Gabriel Valibouze

Wir entwickeln uns langsam, besonders was unsere Wahrnehmungen von uns selbst betrifft.

Gabriel mit uke Evelyne Loux
Gabriel mit uke Evelyne Loux

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Gabriel Valibouze: Da fällt mir der berühmte Satz von Diderot ein: »Man soll das Bewusstsein beleuchten und nicht zügeln«
Dieses Zitat ist für mich wesentlich. Es begründet mein Leben. Aber Aikido ohne Zauber oder ohne einer kleinen Prise Geheimnis kann schnell traurig werden.

Insofern ich fünf Jahre im Aikikai in Tokyo praktiziert habe, und weit über ein Jahr im Aikikai in Berkeley und San Diego, habe ich feststellen können, dass es zwei unterschiedliche Einstellungen gibt, für die Betreuung eines Dojos.
Die eine versucht so viel Praktikanten wie möglich anzusprechen mit einer reichen Vielfalt an Unterrichtsrichtungen. Die andere arbeitet eher in kleineren Strukturen, um sich spezifisch kleinen Gruppen zu widmen, was natürlich einen einzigartigen Stil hervorruft. Das habe ich eben bei Shibata Sensei und Chiba Sensei gesehen. Man kann sich natürlich in beiden Richtlinien entfalten.

Tamura Sensei hat einmal vor ungefähr 40 Jahren, gesagt: »Wenn man wirklich Aikido verstehen will, muss man mit jedem einzelnen Schüler von Morihei Ueshiba Osensei praktizieren.« Das ist im Hombu Dojo machbar, aber man muss bedenken, dass nicht alle Schüler noch dort sind. Deshalb ist es besser, seine Praktik in einem Dojo mit einem einzigen Sensei zu vervollständigen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die beiden Richtlinien eng verknüpft sind und nicht voneinander zu trennen sind. Die eine funktioniert nicht ohne die andere. Die zwei Einstellungen haben ihre Vor- und Nachteile. Man findet heute mehr und mehr sehr unterschiedliche Aikidoschulen, was ein wahrer Reichtum darstellt und auch eine Reife dieser Kunst. Aikido ist eine universelle Sprache mit zahlreichen Dialekten geworden.
Eine farbenreiche Heide erfreut unsere Augen. Wenn es nur eine einzige Blumenart in dieser Heide gäbe, hätte diese nicht dieselbe positive Wirkung. Farben stimmen uns fröhlich, sie berühren uns. Was die Schönheit einer einzigen Blume nicht ausschließt, selbst wenn diese Pflanze meint, sie sei die schönste unter allen. (Gelächter)

Es ist Humbug, Aikido vereinheitlichen oder standardisieren zu wollen. Das ist auch einer der Gründe, warum Aikido nicht unter der Amtsvormundschaft des Sportsministerium sein, und viel eher eine Kunst bleiben sollte, die eine Ethik beobachtet, anstelle von Regeln abhängig zu sein, die dazu bestimmt sind, »zukünftige Olympiasieger« zu erzeugen.

Gerade das ist es, was die Großkonzerne heute tun, sie töten Vielfältigkeit und Kreativität, um aus uns eine riesen Schafherde zu gestalten, in der wir alle gleich sind, selbes Format, selbe Farbe, um uns besser scheren zu können. Das ist für mich der wesentliche Grund, der die große Wirtschaftskrise erzeugt hat.
Noch nie haben Wissenschaft und Technologie dieses Niveau erreicht. Die Quantenphysik öffnet neue unglaubliche Perspektiven für den Menschen. Ein japanischer Freund, ein Chemie-Wissenschaftler, der mit einem Nobelpreisträger gearbeitet hatte, sagte mir einmal: »Wir leben noch im Mittel-Alter im Verhältnis mit all dem, was wir wissen. Leider muss man auf die Mafiosos warten, wie sie sich den Markt teilen.«

Ich habe keine bessere Lösung gefunden, als der Versuch, es besser zu machen, als das was ich kritisiere. Aber vielleicht müsste man diese Erfahrung kollektiv anpacken. Bleiben wir positiv!

… aber ein Schaufenster, dass nur einen einzelnen Gegenstand präsentiert, kann viel stärker wirken, als ein typisch überfülltes Europäisches, in dem man den Wald vor lauter Bäume nicht mehr sieht …

Ja natürlich. Die Schönheit einer einzigartigen Form, die bis zu ihrer einfachsten Ausdruckskraft reduziert wurde, ist unglaublich, vorausgesetzt, dass sie zu keiner Standardform wird.
Ich kaufe öfter Blumen, ich kann es nicht lassen, ich liebe diese Schönheit der Vielfalt der Farben, der Formen usw. Jede Blume bringt mit ihrer Fülle ihren Beitrag zum Bild. Es braucht Zeit, bis das Ganze zauberhaft wird und jede Blume sich mit ihrer Einzigartigkeit in die Landschaft hineinschmelzt, ohne in ihr zu verschwinden. Manchmal offenbart sich diese Blütenpracht nur nach Jahren …

Heute verstehe ich diese Menschen besser, die einen Garten seit 50 Jahren hegen und darüber glücklich sind. Beim Aikido ist das genauso. Es ist die Vielfalt seiner Dialekte, die aus ihm eine besonders edle und reiche Kunst macht, wo jeder nicht nur seinen einzigartigen Platz finden kann, sondern auch seine eigene Farbe mitbringt.

Eine der Blumen des Aikido heißt Chiba Sensei, und ganz besonders mit dieser Blume war ich seelenverwandt. Auch gerade dank dieser Vielfältigkeit der Dialekte, gibt es Chiba Sensei.

Alles jedoch ist auch nicht unbedingt erstrebenswert. Die Natur hat allerdings ihre eigenen Regeln der Selektion. In der japanischen Kultur kommt es des Öfteren vor, dass man Leute promoviert für andere Gründe als ihre Leistung, das ist vielleicht das, was wir am wenigsten verstehen. Die Frage ist folgende: Was hat ein Grad für einen Wert? Was machen wir damit? Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, ihn abzuschaffen?

Aikido ist eine Kampfkunst, die die Kraft des Angriffes ausnutzt. Der Gründer Osensei bewegte sich immer zuerst – also kein Ausnutzen einer Angriffskraft …

Kennst du Watanabe Sensei?

… ich habe ihn letztes Jahr, im Alter von über 80 Jahren kennengelernt – Thomas Christaller hat mir ermöglicht ein Interview mit ihm in Bonn zu haben. Früher hörte ich Attribute wie: Brutal, Stärke, Draufgänger etc. Das Aikido, das ich sah, war sehr mit einen Esprit durchzogen … sicherlich nicht das Watanabe-Aikido, das Du kennst?

Ich kenne ihn nur so und nicht anders. Ich weiß, dass man von ihm behauptete, er habe eine solide Aikidotechnik. Aber als ich ihn kennenlernte, praktizierte er schon ein Aikido fast ohne physischen Kontakt.

Zu Beginn sagte ich mir, ich sei nicht nach Japan gekommen für solche Sachen. Aber da ich mich so viel wie möglich einüben wollte, hatte ich keine Wahl und ging auch in seinen Unterricht. Er unterrichtete damals vier Mal in der Woche. Ich muss gestehen, dass ich nicht unbedingt wirklich lernte, was er zeigte.

Trotz einer Form von Widerstand meinerseits, hat er mich als Uke genommen, aber ich hatte immer leiblichen Kontakt mit ihm. So geriet mein Widerstand allmählich ins Wanken und ich fand diese Arbeit eher interessant, was das Physische und Psychische betrifft. Er zeigte mir, dass man eine Beziehung haben kann, zwischen zwei Menschen von denen man glaubt, dass alles sie trennt, und das ist wesentlich im Aikido, oder? Ich war Uke von Wanatabe Sensei über mehrere Jahre.

Ich habe davon einen großen Gewinn sammeln können, der weitaus das Pragmatische oder Vernünftige übertrifft. Heute weiß ich diese Erfahrung gebührend zu schätzen und ziehe heute noch eine Lehre daraus. Sie hat mir einen Aspekt des Aikido geöffnet. Was ist ikkyo, nikyo? Zu was soll es wirklich nutzvoll sein? Ich praktiziere seit 40 Jahren und habe nie anderswo als im Rahmen eines Dojo, ikkyo weder nikyo gebraucht. Dabei war ich doch fünf Jahre lang Türsteher in Straßburg, und nie habe ich ikkyo oder nikyo, weder shihonage oder kotegaechi benützt.

Watanabe Sensei hat mich einen anderen Teil gelehrt, nicht nur im Aikido, auch in mir selbst und dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Auch wenn ich nie und nimmer einen kontaktlosen Aikido praktizieren werde … (vielleicht mit dem Alter, wer weiß?).
Ähnliches habe ich mit Chiba Sensei erlebt, aber natürlich in einem ganz anderen Ausmaß an Intensität. Chiba war eine Art unbesiegbarer Superman, der nie, soviel ich weiß, einen Kampf verloren hatte. Die Ausbildung, die er in seinem Dojo förderte, war ähnlich, vielleicht sogar überlegen, der Ausbildung für Legionäre oder der american marines. Es gab übrigens viele marines in seinem Unterricht. Aber er lud sie immer wieder ein, dieses Stadium zu überschreiten. Er sagte, Aikido habe seine Grenzen in diesem Falle.

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Chiba Sensei lud uns ein, uns unseren Ängsten direkt gegenüberzustellen, um sie besser zu bewältigen, indem er unser Potential an Selbstbeobachtung hervorrief. Deshalb hat er auch immer seine Schüler gezwungen, Schwertkampf und Zen zu üben.
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GV: Ich hatte das Privileg in Japan unter der Leitung berühmter Lehrer, wie den Sensei Yamaguchi, Tada, Saito, Ozawa, Arikawa und vieler anderer weniger Bekannten, zu praktizieren. Es gibt dermaßen viele Lehrer im Honbu Dojo, dermaßen verschiedene Vorgehensweisen, dass es einen verwirren kann. Was bei einem richtig ist, gilt als falsch bei einem anderen. 

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