Interview mit Gerd Walter aus Berlin

U. K.: Aber Intuition kann auch ohne Denken stattfinden – deshalb fragte ich das …

… dann stellst du das Denken mit Sprache gleich – wie aber können wir ohne Denken sein? Wir können frei von Sprache sein, nicht aber frei von Reflexion. Zu Recht hat Denken einen so hohen Wert für uns. Denken ist Reflexion – Erkennen ist die Reflexion des Augenblicks. Dieses Gesamtkunstwerk geht verloren, wenn du nur noch durch die Sprache hindurch dich und die Welt erkennst. Du kannst die Sprache noch so geschickt benutzen – Leben wird darin nicht auftauchen.


»Erst denken dann sprechen« sagte mein Vater immer zu mir ……
 

…na gut, dann wäre das Denken wenigsten vor der Sprache gewesen.

Inspirierte dich »Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache« von Wittgenstein zu deinen Annahmen?

Wittgenstein spricht von der Verhexung des Geistes durch die Mittel der Sprache. Ihm ging es um eine Klärung der Sprache. Wir haben sprechen gelernt, aber nicht, was Sprache ist. Wittgenstein und auch die späteren Strukturalisten versprachen sich von dieser Klärung einen neuen Zugang zur Entfremdung. Derrida – Strukturalist und Sprachphilosoph – schreibt dazu: Wenn wir die Strukturen (und ihre Grenzen) klar verstehen, wissen wir: Jenseits davon lebt das Leben.

Nein, meine Annahmen waren davon nicht inspiriert. Ich habe mich in jungen Jahren allein mit Nietzsche auseinandergesetzt – dieses aber nur sehr selektiv, also nur insoweit, wie er den illusionären Gehalt der Sprache und des sprachlichen Denkens aufzeigte. Wittgenstein kam später, als ich versuchte mein Mich-Erfahren und das Verständnis davon in Einklang zu bringen mit dem Verstehen des Westens. Es wäre riskant, unsere hoch intelligente Auseinandersetzung mit Entfremdung und Selbstentfremdung aufzugeben, nur weil wir keine Praxis im Sinne des Do gefunden haben. Die alten Mystiker klebten in einer monotheistischen Religion, womit es schwer fällt, deren Wissen in Einklang zu bringen mit der Aufklärung. Echte Spiritualität ist stets global. Gelingt es nicht, den gesellschaftsspezifischen Ballast abzulegen, bleibt die Spiritualität provinziell, was man über den Shintoismus von Ōsensei klar konstatieren muss. Selbst im Zen steckt noch etwas zu viel Buddhism


Diesen Teil 3 des Interview mit Gerd Walter können Sie in Edition  92DE lesen


https://www.aikidojournal.eu/Deutsche_Ausgabe/2017/

© Copyright 1995-2026, Association Aïkido Journal Aïki-Dojo, Association loi 1901