Gebriel Valibouze

Ich komme aus dem Süden vom Elsass, aber ich bin in der Nähe von Lörrach auf die Welt gekommen.


Gabriel währen unseres Gespräches in Strasbourg - 29. September 2015

… man hat schon so viel über Chiba Sensei gesprochen, es wird mir also nicht einfach fallen über ihn zu berichten. Ohne urteilen zu wollen, ist es klar für mich, dass er sehr einschüchternd wirkt, man muss ihn vorsichtig «genießen» wollen. Aber um ihn völlig einschätzen zu können, muss man bereit sein, durch das Feuer zu springen, und dies ohne auch zu zögern. Ich empfand für ihn immer eine tiefe Zuneigung und gleichzeitig verspürte ich auch eine gewisse Befürchtung.
 
Ich kenne Chiba Sensei nun seit mehr als 25 Jahren, habe niemals mit ihm gelebt, so wie es Schüler aus Amerika und einige auch aus England, manchmal langfristig, sogar manchmal mehrere Jahre lang, zu tun pflegten. Aber mit ihm habe ich gelernt, meine eigenen Grenzen zu überschreiten. Das ist vielleicht auch der Grund, warum er immer noch eine derart starke Faszination auf mich ausübt.

Die Angst durch den Adrenalinschub, kann, wenn er einen nicht lähmt, ein unglaublicher Motor sein, der einen Sachen unternehmen lässt, die man ohne ihn, niemals glauben würde, dass man sie schafft. Natürlich kann es auch manchmal Entzugserscheinungen geben, so wie es bei harten Drogen der Fall ist, so schätze ich es jedenfalls.

Chiba Sensei faszinierte mich! Die Gefühle, die ich mit diesem Menschen empfunden habe, provozierten in mir eine widersprüchliche Anziehung zwischen Schöpfung und Zerstörung. Chiba Sensei war für mich wie eine dramatische Oper, wie die Neunte von Beethoven. Jedes Mal wenn ich ihm zuhöre, fasst es mich plötzlich unmittelbar und absolut vollkommen, wie in der Fülle eines Blitzschlags. Das ist etwas sehr Persönliches.
 Chiba Sensei hatte diese unzähmbare und besessene Schönheit eines wilden Tieres.


 


 


Die Dritte von Beethoven gefällt dir nicht?

Ich kann mich erinnern, dass ich die Neunte von Beethoven im Fernsehen gesehen hatte, als ich klein war. Ich war vielleicht zehn Jahre alt. Ich kann nicht beschreiben, was ich damals empfunden hatte, aber ich war sehr beeindruckt. Ich konnte nicht anders als sie bis zum Schluss anzuhören. Meine Mutter war Deutsche und ich weiß nicht, inwiefern ich von der deutschen Familie beeinflusst wurde, die ich in meiner Kindheit oft zu sehen bekam.
Erst seit einigen Jahren habe ich den Eindruck, dass die dramatische Musik, insbesondere die deutsche Musik, mit mir «spricht». Beethoven, Richard Strauss, Mahler und auch seit letzterem Wagner, ergreifen mich immer mehr, so sehr, dass sie in mir Gefühle auslösen, wie es elektrische Strom- oder Blitzschläge tun könnten; es berührt mich derart, dass ich mich wie gewaschen oder gereinigt fühle, mit einem nachhaltenden Eindruck von Ruhe oder Frieden. Mit einigen Jazz oder Bluesmusikern geht es mir auch so. 

Ich weiß nicht wie ich mir diese Chemie erklären soll, aber genau das ist es, was ich auch im Aikido, und ausschließlich mit Chiba Sensei, erlebe. Im Aikido mit Chiba Sensei habe ich dieses selbe Gefühl, sofort und andauernd «durchbohrt», vom Blitz erschlagen zu sein. Alles was ich sagen kann, ist, dass es für mich wichtig war, das alles so zu erleben, und ich schätze, dass ich begünstigt bin, diese Art Experimente zu machen.  Es gibt natürlich andere Wege, die das Gleiche erzeugen.

Chiba Sensei war schon früher in Frankreich anwesend gewesen, aber es gab damals keinen Auslöser. Erst später hat es einen Klick gegeben. Auf meinem Weg stand zuerst Japan, wo ich Shibata Sensei kennen lernte. Es ist ihm zu verdanken, dass ich mich später für die USA entschloss, wo ein «Treffen» mit Chiba Sensei, den ich seines Rufes wegen kannte, unvermeidbar war.

Erkläre das doch bitte näher… 

Ich habe ungefähr 5 Jahre im Aikikai Hombu Dojo in Tokyo trainiert. Zu dieser Zeit war ich noch ein begeisterter, noch etwas naiver Praktikant. Alles was zählte war, soviel wie möglich zu praktizieren, mit den verschiedensten Lehrern. Ich habe viel Herz und Energie in diese Kunst gegeben. Dort, im dritten Stock des Hombu Dojos, habe ich 4 Jahre lang in einer kleinen Gruppe von «Gaijin» praktiziert und die Waffen im Privatunterricht von Shibata Sensei gelernt. Aber ich wollte auch mit allen großen Meistern trainieren:  Kishomaru Doshu, Tada sensei, Osawa sensei père, Yamaguchi Sensei, Arikawa sensei etc. um nur die berühmtesten zu nennen. Mein Ziel war es, als Uke von allen Lehrern genommen zu sein …
Um dies zu erlangen, musste man schon eifrig an ihrem Unterricht teilnehmen. Das hat mich schon angespornt. Ich habe es geschafft, aber das war es eigentlich nicht, was für mich zählte, es war nur ein Motor, der mir verhalf viel zu praktizieren. Für mich ist es wichtig, wenn man sich in dieser Praktik engagiert, eine konsequente Zeit, wenn möglichst Jahre lang, bereit ist Quantität zu üben. Qualität kommt später …

Ich habe natürlich eine besondere Beziehung zu Shibata Sensei durch den Privatunterricht entwickelt, und auch weil sein Aikido etwas « männlicher » war, was mich allerdings an meine ersten Jahre in Straßburg erinnerte. Als Shibata sich, dem Vorschlag Chiba Senseis folgend, in Kalifornien niederließ, um dort die Leitung des Aikikai in Berkeley zu übernehmen, habe ich mich entschlossen, ihm zu folgen und wurde Uchi Deshi.
Das veränderte viel, weil die Quantität und die Intensität der Unterrichte drastisch zunahmen. Ich praktizierte zwischen 4 bis 6 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche.
Das war ja genau das ich immer machen wollte, mich ganz dieser Praktik widmen.
Ich kam in eine andere Dimension. Angst und nervliche Anspannung gehörten dem Alltäglichen, was zur Folge hat, dass man eine größere Wachsamkeit und Scharfsinn entwickelt.
Es war nötig entspannt zu bleiben, seine Urteilsfähigkeit zu behalten, trotz der beharrlichen Angst im Bauch, Tag und Nacht. Nie werde ich diese Zeit vergessen. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, dass die Angst unter Kontrolle gebracht werden kann. Ich möchte hier klar stellen, dass es nicht gilt, sie zu beseitigen, sondern sich mit ihr zu verbünden. Ohne es zu wissen, wurde diese Zeit eine Vorbereitung auf die Begegnung mit Chiba Sensei, Begegnung, die ich so sehr fürchtete.

Dieser Angstaufbau in mir, der sich allmählich angesammelt hatte, wurde widersprüchlicher Weise plötzlich auf einmal vernichtet, als ich ihn zum ersten Mal auf dem Tatami in der Uni von San Diego sah. In nur einem Augenblick wurde die Welt für mich zu Licht.

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