Anna Kravchenko

Anna Kravchenko in Budapest
Anna Kravchenko in Budapest

 Anna Kravchenko, Dienstdirektorin »Wissenschaftlicher Klub«


 


Am 24. Februar um 5 Uhr morgens in Charkow wachte ich von einer Reihe mächtiger Explosionen auf. Natürlich gab es dann einen Moment der Verwirrung – ob es nun ein Feuerwerk oder etwas anderes war. Die Explosionen aber gingen weiter, lauter … Der Verstand regiert – es scheint doch Krieg zu sein – machen sie es wirklich war?



Zuerst sammelten wir alle Dokumente und nötigen Sachen in Rucksäcke, dann legte sich eine bisher nicht gekannte Betäubung über uns – was nun?



Nachrichten über bombardierende Flugzeuge erreichen uns, die eine Reihe strategischer Objekte angegriffen haben sollen – nach 10-15 Minuten, die Zeit wird unreal – ist die Umgebung bereits mit Autos verstopft, die auf der rechten Spur der Allee stehen, vor der Tankstelleeinfahrt es sind mindestens fünfzig Autos.



In der Luft liegt ein Geruch von Panik und ein obsessiver Wunsch, vor dem Beschuss davonzulaufen, obwohl der Beschuss Minuten andauerte. Am Morgen wird es ruhig. 



Die ersten paar Tage vergingen in einer Art Benommenheit, dann wurde es leichter, fast schon Gewohnheit, aber dann begannen sie, die Stadt immer mehr zu bombardieren. Zunächst Artillerie und leichte MLRS (Mehrfachstartraketensysteme), dann flog schwereres Kaliber in die Randbezirke … Diese Randbezirke litten natürlich am meisten.



 Viele extreme Bereiche waren nach ein oder zwei Wochen fast vollständig zerstört. Trotz der russischen Behauptung, dass sie »nur militärische Einrichtungen« beschießen, zuallererst trafen sie zu Schulen, Kinder, Spielplätze, Wohngebäude, Menschen, die vor dem Geschäft anstehen, Gasleitungen, Bus- und Omnibusdepots, Kesselhäuser, Kulturpaläste und Museen.



 



Unter der Zivilbevölkerung gibt es viele Verwundete und Tote. Ist dieses Töten das, was Russland unter den Wort »Befreiung« versteht – von was will Russland uns befreien?



In den Geschäften gab es in der ersten Woche Probleme, die Lieferungen blieben aus, die Regale waren über die Hälfte geleert und an manchen Stellen sogar ganz ausverkauft – aber im Laufe der Zeit wurde die Logistik etabliert, jetzt kann man wieder alles kaufen, was notwendig ist … sogar Dinge die entbehrlich sind gibt es wieder. Die Preise stiegen leicht, aber nicht kritisch.



 Wohlhabend, sauber, schön und voller glücklicher Menschen – und jetzt beginnt die Stadt  vor unseren Augen zu zerfallen. Aber die Ukrainer sind keine Menschen, die leicht aufgeben.



Die Versorgungsunternehmen können noch trotz des ständigen Beschusses die Lieferungen fortsetzen.



 Fast überall gibt es noch Wasser, Strom, Gas. Auch der Müll wird abgeholt … – Postämter, Friseure, sogar Blumengeschäfte haben geöffnet. Aber es sind geänderte Situationen – es täuscht! … das Leben der Menschen hat sich verändert. Man kann nicht »einfach nur spazieren« gehen. Ständig geht eine Ungewissheit mit spazieren … 



Die Planung der nächsten Tage, ein Treffen mit Freunden, Vereinbarungen für ein Geschäftstreffen, nichts ist von Aussicht geprägt.



Die letzten Sonnenstrahlen, die sonst eine angenehme Dunkelheit brachten, birgt nun Unsicherheit vor was?



 



Stille, nur Schüsse sind zu hören und der Himmel färbt sich periodisch rot – aber nicht wegen der letzten Sonnenstrahlen – es ist das Rot der Explosionen und Brände.



Mehrmals flog ein feindlicher Jäger direkt über das Haus, Sie trafen ein Wohnhaus in der Nähe, die Hälfte des Hauses wurde zerstört.



Das Geräusch eines tief fliegenden Jagdbombers klingt am gruseligsten, besonders wenn man weiß, dass die Russen nicht zielen, sondern irgendwo hinschießen. Ist das ein Ziel der russischen Angriffe?



Ich wurde bereits zwei Mal, als ich in einer Schlange vor dem Lebensmittelladen stand, beschossen – ich habe mich fallen gelassen, die Hände über den Kopf gelegt, die Daumen bedeckten die Ohren und den Mund hielt ich leicht geöffnet … So habe ich es gelernt – es hat zweimal funktioniert.



Die Lebensweise der Menschen hat sich verändert. Die Menschen leben in der U-Bahn, Kellern, Korridoren und Wohnungen in permanenter Angst. Fast niemand verlässt das Haus, nur für den Fall, dass man etwas braucht. Was passiert mit uns – was wird aus uns werden. Warum? Jeder versucht weiter zu arbeiten, an dem sie vor dem Überfall gearbeitet haben. Wofür?



Trotzdem unterwirft sich jede und jeder freiwillig an der Hilfestellung für jede und jeden. Jeder wächst über sich hinaus – wir verstehen nicht, warum sollen wir von etwas »befreit« werden?




Das Leben ist unterteilt in vor und »während« dieses Krieges. Aber wir wissen, dass es noch mehr geben wird, wenn wir alles restaurieren, wird die Stadt noch schöner, die Arbeit wird mehr und wir werden wieder durch die Straßen unserer geliebten Stadt spazieren gehen können. Wir glauben an unsere Streitkräfte – unsere Dankbarkeit ist grenzenlos, so, wie deren Einsatz – so werden wir siegen.



 

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