Horst Schwickerath

Wieder einmal beschäftigt mich die alte/neue Frage, wer sich denn sicher fühlt mit seinen Aikidokenntnissen in einer echten Auseinandersetzung – nun, es muss nicht unbedingt eine Auseinandersetzung sein, es genügt schon eine gefahrvolle Situation, in der einfach nur couragiertes Handeln erforderlich ist. Spätestens wenn in den Lungen die Bronchien aufgehen und wir mehr Luft einatmen, gerät doch schon »die geübte Gewohnheit« ins Wanken, zumal das Herz gleichzeitig anfängt schneller zu schlagen, denn die Muskeln erwarten/erfordern sauerstoffreiches Blut für »ihren bevorstehenden Einsatz«. Das erwartete Kommando kann lauten: »angreifen oder fliehen«.

Wenn wir uns vorstellen in einem Flugzeug in eine brenzlige Situation zu geraten, dann ist es wohl »mit Fliehen« nicht weit her… Handeln kann aber auch Gefahr bedeuten. Wer ist mutig genug? Wann greifen wir ein? Wann schauen wir weg? Welches Phänomen bestimmt/leitet die feige Seite in uns?

Jeder hat es schon in der Tageszeitung gelesen oder im Fernsehen gesehen, dass eine Frau angegriffen wird, ihr etwas entwendet wird oder dass, wie im vergangenen Jahr in der Pariser Metro geschehen, eine junge Frau vor Dutzenden von Augenpaaren vergewaltigt wird. Aber niemand greift ein.

Sicherlich hängt ein Eingreifen von der Erfahrung ab, die man bisher in seinem Leben gemacht hat. Ist ein Eingreifen in einer Situation X erfolgreich verlaufen, wird die betreffende Person vermutlich immer wieder eingreifen. Musste man für sein Eingreifen bezahlen, wird man sicherlich zaghafter agieren.

Interessanterweise handeln Kindern viel spontaner als Erwachsene. Ohne groß nachzudenken agieren sie. Ihre kindliche Phantasie signalisiert ihnen keine Gefahr, sie orientieren sich an Vorbildern. Sie verfolgen z.B. einen Dieb und stürzen sich auf ihn … Diese Vorbilder werden nicht unbedingt im Elternhaus vorgelebt, es können auch heroische Vorbilder sein, von denen sie sich leiten lassen, so dass sie ohne über »ihre Kosten«, oder ihre eigene Gefährdung nachzudenken eingreifen.

In einem besonders spektakulären Fall »sahen« 38 Familien zu, wie ein junge Frau verfolgt und geschlagen wurde – sie hörten die Hilfeschreie noch, als sie schon dem Tode nahe war, aber keiner griff ein. Dieses Phänomen rührt daher, dass die selbst zugestandene, subjektive Verantwortlichkeit umso mehr sinkt, je mehr Menschen Zeuge einer Notsituation werden. Andererseits hat man Sorge sich lächerlich zu machen, wenn man etwas falsch macht. Des Weiteren schaut man sich die anderen »Zuschauer« an und interpretiert aus deren Gesichtern die Notwendigkeit eines Eingreifens oder auch Nichteingreifens.

Anderseits ist ein genaues Beobachten wichtig. Je genauer ich eine Situation beobachte, umso couragierter kann ich eingreifen, denn starke körperliche Präsenz ist meistens nicht unbedingt notwendig. Wichtiger als körperliche Stärke in einer Gefahrensituation sind ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das auf positiven Erfahrungen beruht, sowie die Fähigkeit, eine Situation intuitiv richtig erfassen und einschätzen zu können.

Um an den Anfang meiner Überlegungen zurückzukehren, so kann ich mit Sicherheit sagen, dass ein intensives Training, das bis an die persönlichen Grenzen gehen muss, dem Einzelnen Möglichkeiten eröffnet einiges an Erfahrung zu gewinnen, was wiederum gleichzeitig mit der Steigerung des Selbstbewusstsein korreliert.

Aber, aber…wie kann ich sicher sein, nicht dem Selbstbetrug aufzusitzen? Ich brauche sicherlich nicht genauer erwähnen, was ich damit meine: die Diskussionen um den Tanz mit dem schwarzen Rock sind wohl allen Lesern gegenwärtig.

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Wir vom Aikidojournal wünschen allen Lesern eine ausgeprägte Ruhe für die bevorstehenden Festivitäten, damit Sie diese gut überstehen und sicher ins Jahr 2007 gelangen.

 

 

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