Aikido no Chikara

Die Kraft des Aikido


Walther Schüler …

Vor einem Jahr kam mein Lehrer im Rollstuhl nach Hause. Er hatte gelegentlich Probleme mit seinem Rücken („Ich hätte wohl den Traktor nicht hoch heben sollen“), doch ein Rollstuhl schien Schlimmeres zu bedeuten. Sein Gesichtsausdruck versprach auch nichts Gutes.

Er war in Übersee gewesen, als er sich eine Lebensmittelvergiftung einheimste. Zumindest hatte er eine solche aufgrund von Erbrechen und Schwindel diagnostiziert. Dies blieb seine Arbeitshypothese bis er nun mitten in der Nacht in einem fernen Land erblindete. Zuerst sah er alles doppelt, dann unterschieden sich die beiden Bilder so stark, dass er  sich nicht mehr orientieren konnte. Nun dachte er daran, dass doch etwas mehr daran sein könnte als eine Lebensmittelvergiftung.
Glücklicherweise war sein Leibwächter bei ihm. Hana ist etwas mehr als fünf Fuß groß und seit fast fünfzig Jahren seine Begleiterin.
„Sie hat mir das Leben gerettet. Ich dachte, nun sei es aus mit mir“, sagte Sensei zu mir.

Es folgten einige Tage voller Komplikationen. Das nationale Gesundheitssystem dieses Landes wollte sich des Falles annehmen. Das heißt, falls die Ärzte geglaubt hätten, dass er eine Herztransplantation benötigte, dann würde diese auch durchgeführt; die Rechnung würde man ihm nachsenden. „Ach, und Sie können in diesem Zustand nicht das Land verlassen.“ Vier Tage später wurde ein internationales Krankenhaus gefunden, in dem kanadische und australische Ärzte arbeiten, es wurden Tests durchgeführt und seine Ängste bewahrheiteten sich.
Die Diagnose lautete Gehirnschlag, und dies war die Ursache für Desorientierung, Übelkeit, Erbrechen, Verlust der Wahrnehmung in der linken Körperhälfte. Die Ärzte entließen ihn zur Rückreise in die Vereinigten Staaten. Er konnte nun nicht mehr laufen; Rollstuhl für ein Jahr, doch froh am Leben zu sein. Eine Schädigung des Gehirnstammes beeinträchtigt oft die autonome Funktionen, wie Herzschlag oder Atmung.

Er konnte wenigstens wieder sehen.

Nur eine Woche nach diesem Vorfall, rollte er in seinem Rollstuhl in unseren Unterricht. „Ich setze ein wenig aus“, sagte Sensei, nachdem er uns die ganze Krankengeschichte erzählt hatte. „Die Yudansha sind für das Dojo verantwortlich, bis es mir wieder besser geht. Ich schaue mal rein, wenn ich kann.“

Und das tat er.

Nach zwei Wochen kehrte er zurück, parkte neben der Matte und ließ die Yudansha gewähren.

Das taten wir. Ich glaube, meine schlechten Demonstrationen haben seine Erholung vorangetrieben. Bald schon konnte er sich aus seinem Rollstuhl erheben, sich vorsichtig auf die Matte bewegen , um einen Handwechsel oder eine Hüftdrehung zu erklären. Er tat alles vorsichtig, doch er war da, auf der Matte in Jeans und Sweatshirt, nur einige Minuten, bis er sich wieder in seinen Rollstuhl setzen musste.

Dann war der Rollstuhl verschwunden und durch einen Gehstock ersetzt. Der Schlaganfall lag gerade einmal einen Monat zurück. Er saß wieder am Rand der Matte, doch nun in einem normalen Bürostuhl – seine Ausflüge auf die Matte häuften sich, seine Anweisungen gedämpft, so dass nur die nahe Stehenden sie verstehen konnten. Seine bekannte Ermahnung „mehr Koshi“ war nun laut und ertönte oft. Ich denke, von außen sieht man mehr Fehler.

Dann begann er sich wieder umzuziehen. Am Anfang zog er nur den Dogi an, denn sein Gleichgewicht war noch nicht stabil genug, um den Hakama anzulegen; seine linke Hand war noch taub, so dass er Schwierigkeiten hat, den Knoten zu binden. Er wählte Techniken, die nur wenige Schritte erforderten und riet uns, zu trainieren, egal worin unsere Beschränkung bestand.

„Ich kann meine linke Seite nicht spüren“, sagte er, „trotzdem bin ich da. Was ist deine Entschuldigung.“

Dann legte er auch den Hakama wieder an. Er brauchte länger als sonst dafür und brauchte beim ersten Mal auch noch Hilfe dabei die Bänder stramm zu ziehen, doch er trug ihn und er unterrichtete. Er brachte einen Stab mit auf die Matte und lehnte sich hin und wieder an die Wand.

„Sich ständig auf das Gleichgewicht zu konzentrieren ist ermüdend“, sagte er mir, „ich kann meinen linken Fuß nicht spüren, als würde ich bei jedem Schritt in ein Loch treten und gleich hinfallen.“

Doch er kam trotzdem zum Unterricht. Und zeigte uns wie man‘s macht. Der Stab wurde an seinen Platz zurückgelegt und auch der Gehstock verschwand. Nun liegt der Schlaganfall ein Jahr zurück und manchmal beobachte ich, wie er die Hand streckt oder mit seinen Fingern auf sein Bein trommelt.

„Das Gefühl kehrt zurück“, sagte er, „doch es ist noch nicht wie vorher. So als träge ich links einen dicken Wollhandschuh, der sich über meine ganze linke Körperhälfte erstreckt. An manchen Tagen ist der Stoff dicker, an anderen dünner.“

Wenn man ihn auf der Matte beobachtete, konnte man es nicht genau sagen. Er ist ein älterer Herr, er würde kein Rad schlagen, doch das hatte er niemals getan. Sein Aikido war nie spektakulär, nur korrekt. Und es ist noch immer genauso ausdrucksstark und effektiv wie immer. Ich sollte es wissen, denn ich bin meistens derjenige, den er wirft.

Manchmal - nachdem er etwas vorgeführt hatte - sagte er dann leise zu mir: „Hast du das bemerkt? Ich habe fast mein Gleichgewicht verloren.“

Vor sechs Monaten spürte ich seine verzweifelten Korrekturen, doch nun nicht mehr. Der Berg bewegt sich nicht.

Sensei sagt oft zu uns, dass sein Leben und sein Training nicht zwei unterschiedliche Dinge sind, sondern eins. Man lebt auf die Weise, in der man trainiert und man trainiert auf die Weise, auf die man lebt. Als ich mit dem Aikido begann, erklärte er mir, das Geheimnis des Aikido bestehe darin, einfach weiterzumachen. Nun, nach zehn Jahren Aikido-Training, glaubte ich, dass dies für das Aikido galt, doch ich hatte noch nicht begriffen, dass dies für alles galt.
Dies ist das Geheimnis: Mach‘ einfach weiter.

Sensei Walther von Krenner erlitt im Oktober 2006 während eines Chinabesuchs einen Schlaganfall. Trotz gelegentlichen Taubheitsgefühlen, ist er doch weitgehend genesen. n

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