Im Zwiegespräch Philippe mit Philippe.

Philippe mit Saito Sensei.
Philippe mit Saito Sensei.

Können Sie uns eine Zusammenfassung Ihrer Erfahrungen mit Aikido machen, aus der Zeit,
bevor Sie selbst Lehrer geworden sind?

Ich habe 1977 mit Aikido im Judo Club von Nizza angefangen. Dort bin ich Pierre Chassang begegnet, der von Zeit zu Zeit durch seine technische Erfahrung unseren Lehrer Herr Bogaert unterstützte. Ich bin Pierre zum Aiki Club in Cannes gefolgt und habe zeitgleich damit begonnen, regelmässig die Lehrgänge von Nobuyoshi Tamura zu besuchen. Er gab mir den 1. und 2. Dan.

Im Februar 1986 habe ich Frankreich verlassen, um nach Japan zu gehen. Ich wurde als Uchi Deshi von Morihiro Saito in Iwama angenommen. Ich habe einen Grossteil der folgenden sieben Jahre im legendären Dojo von O Sensei verbracht. Von Morihiro Saito die 3., 4., 5., und 6. Dane erhalten sowie die fünf traditionellen Mokurokus, welche die authentischen japanischen Urkunden für den Unterricht sind. Sie beglaubigen die Kenntnisse des Aiki-ken und des Aiki-jo und erlauben es, diese zu unterrichten.
Welche Gründe haben Sie dazu gebracht, Aikido zu praktizieren?

Ich habe viele lange Jahre gebraucht, um die wirklichen Gründe zu erfahren, die mich zu einer Ausübung des Aikidos gebracht haben. Eines Tages macht sich der Pilger auf den Weg nach Compostela, aber er weiss nur, warum er losgegangen ist, wenn er einmal in Santiago angekommen ist.

Wenn man beginnt, ist man zwangsweise unwissend. In der Geduld des Lernen findet man allmählich die Gründe und die Ziele. Die ersten Motivationen sind meistens oberflächlich und verschwinden, wenn die wahren Gründe zum Vorschein kommen. Lassen Sie mich folgendes ausdrücken: O Sensei hat uns ein Werkzeug geschenkt, das dem Menschen erlaubt, das Universum zu verstehen, nicht nur auf intellektuelle und spekulative, sondern auch auf operative Weise, wo der Körper zugleich wie der Geist in Anspruch genommen wird. Dies ist das Fundamentale. Das Aikido rehabilitiert den Körper als wichtigen Träger des Wissens. Wir entdecken hier eine versteckte Konstante unserer eigenen Kultur. Jesus sagte: »Wenn das Fleisch aus dem Geiste kam, dann ist es ein Wunder; aber wenn der Geist aus dem Fleisch kam, so ist es ein Wunder von Wundern«.


Erzählen Sie uns von den Gründen, die Sie dazu bewegt haben Aikido zu unterrichten.

Ich unterrichte regelmässig seit 1986. Die beste Antwort auf Ihre Frage ist die folgende Geschichte.
Saito Sensei wünscht, dass seine Schüler während der Ausbildung unbedingt das »Kotai«-Prinzip respektieren. Kotai ist eine langsame, präzise, starke und relativ statische Arbeit, die noch kein Aikido ist, jedoch unumgehbar für das Erlernen der Aikido-Basen.

Eines Tages in Iwama haben mehrere Schüler diese Regel beim Training nicht beachtet. Meister Saito wurde wütend und machte folgende Bemerkung: »Sie sind nicht hier, um sich zu amüsieren. Sie sind hier, um zu erlernen wie man ein qualifizierter Ausbilder wird. Wenn dies nicht Ihr Ziel ist, so verlassen Sie dieses Dojo auf der Stelle. Ich unterrichte nicht zu Ihrem Spass, sondern um Ihnen zu ermöglichen, Ihrerseits selbst das Aikido von O Sensei eines Tages weitergeben zu können.«
Die Nachricht ist klar. Aikido ist keine Unterhaltung. Es ist eine Erziehungsmethode. Aber diese Methode kann verloren gehen, wenn sie nicht mit Genauigkeit weitergegeben wird.

Die Umstände haben es mir erlaubt, das Aikido an der reinsten Quelle zu erlernen, die es auch heute noch gibt: im Dojo in Iwama wo
O Sensei 28 Jahre lang gelebt hat und mit Marihito Saito, der dort bei ihm lebte, ganze 25 Jahre lang. Ich reise viel, im Orient und im Okzident. Doch die Ausübung des Aikidos in den Ländern, die ich besuche, respektiert nicht die Basen, die mir in Iwama als fundamental vermittelt wurden und, die es mir erlaubt haben, den sehr grossen Wert dieser Kunst zu verstehen.

Diese Feststellung hat mich nicht unberührt gelassen und ich habe versucht die Elemente weiterzugeben, die man mir selbst gegeben hatte eher als sie für mich alleine zu behalten.
Welche Eindrücke haben Sie von den verschiedenen Meistern bekommen, denen Sie begegnet sind?

Meister ist ein Wort, das ich teilweise auch benutze, weil es praktisch ist, aber dieses Wort ist gefährlich, es kann uns auf falsche Wege führen. Niemand hat alles erreicht. Das Meiste ist immer für Morgen. Ein Journalist fragte O Sensei, der gerade 80 Jahre alt geworden war, was er sich am Ende seines so sehr gefüllten Lebens erwünschte. Er antwortete: »Noch weitere 80 Jahre leben, um meine Kunst zu verbessern«. Der Weg hat kein Ende, man kann ihn weiterhin und immer noch gehen.

Auf dem Weg des Aikidos gibt es Menschen, die vor uns laufen. Sie sind nicht unsere Meister, sie sind unsere Führer. Sie können uns helfen, aber sie können keinen Schritt für uns machen. Es ist der Mensch selbst, der einen Fuss vor den nächsten setzt.

Ich habe zwei Führer gehabt, Pierre Chassang und Morihiro Saito. Und ich habe den grossen Vorteil gehabt, dass diese zwei komplementär waren.

Morihiro Saito hat mir mühevoll die Rationalität im Aikido gezeigt und die logischen Gründe dank denen der Gründer die Bewegungen so zusammengestellt hat wie er es sonst nicht hätte machen können. Gründe sine qua non, die es erlauben zu grinsen wenn man wie heute hört, dass das Aikido von O Sensei sich »entwickeln« soll.

Pierre Chassang hat mir seinerseits geholfen die Zusammenhänge zwischen dem physischen Ausüben und der metaphysischen Dimension des Aikidos herzustellen.

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