Horst Schwickerath

Wenn wir mangels einer inneren Disziplin all die Emotionen, die uns bewegen, unter dem Vorwand ausleben, dass sie zum Ausdruck gebracht werden müssen, dann kann das zu sicherem Missbrauch führen; es mag uns sogar schwer fallen, die Gesetze unseres Landes zu respektieren. Die menschlichen Emotionen haben kein Ende, und die Macht der negativen Gefühle ist grenzenlos.

Bei manchen Menschen hängt auch noch ein Hufeisen über der Tür. Wenn ein Pferd früher ein Hufeisen verloren hat, hat man es sich über die Tür gehängt als Schutz vor bösen Geistern. Und wenn der Teufel kam, sollte ihm das Hufeisen direkt auf den Kopf fallen. Ein ziemlicher Aberglaube! Hauptsache, es fällt nicht schon vorher jemandem auf den Kopf!

Viele abergläubische Menschen haben Angst, dass etwas Schlimmes passiert, wenn eine schwarze Katze von rechts oder links ihren Weg kreuzt. Aber mal ganz ehrlich: Ob eine Katze für Euer Leben etwas bedeutet, hängt nicht von der Laufrichtung der Katze ab, sondern von einer Frage: Bist Du Mensch oder Maus? Und ich hoffe, hier liest gerade ein Mensch!

So können die Ängste erst einmal ruhen.

Was aber sind Ängste?

Nun, viele ängstliche Menschen gehen zum Beispiel in ein Dojo, um sich Stärke anzutrainieren. Die Krieger mussten stark sein, um überleben zu können. Sie übten sich in ihren Waffenkünsten, um diese kunstvoll zu beherrschen.

Was aber vor 200 Jahren noch eine klar geregelte Angelegenheit war – Soldaten in bunten Uniformen und Fahnen – findet sich heute nur noch auf dem Schachbrett wieder. Die »klassische Kriegsphilosophie« hat sich aufgelöst. Der Anteil der betroffenen Zivilbevölkerung ist stetig angestiegen, von Verdun über Vietnam bis Irak und Afghanistan. Klassische Kriegführung greift nicht mehr, heute findet man immer auch eine terroristische Antwort, und die gesamte Bevölkerung ist betroffen.

Ein wichtiger Hebel ist die Angst. Der 11. September 2001 brachte eine Wende mit sich, die Angst wurde »greifbar«: das führte zu einer fatalen Kettenreaktion. Mit den Bildern des Anschlages auf das World Trade Center im Kopf, entwickeln die Menschen eine Angst, selbst Opfer eines Anschlages zu werden. Die Statistik spricht da eine andere Sprache: So kamen seit 2001 in Europa 247 Menschen, durch einen terroristischen Anschlag um ihr Leben, bei Stürmen verloren zur gleichen Zeit 256 Menschen ihr Leben. Die Hitzewelle von 2003 kostete allein in Deutschland 9’000 Menschen das Leben, in Krankenhäusern starben zwischen 2001 und heute 50’000 Menschen, weil ihnen ein falsches Medikament verabreicht wurde. Es kann also als vergleichsweise unwahrscheinlich betrachtet werden, bei einem terroristischen Anschlag sein Leben zu verlieren. Die Chance, im Lotto zu gewinnen, ist größer, immerhin haben im vorgenannten Zeitraum 2’000 Menschen dieses Glück gehabt.

Gefährlich scheint dagegen das Verhalten von Menschen zu sein, die sich in der Nähe von Anschlägen und ähnlichen Katastrophen aufhalten. So reagieren viele panisch und verlieren ihr Leben ohne Fremdeinwirkung. Beim Anschlag vom 11. September waren es 1’600 Menschen die durch angstgesteuertes Ausweichverhalten zu Tode kamen. Normalerweise reagieren Menschen unbewusst auf solche Situationen und meiden sie. Aber dieses Ausweichverhalten ist mit einem größeren Risiko verbunden, als wenn man sein Leben fortsetzen würde wie vorher. Durch die Berichterstattung in den Medien verstärkt sich die Identifikation mit dem Leid der Betroffenen. Die Toleranzschwelle sinkt und die Ausgrenzung Andersdenkender nimmt zu – härtere Bestrafung für alle Arten von Verbrechen wird befürwortet – und Bürgerrechte werden eingeschränkt. Dies alles schlägt sich in irrsinnigen Kosten für die Allgemeinheit nieder… ein Kreislauf ohne Ende. Die Angst vor Anschlägen hat eine lähmende Wirkung – nicht nur auf die Wirtschaft.

Ich frage mich, ob wir da noch eine Balance haben zwischen den Risiken und den Sicherheitsmaßnahmen? Vielleicht wird es früher oder später auch bei uns Anschläge geben, doch wir müssen ihnen mit einer heroischer Gelassenheit begegnen. Denn unsere Angst unterstützt die Terroristen. Wenn wir diese Anschläge dagegen als Unfälle betrachten können, dann werden wir schnell feststellen, dass uns Terroristen wenig anhaben können.

Mehr Selbstsicherheit statt Sicherheit – das kann unsere Gesellschaft stabilisieren, stützen und schützen. Wenn dann wirklich ein Anschlag kommen sollte, wird die Kettenreaktion gestoppt.

Wie sagte doch Benjamin Franklin, einer der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung der USA: Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren. Vernunft muss gelten, Angst ist ein schlechter Berater. Ihr Aikidojournal-Team

 

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