Horst Schwickerath

Im Editorial der letzten Ausgabe des Aikidojournals haben wir ein nach unserer Meinung heikles Thema angesprochen, nämlich den Zusammenhang zwischen Aikido und Geld. Dieser Leitartikel ist einem Thema gewidmet, das nach unserer Ansicht nicht weniger umstritten ist: Aikido und sein Bezug zur Politik. Wir wollen hier nicht von der Organisationspolitik sprechen, wie sie in den Verbänden zum Tragen kommt, wohl aber davon, was Aikido mit der politischen Geschichte verbindet - natürlich mit der japanischen, aber nicht nur. Abgesehen davon, dass sie nicht ausserhalb wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhänge zu sehen sind, leben die Kampfkünste nicht ausserhalb des Konflikts miteinander konkurrierender Kräfte im Wirkungskreis der Macht. Für die Aikido Praktizierenden ist es notwendig sich hinsichtlich bestimmter historischer Fakten ihrer Kunst bewusst zu werden, denn »wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen«. Wir werden uns nicht damit zufrieden geben, einige Momente der Vorgeschichte des Aikido in Erinnerung zu bringen, welche normalerweise gerne schamhaft verschwiegen werden.

Wenn man der Geschichte des Aikido glaubt, wie sie naiven Kindern erzählt wird, traf der eiserne Kampfsportler Ueshiba eines Tages unterwegs auf eine Gruppe von sanften, friedlichen Mystikern, welche vom japanischen Staat verfolgt wurden. Der Einfluss dieser religiösen Weisen verwandelte unseren Krieger in einen Apostel der Liebe und des Friedens. Die Wahrheit sieht etwas anders aus.

Zunächst war O Sensei ein Mensch seiner Zeit und seines Umfelds. Es wäre grotesk ihm die Empfindungen, Ideen und Ansichten eines europäischen linken Intellektuellen der 60-er Jahre unterstellen zu wollen. Er wurde zu einer Zeit geboren, in der Japan darum bemüht war angesichts des westlichen Imperialismus (Russland eingeschlossen) einen Platz im Konzert der modernen Völker zu finden; der Nationalismus und die Identifikation mit den japanischen Streitkräften waren für ihn selbstverständlich. Dieser Nationalismus, die Verherrlichung des »Geistes von Yamato«, hat bleibenden Einfluss auf Ueshibas Tätigkeiten, und zwar ganz eindeutig bis zum Jahr 1945, aber auch noch darüber hinaus.

Aber Ueshiba begnügte sich nicht damit ein gewöhnlicher Nationalist zu sein. In Japan, wie zu dieser Zeit auch anderswo in Europa, war der extreme Nationalismus häufig von der Moderne desillusioniert die angeklagt wurde, den Traditionen, alt überlieferten Werten und der Verwurzelung zu wenig Rechnung zu tragen, reaktionären und präfaschistischen Themen, die zu Beginn des 1. Weltkrieges besonders in Frankreich und Deutschland lebendig waren. Vor diesem ideologischen Hintergrund muss man das Engagement des jungen Morihei in dem 1909 von Kumagasu Minakata ins Leben gerufenen regierungsfeindlichen Feldzug sehen. Letzterer, ein berühmter Insektenforscher und Umweltschützer, ebenso in Tanabe geboren, griff die Zentralregierung an, welche sich die schintoistischen Heiligtümer angeeignet hatte. Im Namen des Umweltschutzes und lokaler Traditionen war diese modernisierende Politik von Tokio ihre Zielschreibe.

Ungefähr zehn Jahre später, nachdem er an der Kolonisation von Hokkaido teilgenommen und den anderen Nostalgiker der Vor-Meija-Periode, Sokaku Takeda, kennen gelernt hatte, wurde Morihei Ueshiba von der Sekte Omoto-kyo aufgenommen. Nach dem Krieg machte sich die Sekte von Onisaburo Deguchi einen humanistischen, pazifistischen, sprich so gar internationalen Namen (Ruf). Tatsächlich befand sich Omoto-kyo am anderen Ende des politischen Spektrums. Wie es André Cognard in seinem Buch »Le Corps Conscient« geschrieben hat: (...) »Deguchi Onisaburo, Hohepriester von Omotokyo und spiritueller Meister von O Sensei, hatte eine imperialistische und faschistische Ausrichtung, welche den Rahmen des japanischen Faschismus der Vorkriegszeit überstieg (...).« Er fügt hinzu: »die Sekte von Omotokyo (...) war, zumindest vor dem zweiten Weltkrieg eine faschistoide Sekte, welche in ihrer aktiven Zeit äusserst schwerwiegende Delikte beging. Der Tempel von Ayabe enthielt Kriegswaffen, und einige Anhänger, welche die Sekte verlassen wollten, wurden gefoltert oder verschwanden auf merkwürdige Weise.« (*)

Omoto-kyo - und so erklärt sich das besagte »grosse mongolische Abenteuer«, an dem Ueshiba 1924 teilgenommen hat - war mit der »Gesellschaft des schwarzen Drachen« verbunden, einer geheimen Gesellschaft der extremen Rechten. Auch in den 30-ger Jahren waren sowohl Omoto-kyo als Organisation als auch Ueshiba persönlich mit ultrarechten reaktionären Elementen innerhalb der kaiserlichen Marine verbunden wie auch mit der aufrührerischen Gruppe namens »Der imperialistische Weg« (Kodoha) innerhalb der Armee, welche 1936 versuchte, einen Militärputsch auszuüben. (**) Zuvor hatte Ueshiba sein Dojo den Sakurakai zur Verfügung gestellt, einer Gruppe von faschistoiden Offizieren, welche für zahlreiche Morde verantwortlich waren, und unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu einem ihrer Führer, Okawa Shumei. (***) Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass Ueshiba, der »Sicherheitschef« der Sekte, bei den Verwicklungen von Omoto-kyo mit den Machenschaften der Bewegungen der extremen Rechten nicht eine zentrale Rolle gespielt hat.

Wenn Omoto-kyo Gegenstand staatlicher Unterdrückung war, dann ebenso sehr wegen seiner faschistischen Aktivitäten als auch wegen der mystisch-religiösen Exzentrizität von Deguchi. Was Ueshiba betrifft, entkam er dem Gefängnis im Wesentlichen Dank des Schutzes, den er seitens hoher politischer und militärischer Persönlichkeiten genoss. Seine Aufgaben als Lehrer an der Polizeiakademie wie auch an der »Schule des Geheimdienstes« von Toyoma müssen dabei eine Rolle gespielt haben.

In unserem nächsten Editorial befassen wir uns mit den von Ueshiba verfassten Schriften, in denen seine Ideologie zum Ausdruck kommt, die seinen oben beschriebenen Tätigkeiten zu Grunde liegt.

Viele E-mail Zuschriften und Telefonate erreichten uns wegen des Interviews mit Hitohiro Saito. Wir sind keine Schiedsrichter, wir versuchen mit dem Aikidojournal ein Forum zuschaffen, das allen offen stehen soll.

Ich kann persönlich nur für mich sprechen und somit an das folgende buddhistische Gleichnis erinnern:

Es gibt ein buddhistische Gleichnis, in dem mehrere Blinde einen Elefanten betasten mussten um zu erklären, was sie da betastet hatten. Jeder von ihnen betastete aber einen anderen Teil des Elefanten. So »ertasteten« sie »eine Schlange«, »eine Wand«, »einen Baumstamm«... Jeder ertastete also nur einen Teil des Ganzen.

So scheint es auch mit den Aikido zu sein, jeder tastet sich an das Ganze heran, jeder erfährt nur einen Teil des Ganzen ...

In diesem Sinne wünschen wir angenehme Feiertage

Ihr Aikidojournal-team

(*) Durch einige Aspekte, insbesondere hinsichtlich der Praktik des »biodynamischen« Anbaus, kann Omoto Kyo sich mit der in Deutschland von Rudolf Steiner gegründeten Sekte vergleichen; bei der Anthroposophie vergisst man häufig, dass sie unter anderem die Denkweise von Walther Darré beeinflusste, welcher der Minister für Landwirtschaft unter Hitler war - im Schoss der Nationalsozialistischen Partei.
(**) Vgl. die Memoiren des Polizeichefs des Innenministeriums, Toshiki Karasawa, die 1955 unter dem Titel »Die Umstände des Angriffs auf Omoto« erschienen sind.
(***) Vgl. die Unterredung mit Ikkutsai Iwata, die im Herbst 1990 im Aikidojournal von Stanley Pranin erschienen ist. Okawa Shumei ist dem Tribunal, das die Kriminellen des japanischen Krieges verurteilte, allein durch einen sehr bequemen »Nervenzusammenbruch« entkommen.

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