Interview mit Philippe Voarino aus Juans le Pins.

Philippe ist Schüler von M. Saito.

Philippe Voarino mit M. Saito Sensei vor dem Dojo in Iwanan.
Philippe Voarino mit M. Saito Sensei vor dem Dojo in Iwanan.

Philippe Voarino, es ist lange her, dass Sie sich in unserer Zeitschrift geäussert haben. Könnten Sie uns in Kürze noch einmal Ihren Werdegang in Erinnerung rufen?

Ich habe 1977, im Alter von 20 Jahren, mit Aikido begonnen. Bis 1985 war mein Meister Nobuyoshi Tamura, der mir meinen ersten und zweiten Dan verliehen hat. 1985 hörte ich auf, dem Unterricht von Meister Tamura zu folgen, nachdem ich Meister Saito getroffen hatte.

Zwischen 1986 und 1993 lebte ich mehrere Jahre in Japan im Dojo von O-sensei Morihei Ueshiba in Iwama, Präfektur Ibaraki, als Uchideshi von Meister Saito. Ich bekam von Meister Saito meinen dritten, vierten und fünften Dan und vor allem die fünf traditionellen Mokurokus, die die Kenntnisse in den Waffentechniken des Aikido – Aiki-ken und Aiki-jo – bestätigen und zum Unterricht diesbezüglich berechtigen.

Ich unterrichte seit 1986 in zahlreichen Ländern Aikido und leite seit 1996 ein internationales Aikidozentrum in Brüssel. Daneben bin ich Mitglied des Leitungsgremiums eines internationalen Aikidoverbands namens Takemusu Aiki Intercontinental (T.A.I.).


Könnten Sie uns diesen Verband vorstellen?

T.A.I. entstand 1992 aus der engen Zusammenarbeit zwischen mehreren Uchi Deshis von Meister Saito und einigen Vorreitern des europäischen Aikidos, die seit 1950 Schüler der Meister Tadashi Abe und Matsuharo Nakazono sind.


T.A.I. ist also nicht lediglich aus der Iwama Gruppe hervorgegangen.

Nicht wirklich. Die Denkweise und die Auswahl im Herzen des Verbands kommen natürlich aus einer generellen gemeinsamen Richtung der Uchi Deshis von Iwama. Gleichwohl nehmen viele Persönlichkeiten daran teil, die einen aktiven Part bei der Entstehung und Entwicklung des europäischen Aikidos gespielt haben. T.A.I. ist kein Dachverband im herkömmlichen Sinn. Er ist kein Zusammenschluss von nationalen Vereinen oder Verbänden, sondern von Individuen auf internationaler Ebene, von einzelnen Personen, die daneben ihrem nationalen Verband angehören können. Wir wollten keinen Verband gründen, der mit anderen gegenwärtigen oder zukünftigen Aikido-Verbänden konkurriert oder gegen sie arbeitet. T.A.I. arbeitet im Gegenteil mit den nationalen Verbänden ständig zusammen.


Warum haben Sie das Wort Takemusu ausgesucht, das im allgemeinen mit der Schule von Meister Saito in Verbindung gebracht wird?

Meister Saito unterrichtet selbstverständlich Takemusu Aikido, aber Takemusu darf man nicht auf eine Marke oder einen Aikidostil einschränken. Takemusu ist das Ergebnis einer Offenbarung durch die Vereinigung von Ying und Yang. O-Sensei selber hat geschrieben: »Takemusu wa mioya no iki ni aiki shite.« Takemusu ist, Feuer und Wasser der Schöpfung in Harmonie zu bringen. Im Aikido ist Yang, das Feuer, Irimi und Ying, das Wasser, Tenkan. Durch dieses Bringen von Irimi und Tenkan in Harmonie schafft der Aikidoka eine richtige Form, ganz eins mit dem Vorgang der universellen Schöpfung.

Nur unter dieser einzigen Voraussetzung kann er zusammen mit O-Sensei sagen: »Ich bin das Universum.« Takemusu ist das Prinzip im Herzen des Aikido. Und es kann kein Aikido ohne Takemusu geben. Das muss man unbedingt verstehen.


Glauben Sie, dass das heutzutage der
Fall ist?

Nein. Ihre Frage veranlasst mich, kurz die Gründe darzulegen, die zur Schaffung von T.A.I. geführt haben. Einige von uns glauben, dass das Aikido des Gründers Morihei Ueshiba eine Kunst ist , die nicht viel mit dem zu tun hat, was heute in der Mehrzahl der Dojos unter dem Namen Aikido praktiziert wird.


Wie würden Sie die jetzige Praxis be-
zeichnen?

Budosport. Budosport wurde von Kisshomaru Ueshiba eingeführt. Der Sohn von O-Sensei war in der Tat der Ansicht, dass die Kunst seines Vaters für die gewöhnlichen Sterblichen zu schwierig sei. Er hat deshalb absichtlich das Aikido des Gründers modifiziert, indem er die technischen Formen geändert hat und nicht gezögert hat, die ganz wesentlichen Bausteine des Aikidos, das Aiki-ken und das Aiki-jo, wegzulassen. Als ich das vor einigen Jahren erklärt habe, beschuldigte man mich der Polemik. Heute sage nicht ich dies, sondern man kann es schwarz auf weiss in der Ausgabe vom Januar 1999 des offiziellen Organs des Hombu Dojos, Aikido Shinbun, aus der Feder des Vorstands des Aikikai, Moriteru Ueshiba, nachlesen Um die Kette der Ereignisse nachvollziehen zu können, die dazu führte, dass der Budosport das Aikido ersetzen konnte, muss man wissen, dass Kisshomaru Ueshiba von 1948 bis 1999 der alleinige allmächtige technische Leiter des Aikikai war. Er war also der massgebliche Lehrer für eine ganze Generation, die Aikido nach dem Krieg im Aikikai in Tokio entdeckte. Als seine Schüler in den Jahren 1960 bis 1970 begannen, ins Ausland zu gehen, unterrichteten sie natürlich im guten Glauben das von ihrem Meister modifizierte Aikido überall auf der Welt. Das Ergebnis der vor einem halben Jahrhundert von Kisshomaru eingegangenen Politik der Vereinfachung ist in der Tat die Verarmung des Aikidos von O Sensei und seine Umwandlung in Budosport. Übrigens bin ich nicht der Urheber dieses Ausdrucks, sondern Meister Arikawa. Ihm gebührt der Dank dafür, eine Bezeichnung für das gefunden zu haben, was man nicht mehr Aikido nennen kann. Budosport ist irgendwie Aikido ohne Takemusu. Aikido darf nicht mit einem Sport verwechselt werden.

Die Gründung von T.A.I. ist die Reaktion auf diesen Umwandlungsprozess der Kunst von Morihei Ueshiba. Das Ziel des Verbandes ist es, überall auf der Welt, soweit es irgendwie möglich ist, das wahre Erbe des Gründers des Aikido zu bewahren.


Sie sind nicht der Ansicht, dass sich das Aikido entwickeln muss, um sich der modernen Zeit anzupassen?

Ich kenne diese Argumentation gut und amüsiere mich immer wieder darüber. Entwicklung ist seit Charles Darwin en vogue. Ich darf nur daran erinnern, dass der Naturalwissenschaftler die Veränderung der Arten über die Zeiten hin gezeigt hat, aber niemals die Evolution des grundlegenden wesentlichen Prinzips ins Auge gefasst hat, das diese Evolution in Gang hält und sie ermöglicht. Es ist nämlich gerade die perfekte Stabilität dieses Prinzips, von der die unendliche Vielfalt aller Veränderungen abhängt. Wer auch immer wirklich versteht, was Aiki bedeutet, für den macht es keinen Sinn, von der Entwicklung von Aikido zu reden. Das ist, als würde man sagen, der Mittelpunkt des Kreises müsste sich entwickeln, um auf der Höhe der Zeit zu sein.

Aiki ist ein Prinzip, keine Mode. Eine Bewegung ist dann richtig, wenn sie das Prinzip der universellen Bewegung berücksichtigt, sonst ist sie falsch. Den Ursprung der Evolutionstheorie des Aikido zu finden, ist nicht sehr schwierig. Kisshomaru und Moriteru Ueshiba haben vor einigen Jahren erklärt und sogar geschrieben, dass das Aikido des Gründers noch bruchstückhaft gewesen sei und dass der Aikikai es verbessert habe, indem er es weiterentwickelt habe. Dieser Standpunkt ist natürlich nur ein Versuch der nachträglichen Rechtfertigung der selbst zu Lebzeiten von O-Sensei und gegen seinen Willen verfolgten Politik der Transformation des Aikido. Es überrascht nicht wirklich, dass heute alle vom Aikikai ausgebildeten Lehrer ihre Gedanken diesem Standpunkt anpassen.


Unseres Wissens nach hatte Meister Saito früher einige Meinungsverschiedenheiten mit dem Aikikai. Hat er die Gründung von T.A.I. angeregt?

Meister Saito hat sein O-Sensei gegebenes Wort gehalten. Er hat Kisshomaru Ueshiba und den Aikikai getreulich unterstützt. Er hat nie eine internationale Organisation der Uchi Deshis gewünscht.


Gleichwohl wird er regelmässig nach Europa und in die Vereinigten Staaten eingeladen.

Das ist richtig, aber diese Einladungen erfolgen immer von einem Dojo oder einem Schüler. Genauso war ich persönlich für die Frankreich Reise von Meister Saito 1989 verantwortlich. Sie sollten sich daran erinnern, weil ihr Magazin darüber berichtet hatte.

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