Ein Brief von Walther G. von Krenner.

Walther unterrichtet in Kalispel in Montana/-USA.
Walther unterrichtet in Kalispel in Montana/-USA.

Als ich 1967 am Honbu-Dojo trainierte, war Japan noch immer mit dem Wiederaufbau des Landes beschäftigt, besonders die Industrie, welche auf den Weltmarkt drängte. 22 Jahre nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima waren die Japaner sich noch immer nicht sicher, welchen Platz sie in der Welt einnehmen würden. Japan hat sich sehr verändert.

Morihei Ueshiba, der O-Sensei des Aikido, war ein Mann aus einer anderen Zeit, einem anderen Land. Während des größten Teils seines Lebens war er von der japanischen Überlegenheit überzeugt, des himmlischen Ursprungs des japanischen Volkes und der Göttlichkeit de Tenno, dem japanischen Kaiser. Viele seiner doka-Gedichte zeugen davon. Seine Lieblingslektüre war das Kojiki, das Buch der japanischen Gründungsmythologie, welches er für die absolute Wahrheit hielt. Diese historischen Fakten muss man kennen, wenn man seine Schriften, seine Vorträge und sein Denken verstehen will. Des weiteren war er tief verstrickt in seiner eigenen Version des Omoto und des Shinto. Ich will in keiner Weise seine großartigen Leistungen herunterspielen, die er als Kampfkünstler und Lehrer erbracht hat. Ich vertrete lediglich die Meinung, dass er in seinem späteren Leben eher das Leben eines Mystikers führte und die Kampfkunst in den Hintergrund geriet. Er hielt seine Fähigkeiten im Aikido für eine direkte Konsequenz seiner spirituellen Praxis. Nachdem ich dies erklärt habe, möchte ich dem Leser einen seiner Vorträge präsentieren, die ich in meinen Tagebüchern und Notizbüchern aufgezeichnet habe. Meine alten Aufzeichnungen sollen dem Studium und der besseren Einschätzung dienen. Später mag ich mich auf diese Worte beziehen und meine bescheidene Meinung darlegen, auf welche Weise sie mein Leben und meine 50 Jahre im Aikido beeinflußt haben. Durch runde Klammern werde ich meine Anmerkungen zu schwierigen Ausdrücken markieren. Meine Interpretation ist rein subjektiv und nicht zwingend identisch mit dem, was der Meister gemeint hat.
         Also sprach der Meister:                 

„Wenn sich der Geist entwickelt, wird alles klar. Solange ich lebe, widme ich meine Arbeit dem wahren Aikido zum Wohle der gesamten Welt.

Es gibt kein Aikido außerhalb meiner. Alles gründet auf Su (Essenz) des göttlichen Atems. Das Universum selbst ist eine Verkörperung dieser Essenz.

Aus diesem Grunde habe ich mich aufgemacht, um Ki zu studieren und Wissen und Tugend zu erlangen. Noch immer ist dies der Grund, aus dem ich noch immer trainiere und lerne. Aikido ist die göttliche Übung des Odo (?). Zuallererst muss man auf der Ame-no-ukihashi (fließende Brücke des Himmels) stehen.

Fußnote:
, ame-no-ukihashi, die „Fließende Brücke des Himmels”, der Mittelpunkt der Raumzeit, an der Feuer und Wasser aufeinander treffen, sie verbindet Himmel („heaven”) und Erde. [A.d.Ü.]

Fußnote:
, odo, die „Mitte des Flusses”, in dem sich Izanagi nach dem Besuch der Unterwelt rituell reinigte. Steht für jeden Ort, an dem wahres Misogi geübt wird. [A.d.Ü.]

Steht man auf Ame-no-ukihashi, so muss man folgendes bedenken: „A” bedeutet vollkommen natürlich zu sein; „me” bedeutet sich zu bewegen; „Ame” bedeutet folglich sich frei und fließend zu bewegen. Wie Wasser – verbinden sich Wasser und Feuer, so dienen Wasser und Dampf einem guten Zweck. (Meine Notiz: Ich glaube er meint Ki). Jeder Unterricht muss sich nach diesem Prinzip richten. Ich habe diese durch „I-ki”-Atmung erreicht.

Fußnote:
, I-ki, Aus-Atem – Ein-Atem, die in Balance gebrachte Atmung. [A.d.Ü.]

Dies führt zu Kokyu. Mit dem Einatmen fließt auch der Geist. Durch Ki kann der Atem (eines Gegners) nach Belieben gebrochen werden.

Die Mitte des Kreises zu kennen, ihn zu vervollständigen und zu perfektionieren, ist der erste Schritt zu Ai, der Liebe und Harmonie.

Immer im Zentrum aller Zentren zu stehen bedeutet

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