
… hattest du einen Vater ge…
…doch, doch, der war da, als er aus der Kriegsgefangenschaft kam. Irgendetwas, hmm … – ich habe mich auch für die Philosophie interessiert, ich wollte verstehen.
AJ: … was hast du studiert?
Ich habe Kunst, visuelle Kommunikation studiert. Danach arbeitete ich für zwei Jahre als Artdirektor in einer Agentur. Als ich bemerkte, dass ich mich von meiner Sinnsuche entfernte, schmiss ich den Job, ging nach Paris und lebte als Uchi Deshi im Dojo Noro Senseis.
Es ist schwer zu beschreiben, weil meine Suche sich ja nicht wie eine Ja/Nein Entscheidung erklärte. Ich war auf der Suche nach mir selbst, ich wollte verstehen, mich verstehen und hatte unglaubliches Glück mit der Aufrichtigkeit und dem Entgegenkommen meiner Lehrer. Asai Sensei wusste, dass er ein Anfänger war, nicht im Aikido, wohl aber in dem, worum es letztlich im Aikido geht. Ich empfand, dass alle meine Lehrer Aikido als Ausdruck eines geistigen Geschehens verstanden, das einer absoluten Klärung bedurfte. In diesem Sinne verstand ich es, dass alle davon sprachen, noch nicht am Ende des Weges angekommen zu sein. Das galt selbst für Meister Tada, dessen unglaubliche Konzentration und Klarheit mich tief beeindruckt hatten. Diese Lehrer betrieben untereinander eine differenzierte Auseinandersetzung über den geistig-mentalen Aspekt – nicht des Aikido – unseres Seins, »sie waren Suchende«.
Einmal erzählte mir Asai Sensei, dass Tada ihm gesagt hatte, dass er alles kenne, allein das Satori-Erlebnis würde noch fehlen. Sie alle wollten mehr als Sport, und hier lag ihr Lehren im Argen. Es reicht nicht aus, allein auf die geistigen Aspekte hinzuweisen. Die Bewegungsabläufe des Aikido sind großartig geeignet natürliche Bewegung in ihnen zu finden, die Meisterung, das heißt das Verstehen, des geistigen Geschehens aber stellt eine wesentlich umfassendere Herausforderung dar. Es gab immer schon mehr oder minder Bewegungsbegabte, die Herausforderung des Bewussten Seins aber ist allumfassend, dein Geist muss dafür nicht nur unser körperliches Sein, sondern darüber hinaus das ganze Universum in sich aufnehmen, und jene Energie, die wir als geistig verstehen, muss in der Lage sein, vollkommen still in sich selbst zu ruhen.
Als ich zu Noro ging, erklärte ich das Asai Sensei mit den Worten: »Der Geist von Meister Tada und die Bewegung von Meister Noro« – und er antwortete mir, »so denke ich auch«. Auch wenn er darüber nicht viel sprach, so schaute er doch in dieselbe Richtung und hatte auch die Wahrnehmung dafür.
Wie war der Einfluss von Noro auf dich?
Es fällt mir nicht leicht, über meiner Lehrer zu sprechen, wie sollen meine Worte und Erinnerungen ihnen gerecht werden. Eigentlich kann ich nur über mich sprechen, denn ich bin kein objektiver Spiegel. Andererseits glaube ich sie besser zu kennen, als die meisten anderen europäischen Lehrer. Natürlich habe ich – wie alle anderen auch – das Aikido meiner Lehrer gesehen, aber ich sah darin von Anfang an ihr Herz und ihren Geist. Selbstverteidigung oder Sport waren nie mein Thema.
Wie war sein Einfluss auf mich? Ich hatte stets alles gegeben und nichts zurückgehalten, mit unglaublich positiven Resultaten – wenn Tada auf einem Sommerlehrgang in Rom über mich gesagt hatte, »das ist richtiges Aikido« … und ein paar Wochen später steht er plötzlich in meinem sechzig Quadratmeter-Dojo in Hamburg, wobei Asai Sensei gesagt hatte, „Der kommt nie, selbst mir gelingt es kaum, ihn nach Deutschland zu holen“. Bei Noro Sensei aber kam eine absolut neue Dimension hinzu. Bei Tada- und Asai Sensei ging es um absolute Selbstvergessenheit, dem vollkommenen Aufgehen im intensivsten Tun, Noro aber gab uns so viel Raum, er schuf eine Atmosphäre, nicht der Selbstvergessenheit, sondern des Auftauchens. Die Herausforderung bestand für mich nicht mehr im Aikido, das war pures Vergnügen, sondern im Auftauchen. Ich veränderte mich und hörte auf im Aikido aufzugehen, ich holte es zu mir. Ich nahm den Kopf hoch und tat, was ich tat, und Noro sah mich darin: Jetzt ist dein Stehen richtig, kommentierte er was er sah. Drei Korrekturen in all den Jahren: Einmal rief er: Hara! und einmal, die Arme schwerer!
Von sich selbst hatte er einmal gesagt, »dass er sicherlich ein großer Meister wäre, wenn er nicht ein so starkes Ego hätte«. Ich hoffe, er hat Harada Roshis Rat an uns Mönche realisiert. Ihr wollt euer Ego loswerden? Das ist vollkommen falsch, euer Ego ist viel zu klein, ihr müsst es ausdehnen auf das ganze Universum. Wenn euer Ego das ganze Universum umfasst, dann ist es richtig.
Noro Sensei war ein großer Meister, trotz seiner damals noch nicht ganz geklärten Selbstliebe. Ein wenig zu exaltiert, ein wenig übertrieben, ich höre sein: »Madame, Monsieur s’il vous plaît …« ein großer Selbstdarsteller mit einer starken Persönlichkeit.
Von Anfang an war ich immer lernend, hatte aber immer meinen Blick – ich habe mich nie aufgelöst. Ich bin voll hineingegangen, aber ich war immer ich. Irgendwann spürte ich, dass Noro nicht in die Richtung zeigte, die für mich stimmig ist. Er sprach laufend über großartige Dinge, immer extraordinär – über Liebe und Harmonie und das Eins sein mit dem Universum. Mir aber ging es zunehmend einfach nur darum, da zu sein, wo ich war.
… ich erinnere mich an die Worte von Tamura in einem meiner Gespräche mit ihm: »Er (Noro) holte mich nach Paris, um zusammen in seinem Dojo zu arbeiten – aber er hatte gar kein Dojo. So fuhr ich ein wenig enttäuscht in den Süden zurück. So war er nun mal«.
… Über Großes soll man groß sprechen oder schweigen, groß heißt, voller Ironie und Unschuld – Friedrich Nietzsche. Ich hoffe, dass er in der Angelegenheit der Unschuld weitergekommen ist. Immerhin habe ich ihn vor fünfundzwanzig Jahren zuletzt gesehen. In dem Buch seines Schülers, das er sicher stark korrigiert hat, spricht er leider immer noch davon sein Kinomichi weiterentwickeln zu müssen. Die verbreitete Vorstellung, dass die Entwicklung endlos sei, ist falsch. Richtiges Stehen spricht nicht von Verbesserung, sondern vom dort sein, wo man ist. Die Illusion der Annäherung an den Augenblick ist ein Produkt des Verstandes. Ich hörte von einem bekannten Zen Meister, der in Tokio unerkannt die Metro nutzte, offensichtlich war er angekommen.
Es sind ja nicht allein die großen, sondern ebenso die vielen kleinen Geschichten, die unsere Erinnerungen formen. Einmal kam ich in das Dojo von Asai Sensei, da saß er müde und zusammengesackt in einer Ecke, es bewegten sich nur wenige Leute auf der Matte. In dem Augenblick, in dem er mich sah, straffte er sich, richtete und setzte sich auf, saß da wie ein Meister und feuerte die Übenden an. Ähnliches erfuhr ich auch bei Noro – man kann die Rolle des Meisters nicht permanent aufrechterhalten. Ich bin froh, dass ich kein Meister bin, sondern ein ganz gewöhnlicher Mensch, stillen Geistes, jenseits von Geist und Körper.
Es waren wirklich meine Lehrer, aber diese »Meister-Inszenierung«, das ist nicht meine Sache. Ich sehe kaum jemanden, der sich auf der Matte und im Alltag natürlich bewegt, bin ich deshalb großartig? Nein, das Stück Leben, das ich bin, ist großartig. Ich behindere lediglich den Organismus nicht mehr, sich so zu organisieren, wie dessen Natur es vorsieht. Damit bin ich kein Experte. Noro Sensei wendet sich in seinen Interviews ab von dem Begriff des Meisters und versteht sich als Künstler. Das Verständnis vom Aikido als eine Bewegungskunst gefällt mir durchaus, doch verstellt dieses den Blick auf die Tatsache des Einfachen, das es zu realisieren gilt. Das ganze Extraordinäre ist ein Hindernis.
Lesen Sie das gesamte Interview mit Gerd Walter in den drei Editionen 90, 91 und 92DE …