Gespräch mit Günter Zorn über Japan, das Reisen, Aikido, Krimihelden und, und, und...

GünterZorn der Kriminalromanautor mit den Aikidotechniken…


Günter mit Frau Elke in ihrem Haus in Tokio.

Günter, die Leser des Aikidojournals kennen Dich als Krimiautor, der »Aikidoerfahrung« hat. Welches ist Dein Weg als Aikidoka?

Vor genau zehn Jahren, also 1991, zogen meine Frau und ich aus beruflichen Gründen nach Japan. Kurze Zeit später begannen Elke und ich mit dem Aikido im Hombu Dojo in Tokyo. Zum Budo bin ich überhaupt durch meine Frau gekommen, die bereits als siebzehnjährige den schwarzen Gürtel beim Judo verliehen bekommen hatte und fleissig und erfolgreich bei Wettkämpfen mitmischte. Als wir uns einige Jahre später während des Studiums kennenlernten, hatte ich ständig darunter zu leiden, bis ich mich zur Selbstverteidigung entschloss und auch mit Judo anfing. Wir haben dann einige Zeit später aufgehört, irgendwie hatte Judo für uns den Reiz verloren, zuviel »Gezerre und Schienbeintreten« statt schöner Techniken.

1985 flog ich das erste Mal nach Japan und hatte zu diesem Zeitpunkt nur von Aikido gehört, weil mein Judolehrer ab und zu am Ende der Stunde einige Techniken aus dem Aikido zeigte. Ich war interessiert und pilgerte zum Hombu Dojo in Tokyos Wakamatsu-cho. Es war ein Samstagnachmittag und ein merkwürdiger Sensei names Watanabe, der aussah wie ein Mönch, gab gerade eine Übungsstunde. Ich war natürlich standesgemäss beindruckt, als ich sah wie seine Schüler durch die Gegend purzelten und es schien mir als ob er sie dabei nicht mal richtig anfasste. Wer Watanabe Sensei kennt, weiss wovon ich rede.

1991 bin ich wieder zum Dojo und wieder ein Samstag und natürlich wieder Watanabe. Ich hatte also ein ganz bestimmtes Bild vor mir, als ich zum ersten Training ging. Es war Ichihashi Sensei, der leider vor wenigen Monaten verstorben ist, und wir haben in der ersten Stunde nur Fallen und Tenkan geübt – sehr ernüchternd. Ich bin aber fleissig weiter gegangen, manchmal bis zu sieben Tagen in der Woche, wenn es die Arbeit zuliess. Die Trainingszeiten im Dojo sind sehr praktisch. Endo Sensei, Tada Sensei, Ozawa Sensei, Miyamoto Sensei, Kanazawa Sensei, Sugawara Sensei, natürlich Ueshiba Kisshomaru, der damalige Doshu sein Sohn Moriteru und noch einige andere waren meine Lehrer. Beruf und vielleicht auch meine persönliche Einstellung haben dazu geführt, dass ich mich nie einem bestimmten Lehrer angeschlossen habe, das hat sicher Vor- und Nachteile.

Meine internationalen Reisen erlauben mir darüber hinaus, auch andere Dojos zu besuchen, Yamada-Sensei in New York oder Asai Sensei in Düsseldorf, Tissier Sensei in Paris und so weiter und so weiter. Nur bei Dir war ich noch nicht, aber das kommt auch noch. Als ich vor knapp vier Jahren meinen 2. Dan bekam, habe ich dann auch ein Essay geschrieben über Aikido und internationales Reisen, speziell über den Aspekt der vielen Freundschaften, die man dabei schliessen kann.


Wenn Du das schon freiwillig erzählst, dann bist du natürlich verpflichtet, das Essay den Lesern zu Gute kommen zu lassen! Nach Deinen Worten, muss ich von einer latenten Japanliebe, die wohl bei Deiner Frau und Dir vorherrscht ausgehen?

Aber so einfach kann man auch nicht in ein Land umziehen, das so anders ist wie Japan? Als ich damals von Deutschland nach Frankreich zog, war dies für mich schon ein grosser Schritt, sowohl in kultureller wie sozialer Hinsicht. Ich stelle mir vor, Japan bietet da noch grössere Änderungen an, bedingt noch eine grössere Anpassungsfähigkeit.

Ich glaube nicht, dass ich das Essay noch habe, es liegt höchstens beim Dojo vor, in Japanisch und ist sicher auch nicht so spannend. Das Wesentliche war, dass man beim Reisen als Aikido-ka nach meiner Erfahrung immer willkommen ist, sich oft verschiedenen Stilen anpassen muss und immer was Neues lernen kann.

Unsere Japanliebe ist nicht latent, sondern ausgeprägt. Es ist das Ergebnis vieler toller Erlebnisse und Beobachtungen und natürlich auch der Tatsache, dass wir fast vom ersten Tag an das Glück hatten, Japaner privat kennenzulernen und Freundschaften zu schliessen, die immer noch bestehen und enger geworden sind.

Nein, es ist nicht einfach in ein Land zu ziehen, das so verschieden ist von Deutschland, dem Westen überhaupt. Ich glaube, es ist uns relativ leichtgefallen, weil wir freiwillig kamen, neugierig und mit einer positiven Grundeinstellung, trotz der überwiegend negativen Presse, die Japan immer wieder in Deutschland erfährt.

Ein anderer Grund war, dass wir sofort die ersten japanischen Freunde hatten und von denen wiederum herzlich aufgenommen und sofort in ihren Kreisen eingeführt wurden. Meine Arbeit hatte mir sofort Spass gemacht und Elke fand Gefallen an japanischer Kultur und Landschaft und war so beschäftigt, dass sie vergass, wie ursprünglich geplant, zu arbeiten.

Natürlich haben wir kein Fettnäpfchen ausgelassen, was die kulturellen und sozialen Aspekte angeht, aber dem »hen na gaijin«, dem komischen Fremden, wird viel verziehen. Das wir mit der Zeit auch Japanisch lernten, hat die Sache ebenfalls viel leichter gemacht. Also ich denke, mit etwas gutem Willen kann man die Unterschiede überbrücken. Wir fühlen uns jedenfalls »sauwohl« in Japan.


Glaubst Du, dass das Aikido Deine/Eure Lebenseinstellung verändert hat?

Ja, unbedingt. Ich will nicht für meine Frau sprechen, aber in meinem Fall ist Aikido ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeit geworden. Ich bin von Natur aus eher aggressiv und ungeduldig. Eine der wichtigsten Aufgaben eines Ma-
nagers ist Personalbetreuung und -entwicklung. Aikido hat mir geholfen, Dinge entspannter anzugehen, aufmerksam zuzuhören und ich nutze oft Analogien aus dem Aikido für Konfliktvermeidung und -bewältigung. Dass heisst natürlich nicht, dass jetzt alles perfekt ist, aber Aikido hat viel zur Verbesserung beigetragen.

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