Teil 2 - des Gespräches mit Rolf Zuberbühler – Zurich AJ 72DE – 4/2012

Aikido in der Schweiz vor 50 Jahren.


Rolf Zuberbühler während des Gespräches …

Welches Gefühl bewegt Dich, wenn du Aikido machst?

Wenn ich auf die Matte komme, dann gibt es in mir einen kleinen Ruck: das Zentrum ist in einer veränderten Gefühlsform parat. Dann kommt eine Freude auf bevorstehende Bewegungsabläufe. Die Energie, die zu mir kommt, oder die ich gebe - ein Austausch, dabei rede ich nicht vom Esoterischen, sondern vom Austausch, der gegenseitig fließt. Ja.


Wenn eine Technik nicht funktioniert, was bewegt Dich, was berührt Dich dann?

Ja, dann kann man schon ein wenig „Hm.....“ werden, aber dann versuche ich den Winkel zum Partner ein wenig zu verändern, meinen Schwerpunkt zu verschieben, um so den Partner leichter auf seine Zehen zu bringen, dass es dann trotzdem geht. Da habe ich schon einiges von Stéphane Benedetti verstanden, dass man eben nicht, „ab durch die Mitte“ erzwingt, sondern ganz subtil den Körper einsetzt. Das war bei Tamura oft ein Vabanquespiel. Wenn man mit dem Kopf arbeitete, dann hat er einen schnell auf den Boden der Realität gebracht. Wenn man wenigstens versuchte, den Kopf außen vor zu lassen, dann liess er einen durchgehen, was allerdings selten war… Das war oft unangenehm.
Bevor er krank wurde, waren wir auf einem Lehrgang in Dijon. Meine Frau trainierte mit einem jüngeren fortgeschrittenen Aikidopraktikanten, als Tamura zu ihnen kam. Tamura griff dann an, der Aikidoka „verhungerte“, meine Frau ging durch, mehrmals, Tamura ging zu Boden – wahrscheinlich weil eine Frau weniger Kraft hat und so vielleicht von Haus aus keine Kraft einsetzt … – das akzeptierte er.


Er sagte oft, den Partner nicht stören.

Ja, ohne Kraft einfach durchgehen, wie der Wind. Aber wenn er dann kam, mit seiner Persönlichkeit, dann gab es „keinen Wind“ mehr.
Welches Gefühl ist es denn für Dich, wenn Du jemanden machen lässt?

Wenn ich zeige, dann bin ich ein wenig Lehrmeister – das andere ist „machenlassen“. Liebe klingt nicht richtig, aber es führt in diese Richtung. Etwas dem anderen schenken, dass er etwas machen kann, schenken, dass er üben kann und mich damit nicht höher setzen und sagen, „so geht es“. Dann ist es noch mal ein Unterschied, ob ich Lehrer oder Teilnehmer bin. Wenn ich persönlich mitmache, dann korrigiere ich äußerst selten – als Lehrer aber schon. Ich habe auch schon oft erlebt, dass ich zuerst meinte, die Bewegung wäre falsch, ließ sie aber zu und siehe da, es war etwas enthalten, das sehr gut funktionierte, sich für mich sehr gut anfühlte – und schon hatte ich wieder was gelernt.


Gibt es für Dich eine Technik, die Du bevorzugst?

Im Laufe der Jahre haben sich alle Techniken immer mehr vereinheitlicht. Ob ich einen Iriminage, einen Shihonage oder Kotegaeshi mache, die Bewegungen treffen sich, die Schnittstellen summieren sich. Es trifft sich mit dem Eintreten ins Zentrum, es trifft sich mit meiner Art, das Gleichgewicht zu brechen, es trifft sich der Schwung, die Bewegung, die Verlängerung … Jede Technik ist eigentlich gar keine andere Technik. Es ist Eins – vom inneren Gefühl her ist es das Selbe.
Madeleine Zuberbühler: Je länger man es macht, umso mehr Ähnlichkeiten gibt es, die einzelnen Wichtigkeiten schwinden, die Details gehen ineinander über, sie wiederholen sich in jeder Bewegung.

Rolf: Das passiert mir oft, beim Juwaza – auf einmal weiß ich nicht mehr, was ich da mache. Egal was gefragt ist, es passiert dann etwas. Je nach Angriffswinkel, machst du das oder das … Aber das erfordert dann schon, dass die Bewegungen sich näher kommen, ein Ganzes sind. Es ist schwieriger zu erklären, als es ist.


Was war O Sensei wohl für ein Mensch?

„Ich weiß es nicht. Eine große Präsenz, so jedenfalls sagte es mir einmal Freddy. Er durfte im Training zuschauen, als dann O Sensei in das Dojo gekommen ist. Freddy sagte, es wäre ihm ein unvergessenes Erlebnis geblieben, wie dieser kleine Mensch das Dojo ausgefüllt hätte.
Leider habe ich es nicht erfahren.“


Er war kein großer Intellektueller, auch sehr nationalistisch geprägt – trotzdem suchte er eine Verbindung zu Geistern, was für uns Westler, sicherlich auch für esoterisch eingestellte Menschen nicht so einfach verständlich ist. Vielleicht ist schon meine Aussage, nationalistisch und Verbindung zu Geistern eine fehlerhafte Annahme. Japaner denken ja eher polytheistisch, im Gegensatz zu unserer monotheistischen Denkweise.

Das Nationalistische habe ich bisher nur bei einem Japaner, das aber dafür sehr extrem, gespürt – unangenehm, so ist es mir auch in Erinnerung geblieben. Zu seinen Lehrgängen gehe ich nicht mehr.
Wir sollten uns so langsam davon verabschieden, dass wir Japaner brauchen. Wir haben gute Aikidokas in Europa, das trifft für die Schweiz, wie auch für Frankreich zu. Wenn ich daran denke, als wir in Japan waren, da waren viele, die nicht einen Hauch besser als wir waren, obwohl sie schon höher graduiert waren. Außerdem, könnte ein Nachfolger von Tamura, unsere Erwartungen nie erfüllen.


Leider werden seit Jahren, vor allen von kleinen Gruppen, Japaner eingeladen, die dann „ihren Meister“ haben … Gut, es ist zu verstehen, wenn einem jemand, zum Beispiel unsympathisch ist, dass man dann versucht aus dieser Situation heraus zukommen … Dieser protegiert dann seinen Gastgeber …

Ja natürlich, wenn einer die Möglichkeit hat, Graduierungen zu erteilen, dann kommen die Leute, um diese zu bekommen.
Ich bekam irgendwann einmal mit, dass die Techniken „auseinander gelegt“ wurden, um sie besser zu erklären.

„Ja, für das Basisverständnis kann ich mir das schon vorstellen, damit man da nicht zu lange hängen bleibt. Vermutlich etwas Gutes, denn die Basis ist ja wichtig. Wie man z.B. die Füße hält, wie man die Hüfte hält, wie der gesamte Körper dasteht und gegenüber dem Uke positioniert wird. Das die Basis korrekt ist.“


Stört das nicht die Empfindung?

„Das ist sicherlich die Kunst des Lehrers, wie er das einbringt. Man kann es einerseits zeigen, wie es korrekt ist – Fuß-, Becken- und Körperhaltung. Die andere Seite ist das Empfinden vom Aikido. Das ist schon eine Kunst, die ein Lehrer beherrschen muss.“

Im Iwama-Stil, genauer bei Saito heißt es, bis zum 3. Dan wird statisch gearbeitet, dann kommt das freie Anwenden – kann man dann noch freies Arbeiten erlernen? Ich meine, nur mit Schwierigkeiten.

„Das war für mich die Schwierigkeit unter Sensei Ikeda gewesen, ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Ich persönlich kann mit diesem rein technischen Aikido nichts anfangen. Das war ein weiterer Stolperstein. Vielen, auch Freddy ging es ähnlich – bis er mir eines Tages sagte, „lass uns neu anfangen“ …

Rolf steht auf, seine Frau Madeleine muss Uke sein.

Rolf erklärt dazu: „Technik zeigen ist OK, vor allen für einen Anfänger. Das ist Basis, die erlernt werden muss – aber nicht zu lange. Gerade für uns Westler ist es wichtig, zu spüren. Die Technik kommt aus dem Bewegungsablauf, in diesen muss der Anfänger hineinwachsen.“


Wenn Du unterrichtet, hast Du da ein Schema?

„Wenn ich auf einem Stage war, dann versuche ich, das Neue zu vermitteln – so kann ich es auch für mich vertiefen. Abläufe ja, einen Aufbau ebenfalls – aber einen Lehrplan habe ich nicht. Oder, wenn wir Prüfungen hatten, und mir etwas nicht gefallen hat, dann kann es sein, dass ich vermehrt auf dieses hinarbeite. Oder ein Thema, das mich interessiert, das ich verfolgen möchte – dem versuche ich dann nachzugehen. Oder auch Dinge, die ich bei mir verändern, bei mir verbessern möchte. So habe ich, zum Beispiel seit dem Stage mit VDB [René van Droogenbroeck] im Sommer letzten Jahres, vermehrt mit Waffen gearbeitet, dies habe ich einige Jahre schleifen lassen. Diesen Mangel erkannte ich beim Stage mit VDB. Dann kommt es auch darauf an, wer mit auf der Matte ist, mal sind es viele Hakamas, mal weniger, mal gemischt …“


Was hat Dir bei dem Stage mit René gefallen?

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