Satoshi Takeda AJ 69DE – 6. Dan – Interview aus April 1997

Das Ki geht verloren und das Leben verliert an Qualität

Satoshi Sensei, vielen Dank, dass Sie diesem Interview zugestimmt haben. Wie lange praktizieren Sie schon Aikido?

Das ist mein 27. Jahr.

Haben Sie auch andere Kampfkünste studiert?

Während meiner Highschool Zeit habe ich vier Jahre Kendo gelernt.

Ich weiß, dass Sie auch die Teezeremonie (Chado) sehr mögen.

Ja, ich habe Chado 24 Jahre ausgeübt und habe eine Meisterlizenz – eine Dan Graduierung.

Sind Sie der Meinung, dass die Teezeremonie gut für Ihr Aikido ist?

Ja, es fördert die Inspiration und erzeugt ein gutes Gefühl. Der Stil, den ich praktiziere, ist der für feierliche Gelegenheiten – es ist wichtig ohne Druck zu arbeiten. Die Stimmung muss sehr leicht sein und der Geist ganz bei der Sache. Unser Tee und unsere Utensilien sind von hoher Qualität. Die Gesamtatmosphäre ist wichtig: das Teehaus, Kalligraphie, Ikebana. Die Einrichtung spielt eine große Rolle, alles sollte miteinander harmonieren. Wenn ich in der nächsten Woche nach Japan komme, werde ich wieder eine Teezeremonie haben.

Sie waren schon oft in Australien. Wann kamen Sie zum ersten Mal hierher?

1989 war ich an der Gold Coast und in Summer Camp, Newcastle. Seitdem war ich 12 oder 13 mal in Australien und ich genieße es sehr. Sunshine Coast, Noosa und Melanie sind wunderschöne Gegenden. Melbourne und Sydney haben, ähnlich wie Yokohama, ein gutes, aufregendes Flair.

Haben Sie all die Jahre mit Meister Yoshinobu Takeda trainiert?

Ja, ich habe zwar auch bei Yamaguchi Sensei trainiert, aber überwiegend bei Takeda Sensei.

Sie haben uns an diesem Wochenende wichtige Aikidoaspekte gelehrt. Könnten Sie über einige davon erzählen?

Bevor es Aikido gab, bedeutete das Studium von japanischen Kampfkünsten Kenjitsu, Kyujitsu oder Jujitsu. Eine direkte Übersetzung von Jujitsu wäre weich, aber gleichzeitig beinhaltet es auch Kraft: das Ausführen freier Bewegungen.
Aikido ist im wesentlichen Jujitsu, aber stärker philosophisch und spirituell angelegt, weil O’Sensei Shinto studierte. Das unterscheidet es von anderen Kampfkünsten: Ein hoher Grad an geistiger und seelischer Verbindung. Die anderen Kampfkünste konzentrieren sich auf Tötungs- und Kampftechniken. O’Sensei wollte das ändern und eine Harmonie mit dem Universum anstreben; eine sehr wichtige Philosophie.

Und eine schwer zu verstehende...

Für mich auch!

Für Aikidoschüler ist diese Philosophie wie durch einen Nebel laufen – es ist schwierig zu erkennen, was es bedeuten soll.

Ja, man muss innerlich wachsen und die Inspiration wird kommen. Jeder hat die Fähigkeit diese Inspiration zu erlangen. Aber man braucht einen klaren Geist! Die Kampfkünste nur zu spielen und im Geiste an Geschäfte zu denken, wird bei der eigenen Entwicklung nicht förderlich sein – so erlangt man keine Inspiration.

Für australische Schüler ist es sehr schwierig O’Senseis Philosophie zu verstehen. Wir können darüber nur Bücher lesen, welche schwer verständlich sind. Was sind die wesentlichen Punkte?

Das ist nicht einfach zu erklären; dafür braucht man direkte Erfahrung. Das Kotodama ist sehr alt und selbst in Japan geht es verloren. In Japan entwickelt sich zunehmend amerikanischer Geist und Kultur. Kotodama ist sehr historisch und O’Sensei mochte Shintoismus, aus welchem Kotodama hervorging. Aber man sollte nicht zu viel über Vergangenes nachdenken, es ist wichtig im Jetzt zu leben und in die Zukunft zu blicken.
Wir brauchen ein Kotodama Forschungsinstitut – eine Universität!

Was denken Sie über Zen?

Ich komme aus einer buddhistischen Gemeinde, in der Zen praktiziert wird. Aber ich mag Zen nicht. Zen ist sehr ermüdend. Im Westen mag man Zen und Meditation, was auch sehr sinnvoll ist. Zen-Denken, Zen-Geist erfordern Konzentration und Fokus – kein Denken und einen klaren Kopf. Nicht ans Geld denken, nicht ans Haus denken, sich nach innen kehren.

Sind in unseren allgemeinen Übungsstunden bestimmte Aspekte dieser Philosophien besonders wichtig oder sollten wir einfach so gut wie es uns möglich ist üben?

Die Philosophien sind wichtig, doch in der Praxis braucht man Leichtigkeit und Einfachheit – kein Nachdenken. Mir fiel in diesem Camp auf, dass die Schüler mit hohen Kyu-Graden sehr schnell meine Bewegungen kopierten. Aber die älteren Aikidoschüler haben schon sehr viel Aikidokenntnisse und nun müssen sie plötzlich meine „Aikidoinformation“ aufnehmen. Die Weißgurte hatten keine Vorinformation und lernten sehr schnell.

Aha – wir Schwarzgurte müssen noch viel lernen. Oder vielleicht viel vergessen! An diesem Wochenende haben Sie viel über Maai (Abstand) und über die Bewegung aus dem Hara gesprochen. Können Sie das näher beschreiben?

Das ist sehr leicht. Man muss nur die Angriffsenergie wahrnehmen. Einige Leute öffnen ihre Augen aber zu spät! Warum zu spät? Zu viel Alkohol, viel Essen, viel Süßes.
Das macht die Wahrnehmung träge. Man braucht Scharfsinn und Selbstkontrolle. Man muss dieses Aikidogefühl immer haben – sowohl im, als auch außerhalb des Dojos. Viele Leute kommen zum Training und üben mit diesem Aikidogefühl, verlieren es aber wenn sie die Matte verlassen. Sie leben einfach ihr Leben ohne den Scharfsinn und die Klarheit, die Aikido mit sich bringen kann – was kümmern einen die Inhalte des Trainings! Man braucht geistige und körperliche Kontrolle, um sein Leben glücklicher zu gestallten.

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