Was ist Shinkiryu Aiki Budo.

Michael Daishiro Nakajima, 2003 in Méze–Südfrankreich anläßlich des Lehrganges mit Chiba Sensei.


Michael Daishiro Nakajima, 2003 in Méze–Südfrankreich

Im Verlauf jahrzehntelanger Praxis des Aikido und Daitoryu Aiki Jujutsu sowie durch das Studium der Kampfkünste in der japanischen Geschichte ist mir immer klarer geworden, dass das Prinzip des Aiki (die Begegnung des Ki: gemeint ist die Kampfkunstart, in der man erst dem Ki des Angreifers begegnet und es mit dem eigenen Ki weiterführt und beherrscht) eigentlich für alle japanischen Kampfkünste gilt, und nicht nur für Aikido und für Daitoryu Aiki Jujutsu. Dies betrifft auch die zentrale Kampfkunst in der japanischen Samurai-Tradition, die Schwertkunst. Im allgemeinen kann man sogar sagen, dass das Ki als Ur-Lebensenergie eine zentrale Rolle spielt in der fernöstlichen Lebensführung und in Folge dessen auch in der Kampfkunst verwendet wird.

Darüber hinaus kann man feststellen, dass - in der historischen Reihenfolge - sowohl Daitoryu als auch Aikido aus dem Bewegungsprinzip der Schwertführung entwickelt wurden. Sowohl der Daitoryu-Hauptvertreter in der Moderne Sokaku Takeda (1860-1943) als auch der Aikido-Gründer Morihei Ueshiba (1883-1969) haben die Schwertkunst hervorragend beherrscht.

Zusätzlich kommt die Tatsache, dass Daitoyu und Aikido sich sehr gut ergänzen. Beispielsweise betont Daitoryu den intensiv-dichten Ki-Zufluss am Anfang des gegnerischen Angriffs, während das Kennzeichen des Aikido in der fliessenden Ki-Führung im Ganzen der technischen Ausübung liegt, und der Höhepunkt des Ki-Zuflusses eher gegen das Ende der Technik zu sehen ist. Daitoryu ist günstiger, wenn man in die Enge getrieben wird, während Aikido mit seiner fliessenden Bewegung gegen Angriffe mit grossen Bewegungen in einem grösseren Raum geeigneter ist.

Aus diesen Gründen war es immer meine Idealvorstellung, diese drei Kampfkünste mit dem Aiki-Prinzip zu integrieren, wobei das Haupt-Gewicht auf Taijutsu (Körper- kunst, d.h. die Kampfkunst ohne Waffen) gelegt wird. Denn man findet – soweit ich weiss – kaum einen Lehrer, der sowohl Daitoryu als auch Aikido gleichbetont praktizieren, während die Kombination von einem der beiden mit der Schwertkunst oft zu sehen ist. Hier sehe ich die bis jetzt nicht geleistete Integration der Budoarten mit dem Aiki-Prinzip, nämlich »Aiki Budo«. Man hat manche Daitoryu-Richtungen auch Aiki Budo genannt. Hier wird dieser Begriff im allgemeineren Sinne verwendet.

Meine Intention ist also nicht eine weitere Zersplitterung der Aikidoschulen. Im Gegenteil, meine Absicht liegt darin, die bis jetzt oft rivalisierenden Grundrichtungen des Aiki-Budo, Daitoryu und Aikido zu integrieren und vereinen.
Wenn jemand ein solches Vorhaben zu verwirklichen beginnt, während andere das noch nicht tun, dann ist er natürlich zuerst auf sich allein gestellt. Vielleicht wird er sogar von manchen Vertretern beider Richtungen als »Ketzer« hingestellt und isoliert. Dazu fällt mir ein Spruch der 68-er Studentenbewegung ein:

»Nach der Solidarität suchend, die Isolation nicht fürchten«.

Ich bin überzeugt, dass unser neuer Weg viele Freunde/-innen beider Richtungen gewinnen wird, die offenen Herzens sind. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass das, was wir vertreten, gut wird. Und hierfür werde ich meine ganze Bemühung einsetzen.

Im Aiki Budo wird ernsthaft nach der Effektivität der Kampfkunst gefragt. Deswegen enthält unser Taijutsu auch Atemi ( Schläge, die aber leichter sind als die des Karate) und Würgetechniken. Aber unsere Zielrichtung liegt nicht darin, Atemi oder Würgetechniken neben Wurf- und Hebeltechniken gleichberechtigt zu verwenden. Vielmehr sollten wir die Wirkkraft des Atemi oder der Würgetechnik, ohne sie wirklich zu verwenden, in größere Ki-Energie zu verwandeln suchen.

Meines Erachtens können wir ohne das Streben nach Effektivität auch unseren Geist nicht ernsthaft schulen, vorausgesetzt, wir wollen das durch die Kampfkunst tun. Um den Geist zu schulen, müssen wir unsere Kampfkunst vervollkommnen. Letztere muss aber dem ersteren untergeordnet sein. Denn das Streben allein nach der Effektivität ohne Meditation als Mittel der geistigen Schulung führt leicht zu Härte und Verbissenheit. Das eigentliche Ziel der Kampfkunst ist nicht deren Verwendung im Ernstfall, auch wenn das durchaus geschehen kann, sondern die Schulung des Geistes, wie es auch die Shaolin-Mönche beabsichtigt haben.


Shinkiryu Aiki Budo
Unsere Stilrichtung heisst Shinkiryu (»Shinki« = Göttliche Ur-Lebensenergie; »ryu« = Strömung bzw. Stil). Genau so wie beim Aikido Shinki Rengo (www.shinkirengo.de) ist Shinki als Ursprung des Ki das oberste Ziel, nach dem wir uns streben. Während Morihei Ueshiba den göttlich-religiösen Aspekt des Ki sehr betonte, vermissen wir dieses Bewusstsein bei den heutigen Aiki-Budo-Vertretern weitgehend. M. E. ist Aiki Budo nur eine halbe Sache, wenn man nicht nach dem Ursprung des Ki bewusst fragt. Deswegen betonen wir die Meditation als Weg dieser Nach-Frage und -Folge. Shinki entspricht dem, was im Hinduismus als Shiva dargestellt wird, und im Christentum als Heiliger Geist. Es handelt sich nicht nur eine numinose kosmische Natur-Kraft, sondern um die Größe, die auch der Ursprung und Schöpfer des Person-Phänomens in unserer Welt ist. Das ist nicht einfach Person im Sinne einer menschlichen Person. Das ist aber auch nicht weniger als menschliche Person, sondern sozusagen Über-Person. Gerade darin liegt die Göttlichkeit des Shinki, dem wir nicht nur eine höhere Kraft sondern gerade die höchste, das Universum umfassende Liebe zuschreiben, wie Morihei Ueshiba getan hat.

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