Wenn man die Vergangenheit subtrahiert von der Geschichte, so bleibt die Zukunft. Der grosse fran­zösische Historiker Marc Bloch nannte die Historie den Dialog der Lebenden mit den Toten (Apologie der Geschichte). Die Toten flüstern, und die Lebenden hören nur halb hin. Deshalb ver­neh­men sie kaum mehr, als sie vernehmen wollen. Das aber hat seinen Grund darin, dass die Toten nur die Vergangenheit kennen, die Lebenden aber letzt­lich, wenn auch fast immer vergeblich, nur von der Zukunft wissen wol­len. Die Lehren der Geschichte, die aus diesem ungleichen Dialog entstehen, können nicht weit tragen.

    Und so bleibt die Zukunft, was sie seit den Zeiten des delphischen Ora­kels immer war, das unbe­kannte Faszinosum, lockend und drohend. Alle Versuche der Bemächtigung sind zuletzt nicht mehr als ein Selbstgespräch, in glücklichen Fällen korrigiert durch Erfahrung und Weisheit, in den mei­sten aber geleitet durch absichtsvolle Unkenntnis der Geschichte und jenen Drang, den die Griechen Hybris nann­ten.


ZUKUNFT und Vergangenheit

    Darüber schreiben zu können, hat tatsächlich schon unzählig viel Papier gekostet. Darauf können ganz gewählt intelligente Ansichten stehen, so richtig und wirklich philosophische...

    ...Doch wirklich zu wissen, was denn die Vergangenheit nun letztlich war, und wie realistisch sie mir nach einigen Jahren noch in Erinnerung zu rufen ist, ohne diese Gefahr der Verklärung, ohne dieses Hauch von Ro­man­tik, ohne die Lust nach Verdrängung...?

    Es gibt Menschen, die leben gerne in der Vergangenheit – sicher mit­unter eine Charaktersache. Es gibt welche, die können dies schon allein von ihrem Alter her nicht bestimmen. Kleinkinder konzentrieren sich anders auf Vergangenes, Passiertes, Geschehenes als ältere Menschen – je näher der letzten Stunde, dies umso intensiver machen. Nicht von ungefähr besteht die Er­ziehung von Kindern gerade im Kleinkind- und Vorschulalter aus tausend und abertausenden von Wiederholungen. Mach dies nicht, mach jenes, war­um hast jetzt wieder nicht, das hab ich dir schon x-Mal gesagt, etc. Wer Kin­der hat, kennt dies ohne Frage.

    Besonders interessant finde ich Leute, die ein­fach in den Tag hinein­leben, sich um nichts küm­mern, was war, was morgen sein wird. Da gibt es natürlich auch wieder viele Facetten. Da sind die, die können es sich leisten, nicht heftig dar­über zu studieren, was morgen ist, denn die Banker sorgen, dass die Börsengeschäfte, auf je­den Fall kurz- und mittelfristig keine Baissen zei­tigen.
Andere schaffen dieses in Tag hineinleben und -arbeiten, wohlverstanden, arbeiten, trotz Schul­den­bergen aus der Vergangenheit. Nach dem Prinzip, was morgen ist, bringt mich weiter, nicht was mich gestern erdrückte. An­dere erinnern sich nicht gerne, was war, weil es schrecklich war und sie wollen sich nicht mit dem Morgen beschäf­tigen, weil es morgen auch nicht besser sein wird. Wichtig für sie ist nur, was heute ist, weil sie heute dafür sorgen müssen, dass sie was zwi­schen die Zähne kriegen.

    Und die, die gerne wissen möchten, was ih­nen die Zukunft noch so bringt? Ich zähle mich zu de­nen, so auf jeden Fall momentan. Aus­ge­löst durch den Geburtstag meines Sohnes, Jean-Pierre, der die­sen Monat 18jährig wurde. Also erwachsen und flügge-frei meiner »elterli­chen Ver-(Ge)wal­tung«. So ein Geburtstag öffnet ei­nem ganz plötz­lich die Augen, man schaut zu­rück – damals, ich erinnere mich, das waren noch Zeiten und dass war doch... – und man nimmt wahr, dass da et­was passiert, passé ist, vor­über­gegangen.

    Etwas nicht Zurückzuholendes – und man stellt sich vor den inneren Spiegel und stellt fest, dass man immer noch der gleiche und doch ein ganz anderer ist. Auf jeden Fall äusserlich – und  lässt die Gedanken in die Zukunft schweifen, denkt darüber nach, was diese noch so alles brin­gen mag. Gesundheitlich, geistig – ganz automatisch denkt man an die eigenen Eltern und ihre Alters­gebrechen und fühlt sich einen Moment verloren – mittendrin in diesen Gedan­ken zwi­schen Ver­gan­genem und Zukünftigem und... – bis die Ge­gen­wart wieder gegenwärtig wird. Dank unserer Fähigkeit, zu verdrängen, z.B. dass nicht al­les Gold-ig war, damals und dass es gar so garstig doch wohl nicht zu kom­men braucht.

    Und schon ist die Gegenwart wie­der all­mäch­tig, auf jeden Fall in den ganz banalen Bedürf­nissen eines ganz banalen Alltags. Da sind die Scha­fe, die wol­len Futter, da sind die Katzen, die miauen, da sind die Kinder und haben irgend­wel­che Sorgen und Freuden mit-zu-teilen...

    Die Gedankenwelt hat sich wieder gefunden, bis auf die kleinen Momente der Tag- und Nacht­träume, in denen sie uns Schnippchen schlägt, und der Zirkus von vorn los geht. Die Natur hat es wirklich gut eingerichtet. Es mag wohl einfach ei­ne Frage der Einstellung sein, wie sich Vergan­gen­heit und Zukunft auf den See­lenzustand auswirken. Aber mit der richtigen Einstellung, denke ich, Vergangenes dazu zu benutzen, daraus zu lernen und es doch mehr­heitlich ad acta zu lassen und mit der riesigen Lust auf die Zukunft, mö­ge sie brin­gen, was da kommen mag, den­ke ich, werde ich die nächsten paar Jahr­zehnte mit Sicherheit eher gelassen angehen.

    Wenn sich nicht – z.B. die Bandscheiben, siehe Seite 18-22) – bemerkbar ma­chen, obwohl man sich doch noch so jung und kräftig fühlt. Auch mit 50 Jahren, viel­leicht, weil der zweite, oder der dritte Frühling Einzug hielt?, man ist doch vital, auch ohne irgendwelche »Säftchen und Pillelchen« für den sogenannten Altersabend. Aber, siehe oben, vieles lässt sich sowieso nicht vermeiden, vieles ist latent vor­han­den, bloss nicht spürbar – solange die Gesundheit Schritt hält mit dem Geist (so­fern vorhanden) – oder umgekehrt – solange sollten wir uns einfach wohl füh­len.

    Zum Beispiel bei einem Essen, gekocht nach Rezepten aus dem Buch der Ge­heim­nisse asiatischer Küche (S. 40). ZEN, die Verbindung von Lebensweisheit, bewusster Gei­stes­haltung und, im oben genannten Fall, mit den Köstlichkeiten aus der tradi­tio­nellen und modern asiatischen Küche... Vielleicht sollten wir uns wirklich wieder viel mehr darauf konzentrieren, ZEN überall, bei und in allem zu erleben.

    Betrachte ich meine Trockenmauern, die ich in mühselig vielen Stunden hoch­ge­zogen haben, um Hausmauern und Türme der alten, verfallenen Burg wieder entstehen zu lassen, dann weiss ich, dass es nicht immer einfach ist, in allem und jedem ZEN zu sehen, zu denken, zu leben, vor allem wohl für uns Westler. Gar oft liegt da in der vermeintlich harmonisch gebeigten Wand ein Stein, der doch nicht ganz dahin passt. Doch fehlte mir die Zeit, die Musse und der Weitblick, das ent­stehende Werk mit Distanz zu betrachten... um den Blick wegzukriegen, weg von den vielen verschiedenen Steinen, jeder für sich eine ganz eigene Form, alle zu­sam­men schlicht ein Steinhaufen.

    Meine Freundin, eine »Tüpflischisserin« (schweiz. Perfektionistin) mokiert sich im­mer wieder mal über diese Unschönheiten, um dann letzlich selber zu sagen, »ach, was soll’s, die Erde dreht sich trotzdem und in hundert Jahren spricht niemand mehr davon, nicht, wenn die Mauer nicht mehr steht und nicht, wenn sie noch steht.« Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass die Dimensionen so unterschiedlich sind?

    Was mag sich wohl mein Sohn in ca. 32 Jahren so denken, wenn eines seiner Kinder 18jährig wird und er sich an seinen Geburtstag erinnert. ... So dreht sich das Rad immer von Neuem. Was heute Zukunft war, ist morgen Vergangenheit, in einem fort. Es könnte noch viel Papier beschrieben werden.

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