Horst Schwickerath Das Geschäft mit Literatur über alternative Lebensbewältigung-Methoden boomt. Die Frage stellt sich automatisch: Warum? Und was verbirgt sich jeweils wirklich dahinter? Sind wir in der Lage, sie zu beurteilen? Und wird das Versprochene auch gehalten?

Auf der Suche nach dem Lebenssinn geht der Trend weg vom rationalen Denken hin zum Weg der Erleuchtung, zum Beispiel durch fernöstliche Philosophien (dieser Trend, der nicht neu ist, überrascht, weil er sich so schnell wiederholt). Die Bücher des Dalai Lama beispielsweise erreichen zur Zeit Millionenauflagen.

Welcher Weg zu unserer Selbstverwirklichung ist der richtige? Wie steht es mit der Fähigkeit des Menschen, frei zu entscheiden? Uns stehen heutzutage die unterschiedlichsten Lebensmodelle offen, der Entscheid wird dadurch nicht einfacher.

Neue Wege zu gehen, bedeutet vorgeprägte Verhaltensmuster zu erkennen, uns im Sinne positiver Veränderungen von ihnen zu trennen, um uns auf unsere Selbstbestimmung zu besinnen. Es geht nicht ohne Reflektion, ohne Erkennen der Realität, der wahren Wahrheit. Hinzu kommen die eigenen Erfahrungen, negative wie positive, die prägend sind. »Erkenntnisse« oder mitgeteiltes Wissen nützen wenig, wie uns das tägliche Leben zeigt. Wie »dumm« wir sind, müssten wir uns nach eingehender Reflektion immer mal wieder selber eingestehen: Man erinnere sich an Streitgespräche in Beziehungskisten und dem »schon mal gehört«-Effekt.

Aufgrund festgelegter, erworbener Verhaltensmustern und unserer Umweltwahrnehmung, die in unserer Stammesgeschichte ihren Ursprung haben, sprechen wir - mehr oder weniger unbewusst - auf Rituale und Inszenierungen an.

Diese Inszenierungen werden wahrgenommen wie »echte« Begebenheiten, man unterliegt der Gefahr, das Sichtbare mit dem Wirklichen zu verwechseln - was ist Schein und was Sein.

Noch heute reagieren wir auf bestimmte Geschehnisse intuitiv und zwar weil sie in uns wohnende Instinkte ansprechen, die uns »damals« geholfen haben, zu überleben und uns Sicherheit gaben. Die Instinkte sind - bei den einen mehr, bei den andern weniger - geblieben, auch wenn wir sie im heutigen Umfeld kaum mehr einsetzen können oder auf jeden Fall nicht hauptsächlich gemäss ihrer ursprünglichen Bestimmung.

Oder doch nicht? Nicht nur beim Aikido, auch im täglichen Leben, in der Politik sowie im sozialen Umfeld werden wir gelenkt über das Urverhalten. Beim Gerangel um den Chefposten, an der Kasse im Supermarkt, im Wettbewerb um einen Partner. Oder anders gesagt: Warum reagiere ich auf die eine Frau mehr als auf die andere. Auch da spielen uns unsere Urgefühle Streiche.

Es wäre müssig, hier zu erwähnen, dass sich gerade die Werbung der Suggestion von Bedürfnissen bedient, dass es mehr als einen Politiker in der Geschichte gibt, der sein Wirken und Tun auf diesem Fakt aufgebaut hat - und wenige in positiver Hinsicht. Wollen die einen beeinflussen, um sich am Adressaten zu bereichern, so beeinflussen die andern, um zu beherrschen, zu manipulieren, zu diktieren. Das Rezept bleibt bei beiden Gruppen gleich: Im richtigen Ton, mit dem richtigen Inhalt die Urbedürfnisse und -instinkte ansprechen.

Besonders junge (oder in Abhängigkeit stehende) Menschen, die nach Orientierung suchen und schnell zu beeindrucken sind, können leicht »verführt« werden. Das heisst im Umkehrschluss aber auch, dass derjenige, der »verführt« und inszeniert, aus seiner Eigenerfahrung instinktiv weiss, wie er es anstellen muss, um das »Potential« möglichst optimal auszuschöpfen. Dieses »Wechselspiel in der Verständigung« ist so alt wie die Menschheit.

In unserem Alltagleben gelingt es uns meist nicht, diese in uns wohnenden Verhaltensmuster zu durchschauen und sie gegebenenfalls zu durchbrechen. Das Problem liegt vielleicht darin, dass die Veränderung nicht automatisch an die Bewusstwerdung gekoppelt ist. Denn um nach dieser eine Veränderung zu erlangen, aus den alten Verhaltensmuster ausbrechen zu können, muss u.v.a.m. der innere Schweinehund überwunden, die Klippe der Bequemlichkeit und Gewohnheit umschifft, der Wille gestärkt und neue Ziele definiert sein.

Das ist alles einfacher gesagt, denn getan! Mit der Zentrierung des Körpers, der Stabilisierung des inneren Gleichgewichtes - nicht nur des seelischen, sondern auch des physischen - kann das Grundgefühl verändert werden und Sicherheit aufgebaut. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Wirbelsäule (gerader Rücken, das »Atlas tragen« andern überlassen).

Mittels Techniken wie z.B. aus dem Aikido oder anderen Kampfsportarten kann der Rücken trainiert und die richtige Haltung (und damit auch Einstellung) gefördert werden. Unterstützend wirkt da die Arbeit mit der Atemkraft ki.

Diese Erkenntnis mag den Aikidokas auf ihrem Weg und ihrer Suche weisend sein. Welcher Weg zu unserer Selbstverwirklichung der richtige ist, bleibt offen. Wir Menschen haben die Möglichkeit, mehrheitlich frei zu entscheiden.

Auf welches Lebensmodell letztlich die Wahl fällt ist nicht wichtig, entscheidend ist nur, dass das definierte Ziel mit Überzeugung und Lebensfreude angegangen wird. Vor »falschen« Propheten und Störefrieden sei gewarnt, aber die gibt es in allen Lebensbereichen.

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