisierte Arbeiterbewegung. Es ist aber auch wahr, dass diese »Gruppen« im Verlauf dieser Jahre nach und nach strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt wurden, sie wurden inhaftiert, gefoltert und sogar exekutiert, und zwar von der Polizei- und Armeeeinheit, welche Morihei Ueshiba ausgebildet hatte und mit deren Führern er regelmäßig verkehrte.

Es ist umso wichtiger sich ein klares Bild dieses Kapitels der japanischen Geschichte, des Kampfsportes und vom Aikido im Besonderen zu machen, da heute dieselben Ideen eines japanischen Sonderstatus unter dem Begriff »nihon jinron« (Abhandlung über des Japantum = nipponité) verbreitet sind. Gemäß dieser pseudowissenschaftlichen Literatur hätten die Japaner zum Beispiel eine unterschiedliche Lateralisierung des Gehirns*** oder einen längeren Darm, ein anderes Verhältnis zur Natur, eine einzigartige Sprache hinsichtlich des phonologischen Aufbaus usw. ... kurz gesagt, allein die Japaner könnten Japan und seine Bewohner verstehen, welche für immer ein Rätsel für die Westeuropäer bleiben würden. Und dieses dumme Gerede mit stark rassistischem Beigeschmack wird von den Westeuropäern andächtig wiederholt - zum Beispiel von Aikidolehrern - die oft nicht mehr als ein Halbwissen über Japan haben oder sogar nur ein Wissen aus dritter Hand - und welche als Gipfel der Ironie ihren Zuhörern das erläutern, was diesen gemäß ihrer eigenen Theorie selbst unmöglich ist zu verstehen.

Der japanische Buddhismus ist, zumindest teilweise, mit seiner Vergangenheit konfrontiert worden, wie es der Akt der Reue zeigt, der im Jahre 1992 von den Verantwortlichen des japanischen Abzweiges des Soto-Buddhismus**** - veröffentlicht wurde. Es ist an der Zeit, dass die Welt des Kampfsportes dies auch tut.

Ihr Aikidojournal-Team

* Yamato-Periode (um 300 - 710), an der Spitze des Staates stand die Dynastie Yamato, deren Vorfahren sich auf die Sonnengöttin Amaterasu zurückführen lassen. Das Herrschaftsgebiet Yamato verlieh dem Kaiserhaus und wahrscheinlich auch dem Japan der damaligen Zeit seinen Namen.

** Beide Werke wurzeln mehr oder weniger auf denselben Mythen und geschichtlichen Quellen. Es handelt sich hierbei um die ältesten japanischen Geschichtsbücher, in denen dargelegt wird, woher das japanische Volk stammt, wie der japanische Staat entstand und welcher Art die politische Ordnung war.

*** "lateralisieren": die Gehirnhemisphären (Gehirnhälften) bestimmten psychischen Funktionen (z.B. Sprachvermögen) zuordnen

**** Dogen, Kigen (1200 - 1253), buddhistischer Mönch und Gründer der Soto-Schule des Zen-Buddhismus. Er lehrte die Disziplin des "Nur-Sitzens" (Zazen).

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