Gespräch mit Y. Yamada aus New York.

Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was Aikido ist. Es war schon ein wenig schwierig, denn ich war ja auch kein reguläres Mitglied, sondern »blutiger Anfänger«. Ich war damals 18 Jahre,


Yamada während des Gespräches, im Dojos von Bernau/Chiemsee.

Yamada Sensei, wann haben Sie angefangen, Aikido zu trainieren. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben aus dieser Zeit?

Ich denke, dass meine Situation ein wenig einmalig war, denn mein erster Trainingstag war auch gleichzeitig der erste Tag meines »ushideshi«-Lebens. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was Aikido ist. Es war schon ein wenig schwierig, denn ich war ja auch kein reguläres Mitglied, sondern »blutiger Anfänger«. Aber darauf wurde wenig Rücksicht genommen, sie haben »drauf gehalten«; keine Frage nach »Anfänger oder nicht«, ich war Opfer (lacht auf!). Ich hatte mich verpflichtet und insofern hatte ich keine andere Wahl. Nun, wie man sieht, ich habe es überlebt.

Ich war damals 18 Jahre, das ist jetzt 46 Jahre her, also im Jahr 1956.


Haben Sie vorher schon Kontakt zu anderen Budoarten gehabt?

Ein wenig Judo, aber nicht wirklich seriös, nicht intensiv.


Wo sind Sie eingetreten, ins Hombu-Dojo oder in Iwama?

In Tokyo, im Hombu-Dojo.


Also unter Kisshomaru Ueshiba?

Ja, sicher unter Kisshomaru.
Wieviele Jahre sind Sie in Tokyo geblieben?

Ich blieb bis 1964, dann ging ich nach Amerika. Wenn ich richtig rechne, dann waren das acht Jahre.


Was bewog Sie, nach Amerika zu gehen?

Der erste Grund war, dass ich damals schon englisch sprach, natürlich nicht so gut wie heute. Im übrigen unterrichtete ich auf japanischen Militärbasen und hatte so schon länger Kontakt zu Amerikanern. Und ausserdem musste es New York sein, auf dem »top to the world«, das war mir wichtig! (lacht)
1964 war auch eine Weltausstellung in New York und man bat mich, dort im japanischen Pavillon Aikido zu demonstrieren.


War der Weg zum eigenen Dojo in New York schwierig?

Es war sicherlich nicht einfach, aber in meiner Erinnerung bin ich mir auch sicher, dass diese Schwierigkeiten gut für mich waren. Denn wenn es zu einfach gewesen wäre, dann...

Die meisten meiner Schüler kamen damals aus dem Judo oder Karate, die waren nicht zimperlich, die wollten es wissen... aber ich musste alles neu aufbauen.


Hat das Ihre Entwicklung beeinflusst, erinnern Sie sich an die Entwicklung des Dojos?

Also die Schülerzahl war quantitativ überhaupt nicht so wie sie heute ist, weit weit entfernt davon. Was zur Folge hatte, dass es eine äusserst schwierige finanzielle Situation zu meistern gab. Das ist ein Geschäft, man braucht ein Dojo, das schon viel Geld kostet, man braucht eine Matte, die findet sich nicht einfach so... – schon gar nicht damals.

Um Aikido erst einmal bekannt zu machen, musste ich laufend Vorführungen abhalten, nur so konnte ich überhaupt Schüler gewinnen. Das waren die zwei schwierigsten Säulen. Die Vorführungen raubten viel Zeit... – Damals war Karate sehr bekannt und populär. Eigentlich war jedes Wochenende ein Karate- oder Judoturnier auf dem ich dann in den Pausen Aikido vorführen konnte. Das war ja angenehm, quasi eine Hilfe. So hatte ich natürlich auch das Glück, dass es für die Zuschauer mit der Zeit langweilig war, immer nur Karate zu sehen. Die Zuschauer fanden es geradezu erfrischend, in den Pausen eine Aikidovorführung mit schnellen Bewegungen zu sehen. Sie haben es geliebt!

Von einem Punkt her war es besonders schwierig, die amerikanische Mentalität zu än-dern. Denn sie waren sehr konkurrenzbezogen, also kampfbezogen. Andererseits war aber auch gerade dies der Grund des Siegeszuges des Aikidos, denn viele Menschen suchten etwas, das nicht wettkampfbezogen war. Also kein technisches Problem, sondern ein mentales. Die Entspannung im Aikido und die Haltung bewirkten, dass Aikido akzeptiert wurde.


Prinzipiell war aber doch in dieser Zeit das Aikido noch viel härter als das heutige Aikido?

Mmmhh, ja, doch das ist richtig. In den »alten Zeiten« war das Training intensiver, und als das Aikido dann populärer wurde, wurde es auch sanfter. Ich weiss nicht warum, aber...!? Es ist in Ordnung so... Auf einem Seminar wie z.B. hier in Bernau sollte man auch ein wenig Spass haben. Man darf nur nie vergessen, dass Aikido Budo ist. Ich wurde schon oft daran erinnert, dass es Budo ist, das kommt leider auch vor. Vor allem Aikido ist Budo.


Früher in den europäischen Aikido Anfangsjahren wurden Lehrgänge über mehrere Wochen an einem Stück durchgeführt.
Nakazono, Tamura, Noro und andere führten diese Seminare. Haben Sie in Amerika auch so etwas praktiziert?

Ja, ich tat das. Aber man muss den Unterschied zwischen Europa und Amerika sehen. In Europa war das Aikido mehr mit der Judoorganisation verknüpft gewesen, in Amerika dagegen ist das Aikido unabhängiger. Was zur Folge hatte, dass wir die grossen Sporthallen und die entsprechenden Mattenflächen, die für solche Seminare erforderlich sind, nicht mieten konnten.
Ich gab natürlich sehr viele Seminare, aber wir mussten versuchen, Hallen von z.B. einer christlichen Organisation wie »YMCA« zu mieten, was nicht immer einfach war. Ausserdem ist die Situation nicht vergleichbar. Ich war in Amerika immer alleine während z.B. in Europa Tamura, Nakazono, Tada, Noro etc. zusammen arbeiten konnten.


In Amerika gibt es ja heute auch viele hohe Aikido-Dane. Wie sehen sie den Unterschied der Präsentation zu den europäischen Aikido-Dane.

Ich sehe bei den Prüfungen von Meister Tamura grosse Unterschiede zwischen Aikikai und den nationalen Graduierungen, was nach meiner Meinung die Qualität erheblich beeinflusst.

In Amerika gibt es keine nationalen Dane. Sie werden alle von mir oder anderen Aikikai Shihans geprüft. Es ist schwierig, aber sie versuchen das Niveau hoch zu halten. Es ist wirklich schwierig, aber es wird versucht.


Man sieht, z.B. in Deutschland, dass oft »sho« Dane ein Dojo eröffnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das auch in Amerika ähnlich ist.

Ich kann es mir auch nicht gut vorstellen, aber sie können wenn sie wollen. Es gibt keine Reglementierung von staatlicher Seite. In Amerika ist alles möglich, aber die Qualität dürfte wohl nicht ausreichen. Meiner Meinung nach sollte jemand der als sho-dan ein Dojo eröffnet, umgehend sich bemühen eine guten Lehrer zu finden, um sich mit dessen Hilfe zu verbessern. Um so selbst ein guter Lehrer werden zu können. Ausserdem steigt die Qualität täglich, deshalb wird es immer schwieriger.

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